Harakiri Now
Die Endphase des Zweiten Weltkrieges war ein totales Gemetzel. Zu keinem anderen Zeitpunkt dieser Apotheose von Gewalt und Zerstörung erreichte die Zahl der militärischen und zivilen Opfer solche Größenordnungen. Allein bei der deutschen Wehrmacht addierten sich die Verluste von Mitte 1944 bis zur Kapitulation im Mai 1945 auf 350.000 Mann pro Monat. An der "Heimatfront" sah es wenig anders aus. Der größte Teil der zahllosen Opfer der alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte sowie der Todesmärsche von Häftlingen aus den NS-Konzentrationslagern war in den allerletzten Kriegsmonaten zu beklagen. Sie machten aus Deutschland ein gigantisches Leichenhaus.
Auch heute leben wir in einem globalen Krieg. Es ist diesmal kein Krieg wild gewordener Nationen gegeneinander, sondern ein Krieg der Menschheit gegen alles nicht-menschliche Leben auf der Erde, letztlich ein Krieg der Menschen gegen sich selbst. Ein bankrottes totalitäres, sich alles einverleibendes Gesellschaftssystem, die kapitalistische Wachstums- und Verschwendungswirtschaft, bäumt sich noch einmal auf und droht, wie einst die im Bunker unter Hitlers Reichskanzlei verschanzten Nazi-Verbrecher, im Untergang alles mitzureißen, verbrannte Erde zu hinterlassen.
Zu einem Zeitpunkt, wo sich die Grenzen des Wachstums deutlicher abzeichnen als jemals zuvor, wo selbst abgebrühten Konservativen Zweifel am Ewigkeitsparadigma ökonomischer Expansion kommen, wird noch einmal alles aufgeboten, was dieses ins Absurde abgeglittene System einer sich selbst genügenden Warenproduktion am Leben hält. Eigentlich ist längst egal, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung im engeren Sinne etwas taugt. Mit der Herstellung und der Vermarktung von Gütern ist deren Sinn bereits erfüllt. Und je schneller sie auf dem Müll landen, umso besser.
Vermarktung ist alles
Nie war der Verbrauch natürlicher Ressourcen größer als heute, nie wurden mehr Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen, niemals zuvor in der Geschichte des homo sapiens sapiens, dessen kollektive Weisheit in zunehmendem Maße angezweifelt werden muss, wurden mehr Arten von diesem Planeten getilgt, niemals mehr Böden versiegelt und degradiert, die Grundlage allen Lebens.
Die Erwartung, dass sich mit steigenden Preisen für fossile Energieträger und andere Rohstoffe irgendwann die Wachstumsfrage von selbst lösen werde, erfüllt sich (noch) nicht. Im Gegenteil: Hohe Preise machen die Ausbeutung der allerletzten Reserven erst rentabel. Mit aberwitzigen Methoden wird jeder Liter Öl, jeder Kubikmeter Gas, jedes Kilogramm "seltener Erden" aus dem Boden gepresst. Längst haben die Konzerne die unwirtlichsten Refugien des Planeten ins Visier genommen, die Arktis, die Wüsten und die Tiefsee, wo viele Arten ausgelöscht zu werden drohen, bevor sie überhaupt ein Wissenschaftler zu Gesicht bekommen hat.

Planet Erde. (Foto: Nasa)
Apokalyptische Berichte
Auf dem Höhepunkt der gefährlichsten Finanz- und Staatsschuldenkrise der Nachkriegszeit, letztlich ausgelöst durch zügelloses, Schulden finanziertes Wachstum, meldet die heimatliche Autoindustrie einen Rekordabsatz nach dem anderen, eilen die Passagier- und Frachtzahlen der Flughäfen von Spitzenwert zu Spitzenwert, verkündet die Arbeitsagentur eine nie dagewesene Zahl an Erwerbstätigen, feiern die Deutschen eine Konsumorgie ohnegleichen. Die Hoffnung mancher Wachstumskritiker, die Krise könnte sich dämpfend auf den ökonomischen Hexensabbat auswirken, bleibt offenbar eine ferne Vision.
