Lufthansatest mit Agrosprit läuft und läuft
Mit einem Langzeittest erprobt Lufthansa derzeit weltweit erstmals den Einsatz von Agrosprit im regulären Flugbetrieb. Ergebnisse des Projekts mit dem schönen Namen burnFAIR sind frühestens Ende Oktober zu erwarten.
Um es gleich vornweg zu sagen: Das burnFAIR-Projekt der Lufthansa (FAIR = Future Aircraft Research) dient nicht nur Imagezwecken. Da die Fluggesellschaften vom nächsten Jahr an in den Emissionshandel der EU einbezogen werden sollen, steht die Branche gehörig unter Druck. Gelingt es nicht, den Kohlendioxid-Ausstoß - genauer gesagt: den vom Emissionshandel erfassten Kohlendioxid-Ausstoß - zu reduzieren, drohen Kosten in Millionenhöhe. Bezogen auf die deutschen Airlines ist von 300 Millionen Euro per annum die Rede. Hier kommen nun die Agrotreibstoffe ins Spiel. Sie sollen schaffen, was der jährlich um durchschnittlich fünf Prozent wachsende Luftverkehr mit technologischen Mitteln - verbesserte Aerodynamik, leichtere Materialien und so weiter - allein nicht schafft: den Ausstoß von derzeit 660 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr zu vermindern.

Der Luftverkehr ist eine Wachstumsbranche, auch noch bei den Emissionen. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Ausgesucht haben sich die Lufthanseaten für ihren Langzeittest den Linienflug Hamburg-Frankfurt. Auf der Strecke verkehrt achtmal täglich ein Airbus vom Typ A321. Seit Mitte Juli wird nun für sechs Monate eins der Triebwerke mit konventionellem Kerosin betankt, das andere zur Hälfte mit Agrosprit. Hauptziel ist es laut Lufthansa, Erfahrungen zu sammeln und langfristige Meßdaten zu erheben, sowie die Auswirkungen des neuen Treibstoffs auf die Umwelt und die Wartung und Lebensdauer der Triebwerke zu untersuchen. Erste Ergebnisse sind frühestens Ende Oktober zu erwarten, belastbare Ergebnisse erst nach Abschluss des Tests. Wobei - dass der Agrospritbetrieb seit nunmehr sechs Wochen reibungslos verläuft, dürfte für Lufthansa und Co. bereits eine gute Nachricht sein.
Ursprünglich sollte der Test schon im April starten. Nach Angaben einer Konzernsprecherin hatte sich die Zertifizierung des Agrokerosins durch den US-amerikanischen TÜV jedoch aus formalen Gründen bis zum 1. Juli verzögert. Lieferant des Treibstoffs, der aus den Pflanzen Jatropha und Camelina sowie aus tierischen Fetten gewonnen wird, ist Neste Oil. Die finnische Mineralöfirma hatte erst im Januar den Public Eye Award erhalten, einen von Umweltschützern verliehenen Negativpreis für Firmen mit besonders menschen- und umweltverachtenden Geschäftspraktiken.

Lufthansa-Airbus soll künftig Agrosprit tanken. (Foto: Trainler, Wikipedia)
Die Kosten des Projekts, das insgesamt 1.500 Tonnen Kohlendioxid einspart, beziffert Lufthansa auf 6,6 Millionen Euro. Ein gutes Drittel davon, 2,5 Millionen Euro, steuert das Bundeswirtschaftsministerium bei, eine Förderung, die man auf der detailverliebten Webseite des Ministeriums übrigens vergeblich sucht.
Wie es nach Abschluss des Tests weitergeht, ist noch völlig offen. Selbst wenn alles gut läuft, bleibt unklar, wie die weiterhin rasant wachsende Branche die Klimaziele der EU erreichen soll. Auch die bescheideneren Ziele ihres eigenen Lobbyverbandes, der International Air Transport Association (IATA), sind bislang in weiter Ferne. Die in Montreal ansässige IATA hatte 2009 ihre "Vision" formuliert, mithilfe einer Vier-Säulen-Strategie den Kohlendioxid-Ausstoß des Flugverkehrs bis 2050 zu halbieren, ausgehend aber nicht vom Jahr 1990, sondern von 2005.

