"So manchem wären schweigende Klimaforscher lieber"
Stefan Rahmstorf, Jahrgang 60, ist Ozeanograph und einer der führenden Klimaforscher im deutschsprachigen Raum. Er gehört zu den Leitautoren des 2007 veröffentlichten Vierten Sachstandsberichtes des Weltklimarates (IPCC).
Rahmstorf erforscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Wechselwirkungen zwischen
Ozeanen und der globalen Erwärmung . Im Jahr 2000 übernahm er die Professur für das Fach Physik der Ozeane an der Universität Potsdam.
Rahmstorf ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Buchautor und mehrfach ausgezeichnet.

Nahezu galoppierend liefert die Wissenschaft neue Erkenntnisse über die Gefährlichkeit der Erderwärmung...
klimaretter.info: Herr Professor Rahmstorf, in einem Monat beginnt der UN-Klimagipfel in Durban, seit dem letzten Treffen in Cancun gab es kaum Fortschritte. Wie war das vergangene Jahr in der Klimawissenschaft?
Stefan Rahmstorf: Sehr interessant. Natürlich geht es längst nicht mehr um grundlegende Fragen des Klimawandels, etwa ob tatsächlich der Mensch die gegenwärtige Erderwärmung verursacht – diese Dinge sind geklärt. Doch es gibt dennoch viele Fragen, die intensiv erforscht und diskutiert werden, beispielsweise der Zusammenhang von Klimawandel und Extremwetterereignissen.
Was in der Klimaforschung ja jedes Jahr quasi automatisch hinzukommt, sind die neuen Messdaten. Und da haben wir gesehen, dass im September die Eisfläche auf dem Polarmeer das Rekordminimum von 2007 wieder eingestellt hat, und 2010 gleichauf mit 2005 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war ...
... wodurch Sie, wenn wir uns recht entsinnen, eine Wette gewonnen haben?
Sie meinen die Wette, die wir mit sechs Kollegen einer Forschergruppe um Mojib Latif angeboten hatten …
... die 2008 eine vorübergehende Abkühlung vorhersagten. Sie wetteten 5.000 Euro dagegen und haben offenbar Recht behalten.
Die Wette bezog sich natürlich nicht auf einzelne Jahre, sondern auf Zehn-Jahres-Mittelwerte. Und da war auch schon vor dem Endwert für 2010 absehbar, dass der globale Temperaturanstieg – anders als von der Latif-Gruppe vorhergesagt – ungebremst weiter vorangeschritten ist.
Was waren für Sie im vergangenen Jahr die, sagen wir, fünf Highlights der Klimaforschung?Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist sicherlich, dass die Abnahme des arktischen Meereises bisher von der Klimaforschung stark unterschätzt worden ist. Eine im Oktober veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Eisdicke in den letzten Jahrzehnten viermal so schnell abgenommen hat, wie es die Modellrechnungen im Durchschnitt ergeben hatten. Bestimmte Aspekte des Klimas wie das Verhalten von Eis sind physikalisch so komplex, dass wir sie noch nicht zuverlässig vorhersagen können.
Interessant sind auch die neuesten GRACE-Satellitendaten über die Eisschmelze in Grönland und der Antarktis. Sie besagen, dass die beiden großen Festland-Eisschilde der Erde an Masse verlieren – und zwar immer schneller.
Überraschend fand ich drittens, dass die Hitzewelle im Sommer 2010 europaweit noch den sogenannten Jahrhundertsommer 2003 übertroffen hat. Hierzulande hatte man von ihr ja nicht so viel mitbekommen, weil der Schwerpunkt weiter östlich lag, in Russland. 2003 hingegen waren Süddeutschland, Frankreich und die Schweiz am stärksten betroffen.
Um die Frage, ob vermehrte Extremwetterereignisse kausal auf den Klimawandel zurückgeführt werden können, ist im vergangenen Jahr eine spannende Debatte entbrannt.
Bislang war das z.B. für den Jahrhundertsommer 2003 gezeigt worden, aber jetzt sind in Nature die ersten Studien erschienen, die das auch für Starkregenereignisse belegen.
Aber die Debatte läuft doch noch!?
Ja sicher, wir forschen in Potsdam selbst auch zu der Frage. Gerade habenwir in den Proceedings der US-Akademie der Wissenschaften eine mathematische Formel veröffentlicht, die den Zusammenhang von Klimaerwärmung und der Häufigkeit neuer Wetterrekorde beschreibt. Damit können wir beispielsweise zeigen, dass der Hitzerekord im vergangenen Jahr in Moskau mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit durch den klimatischen Erwärmungstrend verursacht worden ist. In anderen Worten: statistisch wäre von fünf Rekordhitzewellen eine auch in stabilem Klima zu erwarten – und vier sind hinzugekommen.
Das kann man so präzise sagen??
Das kommt aus unserer Analyse heraus. Wie jedes neue Forschungsresultat muss auch dieses erstmal in der Fachwelt durchdiskutiert werden. Und man wird sehen, ob unsere Analyse dann allgemein Anerkennung findet.

