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Das Auto als "Pumpspeicherwerk"

Start des Deutschen Elektro-Mobil Kongresses in Bonn: Ein zügiger Ausbau der erneuerbaren Energien könnte auch die Elektromobilität voranbringen – mit all ihren Folgen.

Aus Berlin Felix Werdermann

Eigentlich haben die deutschen Autobauer mit Fukushima recht wenig zu tun. Nun aber diskutiert das ganze Land über die Energiewende und das könnte dazu führen, dass bald mehr neue Fahrzeuge auf unseren Straßen rollen: Elektroautos. Im Mai hat die "Nationale Plattform Elektromobilität" – an der hauptsächlich Industrievertreter mitwirken – den zweiten Bericht zur Zukunft des E-Autos an die Bundesregierung übergeben. Und die reagierte prompt mit einem Regierungsprogramm: Die Fördermittel bis zum Ende dieser Legislaturperiode wurden vom Kabinett Merkel verdoppelt.


Der ungewohnte Anblick beim "Stromtanken" dürfte die kleinste Gewöhnungsbedürftigkeit der E-Mobilität bedeuten. (Foto: Gereon Meyer/Wikimedia)

Heute nun eröffnete die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Ursula Heinen-Esser in Bonn den 3. Deutschen Elektro-Mobil Kongress, den größten deutschen Fachkongress zum Thema. "Gerade in der Verbindung von Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energien liegt eine besondere Chance: Mehr Strom aus Wind und Sonne verlangt flexible Abnehmer, Elektroautos wiederum brauchen klimafreundlich erzeugte Energie", erklärte Heinen-Esser in ihrer Eröffnungsrede

Das Ziel ist auch ambitioniert: Eine Million Elektrofahrzeuge sollen 2020 in Deutschland fahren, bislang sind es gerade mal 2.300. Den Hype um die neue Mobilität kann man mit der Hoffnung auf einen klimafreundlichen Verkehr erklären oder auch mit dem Wunsch, die deutsche Automobilindustrie am Leben zu halten. Das elektronische Fahren hat aber einen weiteren Vorteil: Es passt gut zu einer zukünftigen erneuerbaren Stromwirtschaft.

Auf den ersten Blick scheint der Atomausstieg die Elektromobilität auszubremsen. Schließlich können die abgeschalteten Reaktoren keinen Strom mehr produzieren, die neuen Ökokraftwerke werden zum Ausgleich gebraucht und nicht, um Autos fahren zu lassen. Und wenn sich der Strom womöglich auch noch geringfügig verteuert, werden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren wieder attraktiver.

Tatsächlich aber verbrauchen Elektroautos nur wenig Strom, gemessen an den prognostizierten Ausbauzahlen der erneuerbaren Energien. Eine Million E-Autos würden den Gesamtstromverbrauch um weniger als ein Prozent erhöhen. Der Erneuerbaren-Anteil soll aber von derzeit 17 Prozent auf mindestens 30 Prozent gesteigert werden, die Branche selbst hält 47 Prozent für möglich.

400 Windräder reichen für eine Million E-Autos

Man mag es kaum glauben: Eine Million Elektroautos lassen sich nach Branchenangaben durch nur 400 moderne Windkraftanlagen mit Strom versorgen – wenn es da ein kleines Problem nicht gäbe. Viele regenerative Energiequellen sind unzuverlässig: Mal scheint die Sonne, mal weht der Wind, aber manchmal eben auch nicht. Bei den fossilen Großkraftwerken ist das anders: Wer Kohle verbrennt oder Atomkerne spaltet, erhält den Strom rund um die Uhr. Das ist auch nicht immer vorteilhaft, etwa wenn nachts alle schlafen, aber die Kraftwerke weiterlaufen. Mit dem Ausbau von Wind und Sonne werden aber die kurzfristigen Schwankungen zunehmen und die müssen ausgeglichen werden, weil ins Stromnetz immer genau soviel eingespeist werden muss, wie auch verbraucht wird.

Bisher machen das Wasserpumpspeicherkraftwerke und flexible Anlagen wie Gaskraftwerke. Bei großem Stromangebot wird Wasser nach oben gepumpt und die Gaskraftwerke abgeschalten. Ist weniger Strom vorhanden, gehen die Gaskraftwerke wieder ans Netz und das Wasser fließt wieder nach unten und wandelt damit die Höhenenergie zu elektrischem Strom um.

Schwankungen können aber auch ausgeglichen werden, indem die Nachfrage verändert wird. Bei größeren Industrieanlagen gibt es das bereits, in Zeiten großen Stromangebots nehmen sie mehr ab. Elektroautos können ebenfalls hilfreich sein, denn in der Regel werden sie den Großteil des Tages nicht gebraucht und können genau dann geladen werden, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint.


400 Windräder könnten eine Million Autos "betanken" - ein ganzes Jahr lang. (Foto: Reimer)

Strombetriebene Fahrzeuge mit Batterien bringen also Vorteile für eine erneuerbare Stromversorgung. Das gleiche gilt aber auch umgekehrt: Die Energiewende kann die Elektromobilität voranbringen – aus drei Gründen.
Erstens wird die Politik die Elektromobilität stärken, wenn sie die erneuerbaren Energien ausbauen will. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärte zum neuen Regierungsprogramm, die Elektromobilität sei "ein zusätzlicher Anreiz zum Ausbau der erneuerbaren Energien und ein wichtiger Beitrag zur Energiewende".