Samen der Jatropha. (Foto: Frank Vincentz, Wikimedia Commons)
Vor allen Dingen ist immer noch unklar, woher die Pflanzen für die gigantische Menge an schönem neuen Sprit kommen soll, die künftig benötigt wird. Nach Lufthansa-Berechnungen bräuchte der Konzern allein für seinen eigenen Bedarf eine Anbaufläche von der Größe Niedersachsens oder sogar Bayern, je nachdem, welche Pflanze in den Tank soll.
Auch ist umstritten, welchen Beitrag Agrokraftstoffe überhaupt zu einer klimafreundlichen Energieerzeugung beitragen können: Von der EU in Auftrag gegebene Studien kamen in der Vergangenheit zu dem Ergebnis, dass die Pflanzenkraftstoffe oftmals eine noch schlechtere Klimabilanz als Erdöl aufweisen - wenn man die Zerstörung von Regenwäldern sowie die Nutzung von Dünger und Pestiziden mit einberechnet.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 01 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13





Die Lufthansa hat ihren Test zum Einsatz von Agrosprit bei Inlandsflügen mit einer positiven Bilanz beendet. Nun steht der interkontinentale Test an. Zwar kündigte der Konzern an, den Sprit im großen Maßstab erst dann einzusetzen, wenn dessen Nachhaltigkeit belegt ist. Entwicklungspolitische Organisationen kritisieren aber, dass Lufthansa schon jetzt zu den sozialen Auswirkungen der Agrospritgewinnung schweigt.
Public Eye Award für Neste Oil: menschen- und umweltverachtende Geschäftspraktik "ausgezeichnet"
Am größten Sparpaket der bundesdeutschen Geschichte haben vor allem die sozial Schwachen zu knapsen. Einen Tag danach echauffiert sich jedoch vor allem die Flugbranche über die von der Regierung Merkel beschlossenen Abgabe auf Flugtickets: "Wir halten das System am Laufen".
Spanische Fluggesellschaft überquert den Atlantik mit Kerosin-Agrosprit-Gemisch. Trotzdem bleibt die Verwendung von Agrosprit in Luftfahrt gegenwärtig noch unrentabel
Umweltschützer vergeben wieder den Public Eye Award. Abstimmung bis Ende Januar
Nach 1.187 Testflügen glaubt der Konzern einen Etappenerfolg auf dem Weg zum kommerziellen Einsatz vorweisen zu können
Forschungseinrichtungen, Fluglinien und Produzenten von Agrosprit gründen "Aviation Initiative for Renewable Energy in Germany"/Kritik von Umweltschützern
Die Anlage des finnischen Unternehmens Neste Oil soll pro Jahr rund 800.000 Tonnen Agro-Diesel produzieren. Umweltorganisationen kritisieren soziale und ökologische Standards.
US-Expertenkommission hat nach sechsmonatiger Arbeit ihren Abschlussbericht zum Unglück der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon vorgelegt. Für die Katastrophe wurde BP nun für den Public Eye Award nominiert.
Seit Januar haben Tankstellen den Agrosprit E10 im Angebot: Die Nachfrage ist allerdings gering, Politik, Autolobby und Mineralölverbände machen sich gegenseitig Vorwürfe. Über das Image von E10 und dessen Klimabilanz sprach klimaretter.info mit Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie.
Die Biokraftstoffbranche trifft sich zu ihrer Jahrestagung in Berlin - und formuliert scharfe Kritik an der Bundesregierung und der EU. Die Diskussion über eine Einbeziehung der sogenannten indirekten Landnutzungsänderung bei der Treibhausgasbilanz gefährde die Ziele für erneuerbare Mobilität.
50 Prozent aller Binnenflüchtlinge dieser Welt leben in Afrika. Zwar lässt sich nicht eindeutig sagen, dass die Erderwärmung Schuld an ihrer Flucht ist. Wissenschafftler kommen aber zu dem Schluss,
Die Einführung von E10 scheint ein Flop: Die Mineralölwirtschaft zögert bei der Umstellung und verweist auf streikende Spritkunden. Umweltminister Norbert Röttgen kritisiert das "Durcheinander", Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ruft zum Benzin-Gipfel.
Auf dem letzten Gipfel gaben die G20 eine Studie zum Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelkrise und Agrosprit in Produktion - der jetzt in Cannes keine Rolle mehr spielt