... aber die Politik handelt im Angesicht der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse wie eine Schnecke. (Fotos: Schulze von Glaßer)
Aber zurück zur Top-5-Liste der Klimaforschung: Wir waren erst bei den Punkten 3 und 4.
Für mich gehört da für uns in Deutschland noch eine Studie zum Anstieg des Meeresspiegels an der Nordseeküste hinzu. Sie hat gezeigt, dass die Anstiegsrate in den letzten beiden Jahrzehnten so hoch war wie nie zuvor seit Beginn der dortigen Küstenpegelmessungen. Der Klimawandel zeigt sich auch an unseren eigenen Küsten.
Bescheidenerweise haben Sie ihre eigene Meeresspiegel-Studie gar nicht erwähnt, die international sehr beachtet wurde.
Das war eine gemeinsame Arbeit mit amerikanischen Kollegen, die über Jahre in einer regelrechten Detektivarbeit aus Ablagerungen in Salzwiesen an der US-Ostküste eine zweitausendjährige Geschichte des Meeresspiegels rekonstruiert haben. Und dort zeigte sich, dass die Anstiegsrate im letzten Jahrhundert ein Mehrfaches höher ist als jemals zuvor in den vergangenen zwei Jahrtausenden. In den letzten 2000 Jahren war der Meeresspiegel annähernd konstant – meist war er stabil, nur nach der relativen Wärme des Mittelalters gab es schon einmal einen langsamen Anstieg, aber lange nicht so rasch wie im 20. Jahrhundert.
Wenn man sich das alles anhört, springt eine grobe Diskrepanz ins Auge: Die Klimaforschung weiß immer mehr und immer besorgniserregenderes – die Klimapolitik hingegen bekommt immer weniger hin.
Die Lage ist ja so, dass zwar heute sowohl die Politik als auch die meisten Bürger wissen: Es gibt da ein Klimaproblem, man müsste eigentlich etwas machen. Aber vermutlich ist den wenigsten bewusst, wie drängend das Problem inzwischen ist. Will man die globale Erwärmung noch auf zwei Grad begrenzen, dann muss jetzt sehr rasch und entschieden gehandelt werden – sonst ist das nicht mehr zu schaffen.
Wenn ein Forscher so etwas in der Öffentlichkeit sagt, dann bekommt er mittlerweile schnell das Label "Alarmist" verpasst.
Das hat damit zu tun, dass die politischen Konsequenzen der wissenschaftlichen Erkenntnisse Vielen nicht in den Kram passen. Im Zweifel kritisiert man dann lieber die Überbringer der schlechten Nachricht, als dass man sich den Tatsachen stellt. So Manchem wäre es lieber, die Klimaforscher würden den Mund halten.
Ebenfalls im vergangenen Jahr haben Sie sich ein Scharmützel mit dem RWE-Manager Fritz Vahrenholt geliefert, der die Erderwärmung öffentlich angezweifelt hat. War das ein Highlight 2011 oder eher ein Lowlight?
Dass man ab und zu auch Stellung bezieht, wenn in der Öffentlichkeit wissenschaftlich unhaltbare Dinge behauptet werden, gehört zu den unangenehmeren Pflichten eines Forschers. Aber so etwas sind Nebenschauplätze; was ein Klimaforscher hauptsächlich tut ist natürlich Forschen, und die Highlights sind neue Erkenntnisse dabei.