Zumindest Deutschland strotzt geradezu vor Wirtschaftskraft und wird, wenn die Kanzlerin recht behält, aus der Krise "gestärkt" hervorgehen, was eher Drohung als Verheißung ist. Und wer sich an der After-Hour-Party nicht beteiligt, wer nicht seiner Bürgerpflicht einer allseitigen "Stärkung der Binnennachfrage" nachkommt, darf sich als Volksschädling und Wirtschaftskraftzersetzer fühlen. Von den Wachstumsfetischisten gehätschelte, willfährige Wissenschaftler befeuern derweil den Glauben an technischen "Wunderwaffen" gegen Klimakatastrophe und Ressourcenmangel. Im Glauben an die unendliche Innovationskraft des Menschen und ewigen Fortschritt vertraut man, wie in Hitlers untergehendem Reich, auf Lösungen, die es noch gar nicht gibt oder deren Nebenwirkungen im Dunkeln liegen.
Wachstum, immer nur Wachstum
Zaghafte wachstumskritische Töne selbst aus dem Munde ausgewiesener Neoliberaler wie des französischen Staatschefs Nicholas Sarkozy sind schnell wieder verstummt. Denn Wachstum und immer wieder Wachstum scheint der einzige Weg zu sein, um der auf Billionen angewachsenen Staatsschulden Herr zu werden. Gleichzeitig verscherbeln bankrotte Staaten wie Griechenland, Portugal oder Italien gesellschaftliches Eigentum und werfen es den Privatinvestoren zum Fraß vor, die auf diese Weise von der Krise profitieren, in die sie die Welt gestürzt haben.
Es ist seit Jahrzehnten das gleiche Spiel. Weil es bisher noch immer geklappt hat, versuchen die "Eliten" auch diesmal wieder, die Krise mit jenen Mitteln zu bekämpfen, die das Desaster erst verursacht haben: Schulden und Wachstum. Dass dieses Wachstum jetzt "grün" sein soll, ändert nichts an der Tatsache, dass jede Art von ökonomischer Expansion mit wachsenden Stoffströmen einhergeht. Die mantramäßig beschworene "Entkopplung" von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist bislang noch nie realisiert worden, weil immer mehr (unnötiger) Komfort mögliche Effizienzgewinne wieder aufgefressen hat.
Entlastend wirken könnte nur ein echtes "Weniger", doch diese einfache Wahrheit wollen die Politiker ihren verwöhnten Wählern nicht auftischen. Wenn diese sie überhaupt zur Kenntnis nehmen würden. Denn die Übung, dem eigenen Leben mittels exzessiven Güterkonsums einen Sinn zu geben, hat sich tief ins Alltagsbewusstsein eingegraben. Ob eine drigend nötige Schrumpfung der Wirtschaftsleistung in gordneten Bahnen verlaufen könnte, ist zweifelhaft. Nicht ganz zu Unrecht befürchten Politiker soziale Unruhen, die durchaus in kriegerische Konflikte münden könnten. Ewiges Wachstum ist für sie auch die (fadenscheinige) Versicherung, dass es Zustände wie in der Weimarer Republik niemals mehr geben soll.
Gewöhnung an die Katastrophe
Die Risiken unseres Harakiri-Lebensstils, der mit freundlicher westlicher Unterstützung von Milliarden Chinesen, Indern, Russen, Brasilianern bereitwillig - und einstweilen ohne schlechtes Gewissen - kopiert und weiter vervollkommnet wird, werden in den nächsten Jahren gewaltig zunehmen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass immer häufigere Ölunfälle die Meere verpesten, dass viele Tier- und Pflanzenarten nur noch im Zoo oder im Botanischen Garten zu bewundern sein werden, dass die Lunge des Planeten, der brasilianische Urwald, womöglich noch in diesem Jahrhundert aufhört zu atmen, dass sich unsere Kulturlandschaften, nicht zuletzt im Zeichen der Revolution der "Öko-Energien" in gesichtslose, globalisierte Industrielandschaften verwandeln.
