Eicke Weber: "Wie Tempo 30 auf der Autobahn"
Eicke Weber ist Leiter des Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) und einer der führenden Forscher im Bereich der regenerativen Energien. klimaretter.info sprach mit ihm über die aktuelle Diskussion um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Solarförderung.
Herr Weber, die Regierungskoalition hat ihre Entscheidung zur nächsten Reduzierung der Solarförderung auf Ende Februar verschoben. Aber es scheint darauf hinauszulaufen, dass nicht nur vierteljährlich oder monatlich statt wie bisher halbjährlich gekürzt wird, wie es Norbert Röttgen (CDU) wollte. Auch die Förderhöhe selbst soll um weitere zehn bis 40 Prozent sinken. Zudem sind die Freiflächenanlagen im Visier. Ist das notwendig, um die Umlage durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) nicht stärker steigen zu lassen?
Eike Weber: Ich persönlich verstehe die ganze Aufregung nicht. Es stimmt, dass wir im letzten Jahr noch einmal einen unerwartet großen Ausbau der PV-Anlagen auf 7,5 Gigawatt installierter Leistung hatten. Aber auf der anderen Seite war ja bei dem großen Anstieg der EEG-Umlage vor zwei Jahren ein Photovoltaik-Markt von je 9,5 Gigawatt für 2010 und 2011 eingeplant worden. Die 7,5 Gigawatt liegen nun unter diesem Plan, was der Grund dafür ist, dass die EEG-Umlage jetzt gar nicht steigen muss. Für die Stromkunden gab es also keine zusätzliche Belastung durch die Installation der Photovolatik in 2011.
Die Bundesregierung plant aber mit einem Photovoltaik-Ausbau von höchstens 3,5 Gigawatt jährlich. Der wurde nun zwei Jahre hintereinander um das Doppelte übertroffen.
Ja, aber das ist eine andere Rechnung. Der Korridor von 3,5 Gigawatt im Jahr ist der Zielkorridor, auf dem der sogenannte atmende Deckel aufgebaut ist. Das bestehende EEG schreibt vor: Werden mehr als 3,5 Gigawatt installiert, erfolgen zusätzliche Senkungen der Einspeisevergütungen. Aber die Frage, wie sehr die EEG-Umlage erhöht werden muss, wird in einem gemeinsamen Verfahren mit den Stromversorgern und der Bundesnetzagentur entschieden. Laut deren Berechnungen sollten jeweils zehn Gigawatt installiert werden.
Der Hintergrund war damals: Die Industrie war daran interessiert, eine möglichst große Zahl zu bekommen, damit es politisch schlecht für die Solarbranche aussah. So wurde der Anstieg auf 3,5 Cent, davon nur 1,5 Cent für die PV, dann ja auch gewertet. Aber nun wurden die 9,5 Gigawatt nicht erreicht, die EEG-Umlage ist auch aus anderen Gründen 2011 auf 3,53 Cent gestiegen; und in diesem Jahr sogar nur um weitere 0,06 Cent. Die augenblickliche Diskussion ist eine künstliche Aufregung aus interessierten Kreisen.
Damit meinen Sie den wirtschaftspolitischen Flügel von Union und FDP, die die Energiewende zurückdrehen wollen ...
... oder Teile dieser Parteien, die die Interessen der großen vier Stromversorger RWE, Eon, Vattenfall und EnBW vertreten wollen. Schauen Sie, die vier beginnen sich wegen der Photovoltaik große Sorgen zu machen. Die Kilowattstunden, die durch Solarenergie erzeugt werden, gehen ihrem Geschäft verloren. Solange die Photovoltaik unter einem Prozent des Stroms eingespeist hat, haben sie sich recht wenig darum gekümmert, haben sogar Programme für Schulen gesponsert, damit Kinder etwas über Solarenergie lernen. Aber jetzt kommen mehr als drei Prozent des Stroms aus der Photovoltaik - mit schnell steigender Tendenz.
Dazu kommt: Die Photovoltaik frisst den Stromkonzernen den besonders lukrativen Spitzenstrom weg. Die Stromunternehmen haben in der Vergangenheit am meisten an dem Spitzenstrom verdient, der im Sommer zur Mittagszeit anfällt. Der ist der teuerste Strom an der Strombörse, da waren die Gewinne am größten. Deswegen greift die Leistung der Photovoltaik, obwohl sie immer so klein dargestellt wird, in die Gewinnstruktur der Stromversorger ein. Ich kann natürlich verstehen, dass die Stromversorger alle ihre Hebel einsetzen, um die Photovoltaik schlechtzumachen. Und die Hebel haben sie sowohl in die Medien als auch die Politik.
