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Fluglotsen dürfen streiken - vielleicht

Passagiere müssen ab Dienstag mit massiven Einschränkungen rechnen, etwa 2.500 Flüge sind betroffen. Dem Klima aber wird das gut tun: Fliegen ist die mit Abstand schädlichste Form der Fortbewegung.

Aus Berlin Nick Reimer

Deutschlands Fluglotsen dürfen streiken. Das Arbeitsgericht Frankfurt lehnte am Montag einen Antrag auf einstweilige Verfügung der Deutschen Flugsicherung (DFS) ab, der den Streik untersagt hätte. Die Lotsen fordern 6,5 Prozent mehr Lohn und mehr Mitspracherechte bei der Personalauswahl. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, soll am Dienstag zwischen sechs und zwölf Uhr die Arbeit niedergelegt werden. Nach Schätzungen sind davon bundesweit bis zu 2.500 Flüge betroffen. Fluglotsen verdienen nach Angaben der DFS je nach Ausbildungsstand und Einsatzort monatlich zwischen 3.300 und 4.600 Euro.

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So etwas gibt's am Dienstag bis zum Mittag vermutlich nirgendwo in Deutschland: Kondensstreifen am Himmel. (Foto: NASA)

Im vergangenen Jahr hatte der isländische Vulkan Eyjafjallajökull im März so viel Asche in die Atmosphäre geblasen, dass der Flugverkehr eingestellt werden musste. Nach Angaben der Flugsicherung Eurocontrol waren damals europaweit 17.500 Flüge ausgefallen. Klimaretter.info hatte die Experten von Atmosfair, dem renommiertesten Anbieter sogenannter Klimakompensation für Flugreisen, um eine grobe Kalkulation gebeten, wie der Flugausfall dem Klima zugute kommt. Ergebnis: Sämtliche Flugbewegungen von, nach und in Europa haben jeden Tag eine klimaerwärmende Wirkung, die etwa der von einer Million Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß entspricht.

"Wir konnten auf Daten und Studien zurückgreifen, die 2007 im Auftrag der EU erarbeitet wurden und in denen der europäische Flugverkehr gut dokumentiert ist", sagte damals Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair. Auf 220 Millionen Tonnen reinen Kohlendioxid-Ausstoß waren die Gutachter gekommen, nur für die EU. Weil die Flugzeugabgase in besonders sensiblen Schichten der Erdatmosphäre ausgestoßen werden, ist die Klimawirksamkeit (Fachsprache: "Radiative Forcing Index", RFI) etwa zwei- bis dreimal so groß. Multipliziert mit dem genannten RFI-Faktor ergäbe sich aus den 220 Millionen Tonnen reinen Kohlendioxids eine jährliche Klimabelastung von deutlich über 365 Millionen Tonnen - also etwa eine Million pro Tag.

Allein das Fehlen der Kondensstreifen beeinflusst bereits die Erdtemperaturen. Die künstlichen Wolken, die hinter Düsenjets entstehen, verstärken laut Klimaforschern den Treibhauseffekt, weil sie die Abstrahlung von Erd-Hitze ins Weltall hinaus bremsen. Mustergültig beobachten ließ sich dies vor zehn Jahren nach dem 11. September 2001. Wegen der Terroranschlägen wurden damals schlagartig sämtliche Flugzeuge Nordamerikas auf den Boden geholt. In den folgenden drei Tagen blieb der Himmel frei von Kondensstreifen - und prompt registrierten Forscher unter Leitung von David Travis von der Universität Wisconsin eine Veränderung der üblichen Wettermuster.

Nirgendwo wird die Zukunft der Menschheit radikaler entschieden als am Himmel: Fliegen ist die klimaschädlichste aller Fortbewegungsarten. Ein Urlaubsflug von Hannover nach Gran Canaria und zurück verursacht pro Fluggast die Klimawirkung von 1,8 Tonnen Kohlendioxid. Das ist doppelt so viel, wie ein Inder statistisch gesehen durch seine Lebensweise in einem ganzen Jahr erzeugt. Jeder Deutsche stößt durchschnittlich 300 Kilogramm Kohlendioxid im Jahr durch Fliegen aus – auch wenn er gar nicht fliegt.

Die Klimabelastung, die ein Flugzeug pro Passagier verursacht, ist bis zu fünfmal so groß wie die, die ein ICE bewirkt. Und im Vergleich mit den Kundenzahlen der Bahn explodierten die der Luftfahrtbranche geradezu. Seit 1990 nahm die Zahl der Flugbewegungen in Europa jedes Jahr um fünf Prozent zu. Ende der neunziger Jahre trug der weltweite Flugverkehr mit 3,5 Prozent zum menschengemachten Treibhauseffekt bei. Heute sind es schon neun Prozent.

Keine Mehrwertsteuer, keine Ökosteuer, keine Kerosinsteuer, keine Emissionsabgabe – Fliegen wird künstlich verbilligt. Das geht zurück auf das Chicagoer Abkommen aus dem Jahr 1944. Damals glaubte man, dass "die zukünftige Entwicklung der zivilen Luftfahrt in hohem Maße dazu beitragen kann, Freundschaft und Verständnis zwischen den Staaten und Völkern der Welt zu wecken".

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Die Flugunterbrechungen hatte 2010 übrigens nicht dazu geführt, dass in Deutschland weniger geflogen wurde. Im Gegenteil: 61,6 Millionen Passagiere sind zwischen April und Oktober des vergangenen Jahres von deutschen Flughäfen aus gestartet: 4,8 Prozent mehr als 2009.     

Ob es allerdings tatsächlich zum Streik kommt, war in der Nacht zum Dienstag noch unklar: Das Hessische Landesarbeitsgericht - nächsthöhere Instanz - beriet über eine Berufung der Deutschen Flugsicherung. Zudem steht auch noch die Möglichkeit offen, dass die Flugsicherung in letzter Minute einseitig die Schlichtung anruft und so eine sofortige Friedenspflicht auslöst. Der Streik müsste dann von den Fluglotsen abgesagt werden.

PS: Kurz vor Streikbeginn wurde tatsächlich die Schlichtung angerufen. Die Meldung dazu finden Sie hier.

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