Braune Grüne unterwegs
Teile der NPD können sich für Umweltschutz begeistern. Udo Pastörs, NPD-Landtagsabgeordneter in Schwerin und stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD, versuchte einst, eine Bürgerintiative gegen Braunkohle für sich zu gewinnen.
Raimund Borrmann ist ein großer Freund der Alleen. Borrmann saß in der vergangenen Legislaturperiode für die NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und war in seiner Fraktion Sprecher für Umwelt-, Kultur- und Heimatschutz. Bei einer Plenumsdebatte über den Schutz von Alleebäumen griff der studierte Philosoph zu blumigen Worten: Alleen seien "vertraute Begleiter", sagte er, sie "schmücken durch Blütenpracht, Blätterleuchten und Kronenrund". Namens seiner Fraktion tadelte Borrmann die Landesregierung für ihre Untätigkeit und forderte "ausführliche Schutzvorschriften" für die Bäume.

Die Alleen in Mecklenburg-Vorpommern begeistern die NPD. (Foto: AnTic, Wikipedia)
Umweltschützer sind meist überrascht, wenn Rechtsextreme von Ökologie reden und Neonazis grün gefärbt auftreten. Dabei ist Borrmanns Rede kein Einzelfall. Die NPD-Landtagsfraktionen in Schwerin oder auch Dresden bringen regelmäßig Anträge und Anfragen zu Umweltthemen ein, in Mecklenburg-Vorpommern war die Partei schon früh an Anti-Gentechnik-Protesten beteiligt. Neonazi-Kameradschaften rufen zu "Nationalen Säuberungstagen" auf, an denen Müll aus Wäldern oder Parks gesammelt wird. Bei den sogenannten Autonomen Nationalisten gibt es eine AG Tierrechte, einige Aktivisten beteiligten sich auch schon an Castor-Blockaden. Längst hat die rechtsextreme Szene eigene Öko-Zeitschriften wie Umwelt & Aktiv. Naturspiele für Kinder und Berichte über die tauenden Permafrostböden in Sibirien stehen darin neben Rezepten für altgermanischen Met oder Artikeln über "Neophyten", aus anderen Erdteilen eingeschleppten Pflanzen, die einheimische Arten verdrängen – unterschwellig wird da suggeriert, die Einwanderung von Menschen nach Europa sei genauso bedrohlich.
Wer genau hinhört, erkennt die braunen Grünen schnell
Viele Forderungen der braunen Grünen decken sich mit denen von Umweltverbänden oder Bündnisgrünen. Doch wer genauer auf die Begründungen achtet, hört fast immer die rechtsextreme Gesinnung heraus: Umwelt- oder Tierschutz ist bei Leuten wie Raimund Borrmann eingebettet in ein rechtsex remes Weltbild. So sprach er in seiner Alleen-Rede beiläufig von "Pommern" statt von Vorpommern – ein verschlüsselter Gebietsanspruch auf ehemals deutsche Gebiete östlich der Oder. Die Alleen des Landes seien "Teil unserer kulturellen Geschichte", so Borrmann weiter, "führen sie nun nach Schwerin, Stettin, Breslau oder Prag".
Es ist – leider – kein Zufall, dass Umweltschutz und Rechtsextremismus so gut zusammenpassen. "Im Verlauf der Ökologiegeschichte waren es entgegen der heute vorherrschenden Meinung nicht etwa anarchistische, marxistische, sozialdemokratische oder liberale Strömungen, die den Charakter der Ökologie entscheidend prägten", schrieb Oliver Geden 1996 in seinem Buch "Rechte Ökologie". "Es war zumeist konservatives bis faschistisches Gedankengut, das sowohl der ökologischen Wissenschaft als auch den ökologischen Bewegungen seinen Stempel aufdrückte." Geden zeichnet nach, wie eng die Begründung der Ökologie seit dem späten 19. Jahrhundert mit sozial-darwinistischem und rassistischem Denken verzahnt war.