Befürworten Sie momentan überhaupt Änderungen für die Solarförderung im EEG?
Ich finde es sehr vernünftig, den Einspeisetarif nicht nur halbjährlich, sondern zum Beispiel vierteljährlich zu überprüfen. Ob es monatlich sinnvoll ist, bin ich skeptisch – das würde eine große Planungsunsicherheit mit sich bringen. Und natürlich bin ich dafür, dass Investitionen in die Photovoltaik keine zwölfprozentigen Renditen ergeben, wie es manchmal der Fall war, sondern sechs bis acht Prozent. Aber wir brauchen einen Ausbau der Photovoltaik auf 50 bis 70 Gigawatt, wenn wir die Abschaltung der Kernkraftwerke ausgleichen und auch die schlimmsten Kohlekraftwerke abschalten wollen. Davon sind wir noch weit entfernt

Produktion bei Astronergy in China. Ein großer Teil der Anlagen stammt von deutschen Maschinenbauern, weshalb auch deutsche Techniker im Werk anwesend sind - deshalb das dreisprachige Verbotsschild. (Foto: Eicke Weber)
Sie fordern weitere Hilfen für die deutsche Solarindustrie, damit sie mit der chinesischen mithalten kann. Wie sollen diese konkret aussehen?
Das Wichtigste ist ein besserer Zugang zu Investitionskapital. Wenn die deutsche Solarindustrie dadurch ermöglicht bekäme, in Deutschland eine Ein-Gigawatt-Fabrik neuesten Standards aufzubauen, wären deutsche Solarzellen absolut konkurrenzfähig mit chinesischen, koreanischen und taiwanesischen Zellen. Ein wichtiger Grund der gegenwärtigen Krise der deutschen Solarunternehmen ist, dass sie in Deutschland auf Produktionslinien produzieren, die drei, vier oder fünf Jahre alt sind, während sich die Chinesen die Produktionslinien erst in den letzten zwei Jahren gekauft haben. Und nur eine Gigawatt-Fabrik ist heute wirklich kosteneffizient.
Das bedeutet: noch mehr Subventionen für die Photovoltaik.
Nein, ich bin gegen direkte Subventionen. Man sollte nur ähnliche günstige Investitionsbedingungen schaffen wie sie China heute schon hat. Der schwierige Zugang zu Investitionskapital ist im Übrigen nicht nur das Problem der Photovoltaik, sondern aller Schlüsseltechnologien in Europa. China hat seinen Photovoltaikfirmen große Geldmengen, etwa 50 Milliarden US-Dollar, als sehr günstiges Investitionskapital zur Verfügung gestellt haben.
Damit würden marktwirtschaftliche Prinzipien ausgehebelt. Firmen, die derzeit am Markt nicht überlebensfähig sind, wie beispielsweise Q-Cells, erhielten neues Geld, um weiter mitspielen zu dürfen.
Ich bin ja Aufsichtsratsmitglied bei Q-Cells, deshalb darf ich nichts sagen, was nicht allgemein publiziert ist. Das Problem bei Q-Cells ist aber nicht, dass das Unternehmen im derzeitigen Geschäft keine schwarzen Zahlen vorweisen könnte. Aber 2009 hatte Q-Cells einen Betriebsverlust von einer Milliarde Euro, weil es zuvor falsche Investitionsentscheidungen getroffen hatte, etwa in die Dünnschichttechnologie. Damals war in der Diskussion: Silizium wird vielleicht nicht die am Schluss gewinnende Solartechnologie – also hat man auch in Dünnschicht investiert. Das hat Q-Cells einen Schuldenberg von 600 Millionen Euro beschert, den es bis heute mit sich herumschleppt.
Durch einen erleichterten Zugang zu Investitionskapital werden zukünftige Fehlentscheidungen noch leichter gemacht. Bezahlen muss dann die Allgemeinheit, wenn die Kredite aufgrund von Insolvenzen nicht mehr bedient werden können.
Deswegen lautet der Vorschlag, Investitionskapital nicht zu 100 Prozent zu garantieren, sondern nur zu 50 oder 75 Prozent. Die Banken, die die Gelder geben sollen, müssen natürlich "due diligence" betreiben und prüfen, ob der Vorschlag tragfähig ist. Es geht ja um die Frage, ob eine vorgeschlagene Investition eine für Produkte ist, die am Markt mit Profit verkauft werden können.
