CCS bleibt unvermittelt
Der Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag hat wieder keine Einigung zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid gefunden. Auch bei der Gebäudesanierung bleibt diese aus. Arbeitsgrundlage für eine CCS-Einigung ist nun ein Kompromisspapier, das CCS vorrangig für prozessbedingte Emissionen erlauben will.
Aus Berlin Eva Mahnke und Nick Reimer
Die Hängepartie um ein deutsches Gesetz zur Regelung der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid (CCS) nimmt kein Ende. Bereits zum dritten Mal hat der Vermittlungsausschuss zwischen Bund und Ländern am Mittwochabend keine Einigung erzielt. Obwohl Deutschland nach den Vorgaben einer EU-Richtlinie mittlerweile schon vor mehr als einem halben Jahr ein entsprechendes Gesetz hätte vorweisen müssen, bewegt sich nichts.

Vattenfall hat Pläne für ein neues Kraftwerk am Standort Jänschwalde in Brandenburg. (Foto: Reimer)
Der Streit hängt an der sogenannten Länderklausel: Diese soll es Bundesländern ermöglichen, die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid auf ihrem Gebiet zu verbieten. Mögliche CCS-Lagerstätten sehen Geologen hauptsächlich in Niedersachsen, vor der Küste Schleswig-Holsteins sowie in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden Bundesländer mit den größten Speichern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wollen die Kohlendioxidspeicherung jedoch verbieten, deshalb die Länderklausel. Doch das Kohleland Brandenburg, das bisher als einziges Bundesland den Einsatz der CCS-Technologie verfolgt, sperrt sich vehement dagegen.
Ebenfalls gescheitert ist der Vermittlungsausschuss bei der Gebäudesanierung. Hier geht es um Milliarden von Steuergeldern: Die Bundesregierung hatte in ihr Gesetz geschrieben, dass die energetische Sanierung künftig von der Steuer abgesetzt werden kann. Ziel dieses Gesetzes sei die Sanierungsrate auf zwei Prozent des Gebäudebestandes zu verdoppeln. Weil diese Absetzbarkeit aber die Steuereinnahmen der Länder schmälert, waren sie dagegen auf die Barrikade gegangen: Ohne Ausgleich durch den Bund keine Zustimmung in der Länderkammer.
"Die erneute Vertagung des Vermittlungsausschusses ist ein blankes Politikversagen"
40 Prozent der deutschen Treibhausemissionen entstehen im Heizsektor. Durch die energetische Gebäudesanierung soll der Energieverbrauch massiv gesenkt werden, was zugleich als Konjunkturprogramm für das Handwerk gilt. "Wir haben den Ländern immer wieder vorgerechnet, dass unser Gesetz unterm Strich zu Steuermehreinnahmen führen wird", wetterte Bauminister Peter Ramsauer (CSU). NABU-Präsident Olaf Tschimpke bezeichnete die erneute Vertagung des Vermittlungsausschusses als ein "blankes Politikversagen".
Nach Lösung bei CCS sucht nun eine informelle Arbeitsgruppe aus Landesministern und Mitgliedern der Bundestagsfraktionen. Ihr Kompromisspapier orientiert sich an einem Vorschlag der Grünen, die die Lagerung von Kohlendioxid lediglich zu Forschungszwecken und für sogenannte "prozessbedingte Emissionen" zum Beispiel aus der Zementherstellung erlauben wollen. Entgegen der Ansicht von Kritikern von der Partei Die Linke, die diesen Vorschlag für unvereinbar mit dem EU-Recht halten, habe die Kommission bereits signalisiert, dass ein solches Gesetz machbar sei. Vor der Parlamentswahl in Schleswig-Holstein Anfang Mai wird jedoch mit keiner Einigung gerechnet.
Der jetzige Kompromissvorschlag sieht eine maximale Verpressung von ein bis 1,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid je Speicher und insgesamt vier Millionen Tonnen Kohlendioxid vor. Außerdem heißt es in Anlehnung an den Vorschlag der Grünen: "Industrie-CO2 könnte privilegiert werden, indem Industrie-CO2 beim Zugang zu Transport- und Speicheranlagen besonders zu berücksichtigen ist und die Bedeutung der CO2-Speicherung für Industrie-CO2 im Gesetzeszweck herausgestellt wird." Zur umstrittenen Länderklausel enthält das Papier allerdings auch noch keinen Vorschlag.
Die Regierung Brandenburgs hält CCS für einen wichtigen Baustein in der Energiestrategie des Landes. (Foto: Reimer)
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält die CCS-Technologie ohnehin für "gestorben". Zumindest in den kommenden 20 Jahren werde sie den jüngsten Ergebnissen einer DIW-Studie zufolge in Deutschland keine Rolle spielen. "Die Bundesregierung muss ihr Energiekonzept von 2011 revidieren", sagt deshalb Christian von Hirschhausen, Professor für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik an der Technischen Universität Berlin und Mitautor der Studie. "Strategien, die auf die Verfügbarkeit von CCS in den kommenden 10 bis 20 Jahren setzen, sind hinfällig und weder ökonomisch noch energiepolitisch sinnvoll."