Wir werden unseren Lebensstil, der uns mit grenzenloser Mobilität, unbeschränktem Güterkonsum und nie gekannter individueller "Selbstverwirklichung" Bequemlichkeiten gebracht hat, von denen noch die Großeltern nur träumen konnten, bitter bezahlen müssen. Als das Gemetzel des Zweiten Weltkrieges endlich zu Ende war, als die halbe Welt in Schutt und Asche lag und sich die Leichenberge türmten, konnten die, die überlebt hatten, wieder von vorne beginnen. Die Stunde Null war auch ein Aufbruch. Doch nach dem ökologischen Desaster, dem wir sehenden Auges in immer rasenderem Tempo entgegensteuern, wird es keinen Aufbruch geben. Wenn erst die natürlichen Systeme in einen neuen, lebensfeindlicheren Zustand umgekippt sind, gibt es auf lange Zeit keine rettenden Nischen und kein Zurück mehr.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
Zurück zur Kolumnen-Übersicht
Die Schlagzeilen um 00 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Standpunkte
Wie grün ist Joachim Gauck? Der "Präsident der Herzen" wird Nachfolger von Christian Wulff. Zu ökologischen Themen hatte der frühere DDR-Bürgerrechtler bislang wenig zu sagen. Zwar hat er einst die Umweltbewegung im DDR-Untergrund gefördert, Gaucks ökologische Einlassungen seitdem sind aber ein gesammeltes Schweigen. Von Georg Etscheit [mehr...]
Meinungen: Ott Macht Politik
Wie US-Firmen die Klimapolitik unterlaufen Fossile Unternehmen versuchen, Zweifel an den Erkenntnissen der Klimawissenschaftlen zu streuen. Diese an sich kaum überraschende Erkenntnis wird jetzt durch interne Dokumente des Heartland-Instituts bestätigt. [mehr...]
Jahrestag
Ein Jahr Fukushima
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Katastrophenschutz: Unwetter ohne Ursachen?
Aufklärung kann vor unschönen Überraschungen schützen – das gilt für moderne technische Gerätschaften ebenso wie für körperliche Liebe oder Naturkatastrophen. Deshalb hat nun das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Aufklärungsschrift herausgebracht. Titel: Detailliert wird darin erklärt, wie es zu[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Das Handelsvolumen zwischen der kommunistischen Regierung und dem ärmsten Kontinent steigt 2010 um 43,5 Prozent. Erstes Weißbuch zu den Beziehungen veröffentlicht.
Rohstoffstrategie der EU: Zweiter Anlauf für mehr Ressourceneffizienz
Nach 40 Stunden Besetzung der Ölplattform Stena Don vor Grönland zwingen eisige Stürme die vier Kletterer in die Knie. Auf der Brücke wartete bereits die Polizei
Das Bundesumweltministerium stellt aktuellen Entwurf zu einem nationalen Ressourceneffizienzprogramm zur Konsultation
Russland und China sind jetzt mit einer Öl-Pipeline verbunden: Die Trasse gilt als neue strategische Verbindung der asiatischen Giganten. 2015 soll eine Gas-Pipeline folgen. Auch aus Kasachstan kommt Gas nach China. Von Johanna Treblin
Das Bruttoinlandsprodukt ist von Juli bis September gegenüber dem Vorquartal um 0,7 gestiegen. Ein steigender Energieverbrauch dürfte die Kehrseite des Wirtschaftsaufschwungs sein.
Mit ihrer neuen Rohstoff-Initiative will die EU-Kommission eigentlich neue Produkte, Energieeinsparung, Abfallvermeidung und verantwortungsvollem Konsum fördern. Kurzfristig aber sagt die Kommission die Pläne ab. Oxfam kritisiert eine einseitige Ausrichtung auf Wirtschaftsinteressen. 