Für wie realistisch halten Sie, dass ihr Vorschlag weiterer Investitionshilfen sich politisch durchsetzen kann?
Das können wir nur auf europäischer Ebene in die Hand nehmen. Dieser Vorschlag war übrigens in der Empfehlung der "High Level Group on Key Enabling Technologies" enthalten, der im vorigen Sommer der EU-Kommission präsentiert wurde. Die Frage ist: Will Europa beginnen, Industriepolitik zu machen – oder nicht? Wir haben in so vielen Bereichen, etwa der Mikroelektronik, Technologien, die in Europa entwickelt wurden, zu hundert Prozent in andere Kontinente abgeben müssen. Derzeit ist Europa bereit, große Milliardensummen zur Rettung von Banken oder ganzen Staaten auszugeben. Was spricht dagegen, einen Topf von 50 Milliarden zu Gunsten von Investitionsgarantien für Schlüsseltechnologien bereitzustellen?
Der umgekehrte Weg ist, sogenannte Local-Content-Vorschriften wie in Italien oder dem kanadischen Bundesstaat Ontario einzuführen. Dort gibt es Zuschüsse für Erneuerbaren-Anlagen nur dann, wenn ein bestimmter Prozentsatz der Anlagen in der Europäischen Union beziehungsweise Ontario selbst produziert wurde. Halten Sie das für falsch?
Die Local-Content-Vorschriften verstoßen gegen das Welthandelsabkommen der WTO. Sie werden mit dem Hintergedanken beschlossen: Es dauert mehrere Jahre, bis ein WTO-Verfahren durchgeführt wird, bis dahin haben wir unsere Geschäfte gemacht. Ich finde, wir als Exportnation sollten nicht das Land sein, dass mit solchen Vorschriften bewusst gegen WTO-Regeln verstößt. Das könnte Rückschläge auf anderen Gebieten für unsere Exportinteressen zur Folge haben.
Local-Content-Vorschriften wären aber im Rahmen von Hermes-Bürgschaften zur Entwicklungsförderung möglich. Deutschland könnte sich etwa entschließen, das Sustainable Energy for All-Jahr, das UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon für 2012 ausgerufen hat, ernstzunehmen und einen wichtigen Teil seiner Hilfen als Hilfe zur eigenen Energieerzeugung aus Wind und Photovoltaik zu leisten. Da ist es logisch, Vorschriften zur Verwendung deutscher Anlagen zu machen.
Wenn ich Sie richtig verstehe: Sie sehen für den Siegeszug der chinesischen Solarmodule nicht die niedrigen Arbeitskosten als entscheidend an.
Absolut nicht. Die Arbeitskosten an der Herstellung eines Solarmoduls betragen fünf oder sechs Prozent. Selbst wenn die Chinesen für null arbeiten würden, würde das nur sehr wenig Kostenvorteil bringen.
Das debattieren die führenden Analysten der Solarbranche anders. Beim „Forum Solarpraxis", dem alljährlichen Herbsttreff der Branche in Berlin, drehte sich deren Diskussion nur noch darum, ob man nur die Zell- oder gleich die gesamte Modulproduktion nach Asien auslagern sollte.
Ich war in China bei einem großen Unternehmen wie Astronergy, das bisher konventionelle Elektrik gemacht hat und jetzt ins Solargeschäft einsteigt. Die sagen, dass sie bei ihren Investitionsentscheidungen auch Deutschland im Blickfeld haben. Astronergy weiß ganz genau, dass das Arbeitskostenargument nicht das Entscheidende ist.
Was ist, wenn sich Philipp Rösler mit seinem 1.000-Megawatt-Deckel durchsetzt?
Das Gerede um den Solardeckel finde ich besonders schädlich. Deutschland muss weltweit den Eindruck verteidigen, dass es in der Photovoltaik-Technologie führend ist. Und wenn Deutschland den Rösler-Deckel einführt, wäre das ebenso, als würden wir auf den deutschen Autobahnen ein 30-Stundenkilometer-Limit einführen – die deutsche Autoindustrie wäre dann weltweit nicht mehr dort, wo sie heute ist. Die Botschaft eines 1.000-Megawatt-Solardeckels heißt: Deutschland glaubt nicht mehr an die Photovoltaik.
Interview: Martin Reeh
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