Zwar hat der Energiekonzern Vattenfall ein Projekt zur Demonstration der CCS-Technologie vorerst abgesagt. CCS-Gegner aus potentiellen Lagergebieten sehen die Gefahr dagegen noch nicht gebannt. Erst am vergangenen Wochenende protestierten Bewohner des östlich von Berlin gelegenen Landkreises Oder-Spree gegen den Beginn geologischer Tiefenuntersuchungen, die das Geoforschungsinstitut Potsdam, die Technische Universität Cottbus und Vattenfall durchführen wollen. Die Erwartungen an die CCS-Technologie seien viel zu optimistisch, kritisiert Christian von Hirschhausen. Bei keinem der in Europa mit viel Geld geförderten Pilotprojekte sei "ein Erfolg in Richtung einer funktionierenden CCS-Kette absehbar."
Dennoch hält die rot-rote Landesregierung auch im Entwurf ihrer neuen Energiestrategie an der Kohle fest. Das Land will weitere Tagebaue erschließen und neue Kraftwerke bauen. Damit das bei der Verbrennung entstehende Kohlendioxid nicht die Klimabilanz in den Keller zieht, setzt die Regierung auf ein europäisches Pipeline-Netz, das den Klimamüll in Lagerstätten unter die Nordsee transportieren sollen. Zwar stehen Finanzierung und Realisierbarkeit eines solchen Netzes noch in den Sternen. Dennoch braucht Brandenburg, um die gesetzlichen Weichen langfristig in seinem Sinne zu stellen, die Zustimmung von Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

So sehen die sehr vagen europäischen Vorstellungen zu einem Kohlendioxid-Pipeline-Netz aus. (Grafik: EU-Kommission)
Die Landesregierung rennt mit der Braunkohle in eine klimapolitische Sackgasse", sagte die Greenpeace-Expertin Anike Peters gestern in einer öffentlichen Anhörung zum Entwurf der Energiestrategie im Brandenburger Landtag. In den Augen von Umweltschützern ist CCS lediglich ein Argument, mit dem die gegenwärtige Energieinfrastruktur konserviert und der Umbau zu erneuerbaren Energien gebremst werden soll. Anfang März soll das Kabinett entscheiden.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 03 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Neun Bundesländer wollen dem Gesetz in seiner jetzigen Form nicht zustimmen und deshalb den Vermittlungsausschuss anrufen
Der Vermittlungsausschuss konnte gestern für keines der Gesetze eine Einigung erzielen
Greenpeace macht Druck auf Niedersachsens Ministerpräsident, der am kommenden Freitag im Bundesrat für das CCS-Gesetz stimmen will
Bürgerinitiative "CO2-Endlager stoppen" aus Beeskow: Mit vorgesehener Länderklausel wird Brandenburg zum CO2-Müll-Lager der Nation
Wirtschaftsminister Christoffers will im Bundesrat die Streichung der Länderklausel und eine Ausweitung der Haftung fordern
Ein vom BUND und Greenpeace in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu dem Ergebnis, dass die Bundesländer mit der so genannten "Länderklausel" den Einsatz der CCS-Technik auf ihrem Gebiet nicht zuverlässig verhindern können. Die Umweltorganisationen appellieren deshalb an die Bundesländer, das CCS-Gesetz im Bundesrat zu verhindern.
Das Gesetz zur unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid sorgt weiter für Unstimmigkeiten zwischen den Ländern. Am Mittwoch beschäftigte das CCS-Gesetz sowohl den Kieler Landtag als auch den Umweltausschuss des Bundestags.
Die Bundesregierung ruft den Vermittlungsausschuss an
Über Berge und Täler will die Bundesregierung mit dem am Dienstag vom Kabinett beschlossenen Energiekonzept führen. Doch die Änderung des Atomgesetzes und das neue Kernbrennstoffsteuergesetz müssen erst noch durch den Bundestag, ein Gesetz zur Gebäudesanierung ist noch gar nicht formuliert und dann stehen der Regierung auch noch mehrere Verfassungsklagen ins Haus.
Noch sechs Tage bis zum Beschluss des schwarz-gelben Energiekonzepts: Null-Emissionen-Standard scheint vom Tisch - anspruchsvolles Dämmen und Sanieren soll es nicht mehr geben
Die Grünen im Bundestag wollen mit einem eigenen Vorschlag im Vermittlungsausschuss die Blockade beim CCS-Gesetz beenden. Demnach soll die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid erlaubt werden - allerdings nur zu Forschungszwecken und für sogenannte "prozessbedingte Emissionen". Die Speicherung von CO2 aus Kohlekraftwerken wäre damit ausgeschlossen.
Tag eins nach dem Energiekonzept: Angela Merkel macht deutlich, wer statt der Wirtschaft zahlen soll: zum Beispiel die Mieter. Nebenbei propagiert sie die CCS-Technologie
Vermittlungsausschuss kann sich nicht einmal auf Verfahrensfragen einigen
Gebäudesanierung soll nun doch steuerlich absetzbar werden