Und immer häufiger zeigen Extremwetter-Ereignisse, was uns bevorsteht: 2011 sorgte eine nie da gewesene Tornado-Häufung in den USA für gigantische Zerstörung. (Foto: NOAA)
Die American Geophysical Union hat gerade einen "Climate Communication Prize" für Klimaforscher gestiftet, die sich exponieren und damit ja auch angreifbar machen.
Ich habe mich sehr gefreut, dass der erste Preisträger mein Freund und NASA-Kollege Gavin Schmidt ist, mit dem wir 2004 zusammen das Weblog Realclimate gegründet haben. Wir sollten uns nicht im Elfenbeinturm verstecken – und ich würde mich freuen, wenn sich viele andere Kollegen mit ihrem Fachwissen auch mehr an der öffentlichen Diskussion beteiligen.
Interview: Toralf Staud

Die Schlagzeilen um 02 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13





Zwei-Grad-Ziel reicht nicht, sagen Wissenschaftler des PIK. Neue Erkenntnisse zeigen: Weltmeere speichern höhere Temperaturen weit länger als bisher gedacht
Noch 10 Tage bis zum Weltklimagipfel: Dieses Jahr könnte als das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnung in die Menschheitsgeschichte eingehen.
Teil 3 unseres Cancún-Specials: Der Stand der Wissenschaft.
Die bislang vorliegenden Reduktionsziele führen zu einer Erwärmung von 3 bis 3,4 Grad, sagt der Züricher Klimaforscher und IPCC-Autor Andreas Fischlin im Gespräch mit klimaretter.info. "Wir entscheiden über unser Schicksal hier und jetzt". Interview: Christian Mihatsch
Arktischer Rat korrigiert die "konservativen" Rechnungen des IPCC zur Eisschmelze
Für den anstehenden 5. Sachstandsbericht des IPCC hat das Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie zusammen mit dem Deutschen Klimarechenzentrum ein neues und präziseres Klimamodell entwickelt. Demnach gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus - falls die weltweiten Treibhausgas-Emissionen schnell und "drastisch" reduziert werden.
21 Forscherteams gleichen ihre Vorhersage-Modelle ab
Wissenschaftler korrigieren Aussagen auf Grundlage neuer Messmethoden. Dennoch kein Grund zur Entwarnung
Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit "Klimaskeptikern" oder "Klimawandelleugnern" muss von den entsprechenden Akteuren aufgegriffen werden: Frei nach dem Informanten Deep Throat im Film über den Watergate-Skandal: "Follow the money!
Der Arktische Rat schlägt Alarm: Der Meeresspiegel wird am Ende des Jahrhunderts bis zu 1,6 Meter über dem heutigen liegen. Was tun, wenn der Meeresspiegel steigt? In einer Serie beleuchtet klimaretter.info,
welche Strategien es dagegen gibt. Teil 13: Neue Daten und was daraus folgt.
Ein Grad mehr auf dem globalen Durchschnittsthermometer hat gravierende Folgen für die Menschheit. Ein umfassendes Forschungsprojekt erstellt nun einen Gesamtüberblick über die bisherigen Erkenntnisse zu den möglichen Auswirkungen der weltweiten Temperaturerhöhung. Die Ergebnisse sollen in den nächsten Bericht des Weltklimarates einfließen.
Vor 19 Jahren wurde in Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention verabschiedet. Seitdem gibt es den Weltklimarat IPCC und jährliche Weltklimakonferenzen. In diesem Jahr geht es um besonders viel, da das Kyoto-Protokoll ausläuft und Nachfolgeregelungen bislang nicht in Sicht sind. Teil 4 unseres Durban-Countdowns liefert aus gegebenem Anlass einen kurzen Abriss der Klimagipfelei.
... und was die Forschung sagt: In der Szene der Leugner und Bezweifler der klimawissenschaftlichen Erkenntnisse sind einige Aussagen besonders "beliebt" - einer genaueren Überprüfung aber hält keine Stand. Ein Überblick 