Umweltschützer und NPD-Mitglied: Oft verträglich. (Foto: Wikimedia Commons)
Rechtsextremisten übertragen wirkliche oder vermeintliche Erkenntnisse aus der Naturbeobachtung linear auf menschliche Gesellschaften; nach diesem Muster versucht auch die NPD heute, scheinrationale Begründungen für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu finden. "Der Nationalismus", heißt es etwa in einem internen Schulungspapier, "ist die politische Ausprägung des Territorialverhaltens und dient somit der Existenzsicherung und der Arterhaltung, einem biologischen Grundprinzip." In Wirklichkeit meint die NPD: Weil Tiere sich gegenseitig fressen, dürfen auch Menschen und Staaten Kriege anfangen.
Erhalt von Heimat und Natur zur Erholung für die Wehrmacht
Nicht nur die Ökologie als Wissenschaft, so Geden, sondern auch die Umweltbewegung habe tiefbraune Wurzeln. Die Naturschutz- und Lebensreform-Gruppen, die vor gut hundert Jahren hierzulande entstanden, seien geprägt gewesen von der antimodernistischen Zivilisationskritik der völkischen Bewegung. Wuchernden Städten wurde das romantische Ideal vom deutschen Bauern auf eigener Scholle entgegengesetzt. Von der Idee des technischen Fortschritts als unorganische und zersetzende Kraft war es dann nicht weit bis zum nationalsozialistischen Hass auf jüdische und andere "artfremde" Einflüsse.
Der Geschäftsführer des Bundes Naturschutz (der Jahrzehnte später im BUND aufging) formulierte 1940 als Aufgabe seines Verbandes, "die Heimat und die Natur sauber und schmuck zu erhalten und zu gestalten an dem Tag, wo das Heer der deutschen Soldaten aus Blut und Krieg heimkehrt in das gerettete Vaterland". Noch heute verweisen Neonazis gern darauf, dass Hitlers Reichsnaturschutzgesetz bis in die 1970er-Jahre weitergalt.
Als sich in der jungen Bundesrepublik erster Widerstand gegen Atomkraftwerke regte, war der rechtsextreme "Weltbund zum Schutz des Lebens" von Anfang an dabei. Auch bei der Entstehung der Grünen war lange nicht klar, ob sich dort linke oder rechte Strömungen durchsetzen. Die NPD kümmert sich seit den 1960er-Jahren um Agrar- und Umweltpolitik. Als die Partei 2004 in Sachsen erstmals seit Jahrzehnten wieder in einen Landtag einzog, stand ihr laut Geschäftsordnung der Vorsitz eines Fachausschusses zu – sie übernahm den für Umwelt und Landwirtschaft. Da gebe es "eine Klientel für uns", sagt Robert Beck offen. Auch könne man dadurch zeigen, "dass wir nicht nur zur Ausländerthematik arbeiten". Beck ist 30 Jahre alt und Umweltreferent der Fraktion. Rein äußerlich scheint er so gar nicht zur NPD zu passen: "Na, Struppi", grüßen ihn die Kollegen auf dem Fraktionsflur; Beck trägt Lockenmähne, Vollbart und eine Jack-Wolfskin-Fleecejacke. Fotos an seiner Büropinnwand zeigen den Gärtnermeister und passionierten Jäger mit erlegten Rehen. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Landtagsdrucksachen und ökologische Fachzeitschriften. Er schreibt Anträge gegen die Besteuerung von Biodiesel und für strenge Sperrzeiten bei der Grünlandmahd, hat sich eingearbeitet in die Details und Fallstricke des parlamentarischen Betriebs. Längst hat die NPD gelernt, auch mehrseitige Gesetzentwürfe mit komplizierten Paragrafen korrekt zu formulieren.
Schon mit 17 ist Beck in die NPD eingetreten. Er bezeichnet sich als "nationalen Deutschen", und da sei es doch «ganz normal», dass man sich um die Lebensgrundlagen seines Volkes kümmere. "Ohne eine ökologisch verantwortliche Politik», heißt es im NPD-Programm, «ist jedes Volk in seinem Bestand bedroht." Aus dieser völkischen Grundhaltung folgen dann aber Dinge, mit denen sich die NPD von wirklichen Ökologen unterscheidet. Den Gen-Mais MON810 etwa lehnt die Partei vehement ab; aber als Begründung führt sie stets an, bei Monsanto handele es sich um einen US-Konzern. Nun wäre deutsche Gentechnik zwar keinen Deut harmloser. Für die NPD aber liegt das Problem darin, dass Gen-Mais den Deutschen "die Möglichkeit zur ernährungstechnischen Autarkie" nehme. Und während Gentechnik-Gegner schlicht vor einer dauerhaften Verschmutzung der Umwelt durch Gen-Pollen warnen, fürchtet die NPD eines ganz besonders: Die Freisetzung sei, warnt das Parteiblatt hier & jetzt, "nach einem erfolgten Machtwechsel" nicht "wieder rückgängig zu machen".
"Polnische Piratenfischer bedrohen die Existenz unserer Fischer"
Praktisch überall in rechtsextremen Öko-Argumentationen ist braune Ideologie versteckt: Wenn Nazi-Tierrechtler gegen das Schächten unbetäubter Schlachttiere protestieren, hat das stets einen rassistischen Unterton. "Polnische Piratenfischer bedrohen die Existenz unserer Fischer!", heißt es in Flugblättern der Schweriner NPD-Fraktion – nicht-rechte Umweltschützer würden dagegen die Überfischung der Ozeane anprangern. Ihm sei schon klar, so Beck, dass Umweltschutz nicht an den Grenzen aufhöre – aber "als Nationaler bin ich meiner Heimat mehr verpflichtet als anderen Ländern". In seinem Bücherregal stehen die Memoiren von Baldur Springmann, einem extrem rechten Mitbegründer der Grünen, der später auch in der ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei) aktiv war.
Dass die NPD keine echte Öko-Partei ist, zeigt das folgende Beispiel: Ginge es ihr um die Umwelt, müsste sie die Kohleverstromung generell ablehnen. Doch Braunkohle ist eben auch "ein heimischer Energieträger", und Importabhängigkeit fürchten Nationalisten mehr als die Erderwärmung. Als vor vier Jahren in Mecklenburg Pläne für einen Tagebau bekannt wurden, machte die dortige NPD zwar sofort Front dagegen. Doch in ihren Flugblättern war vom Weltklima nicht die Rede. Stattdessen las man dort, dass "ein Großkonzern aus Übersee" die "Zerstörung unserer Heimat" plane.

Braunkohlegegner aus Lübtheen erhielt einst unerwünschte Unterstützung der NPD. (Foto: Bürgerinitiative Braunkohle nein)
Thomas Blaudszun von der Bürgerinitiative "Braunkohle nein!" im mecklenburgischen Lübtheen erinnert sich, wie ein Herr namens Udo Pastörs im April 2005 beim Gründungstreffen auftauchte. "Er trat auf als feiner, höflicher, gebildeter Mensch mit sehr gewählten Umgangsformen", so Blaudszun, "ergriff das Wort in der Versammlung und hatte gute Ideen." Erst später fiel ihm auf, dass Pastörs mit einigen Leuten gegen den Willen des Vorstandes zielgerichtet den Arbeitskreis Politik der Bürgerinitiative zu übernehmen versuchte, exklusiv für Kontakte zu Parteien zuständig sein wollte und immer wieder bestrebt war, den Protesten einen anti-amerikanischen Drall zu geben. Irgendwann wurde Blaudszun klar, dass sie es mit knallharten Rechtsextremen zu tun hatten – heute ist Pastörs Chef der Schweriner NPD-Landtagsfraktion. Im Landtagswahlkampf 2006 konnte er sich der Öffentlichkeit dank des Engagements in der Bürger initiative als Kohlegegner präsentieren. "Pastörs hatte erkannt, dass es ein gutes Profilierungsthema für ihn und die NPD war", sagt Blaudszun. "Und wir waren ein bisschen naiv."
Erst nach monatelangem Kampf gelang es der Initiative, Pastörs aus dem Verein herauszudrängen. Dieser habe ihm, so Blaudszun, auch einmal zugeraunt: "Wir führen Listen über unsere Gegner! Wenn wir an die Macht kommen, gehen die als Erste..."
Dieser Text erschien zuerst im Greenpeace Magazin 4/09 und ist Teil eines Sammelbandes der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Titel Braune Ökologen. Strukturen und Hintergründe am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns. Das Buch kann dort bestellt oder kostenlos heruntergeladen werden.
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