Für die Politik dürften besonders solche Instrumente attraktiv sein, die den Staat nichts kosten. So soll es in Zukunft Sonderparkflächen für E-Autos geben, Zufahrtsverbote sollen für sie gelockert und einige Busspuren geöffnet werden.

Zweitens kann sich ein Elektrofahrzeug für Besitzer eher lohnen, wenn sie dafür entlohnt werden, ihr Auto als Netzpuffer zur Verfügung zu stellen. Der Verkehrsforscher Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin bezweifelt jedoch, dass sich viele Privatpersonen darauf einlassen, ihr Auto abhängig vom Stromangebot aufladen zu lassen: "Weil das die Autonomie massiv einschränkt, wenn das Auto permanent an der Steckdose sein muss." 

Anders sei das bei Fahrzeugflotten von Unternehmen. Dort gebe es häufig Schichtzeiten, in denen ein Auto nicht gebraucht werde. Mit einem Energieanbieter ließe sich dann aushandeln, dass der Strom günstiger geliefert werde, wenn die Autos in diesen Zeiten zum Netzausgleich genutzt werden können. Konkret hieße das: Im Bedarfsfall wird die Ladeleistung angehoben oder gesenkt.

Das Auto als "Pumpspeicherwerk"

Wenn der Strom auch in die andere Richtung fließen könnte – vom Fahrzeug ins Stromnetz –, könnten E-Autos noch mehr der sogenannten Regelenergie bereitstellen. Energiekonzerne wie RWE oder Eon untersuchen solche Möglichkeiten bereits – unter dem Namen "Vehicle to Grid". Verkehrsforscher Canzler hält das aber noch für "Zukunftsmusik", solch ein System werde es "auf jeden Fall erst nach 2020" geben. Noch ist etwa unklar, wie stark die Leistungsfähigkeit der Batterien durch das ständige Auf- und Entladen abnimmt. "Da gibt es noch eine Menge offener Fragen", sagt Canzler.

Fraglich ist auch, wie groß der finanzielle Vorteil eines Elektrofahrzeugs, das billigen Strom kaufen und teuren verkaufen kann, überhaupt ist. In einer Modellrechnung kommt Eon beispielsweise auf eine Summe von 100 bis 300 Euro pro Jahr. Ob das ein E-Auto wirtschaftlich macht, ist zweifelhaft: Die Grünen halten jedenfalls eine Kaufprämie von 5.000 Euro als Kaufanreiz für erforderlich - so wie sie im Nachbarland Frankreich eingeführt wurde.

Wie kommt der Ökostrom ins Auto?

Attraktiver wird das strombetriebene Auto aber dennoch, wenn die Energiewende kommt. Denn drittens werden sich mehr Menschen für ein Elektroauto entscheiden, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien kommt. Wer bei einem reinen Ökostromanbieter ist und sein Fahrzeug zu Hause lädt, ist bereits auf der sicheren Seite.

Anders sieht es bei den öffentlichen Tankstellen aus, von denen es einige Modellprojekte gibt – von RWE, Eon, Vattenfall  und EnBW betrieben. Die vier Konzerne versprechen ausschließlich Ökoenergie an die Autos zu geben, doch faktisch ist das nicht überprüfbar. Sie können die Strommengen für die Autos als sauber deklarieren, der einzige Effekt: Ihr restlicher Strommix wird dadurch dreckiger.

Lösen lässt sich das Problem nur, wenn es öffentliche Tankstellen gibt, an dem jeder Kunde seinen Stromlieferanten wählen kann. Solche Ladestationen müssten dann staatlich finanziert werden, denn die Energieunternehmen wollen nur ihren eigenen Strom verkaufen. Sowieso ist fraglich, ob die Tankstellen nicht nur das Image der Konzerne aufpolieren, sondern sich auch rentieren. Ein Auto, das im Jahr 1.500 Kilowattstunden Strom braucht, würde bei einem Strompreis von 20 Cent gerade mal 300 Euro einbringen. Wenn es manchmal auch noch zu Hause oder auf der Arbeit aufgeladen wird, verringert sich der potentielle Umsatz noch weiter.

Elektromobilität und erneuerbare Energien – sie beide können voneinander profitieren. Trotzdem ist eine Welt voller Elektroautos nicht das Ökoparadies auf Erden. Greenpeace hat ausgerechnet, dass eine Million Elektroautos gerade mal zwei bis drei Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen könnten. Dieser Effekt ließe sich auch durch ein Tempolimit auf den deutschen Autobahnen erzielen. Größere Potentiale sieht die Umweltorganisation im sparsameren Verbrauch von Autos mit Verbrennungsmotoren.


Tanken auf "elektrisch": fraglich ist, wer saubere Stromtankstellen - also ohne Kohlestrom - betreiben soll. (Foto: Gereon Meyer/Wikipedia)

Das Verkehrsbündnis "Allianz pro Schiene" ist vom neuen Regierungsprogramm enttäuscht, die Elektrifizierung des öffentlichen Verkehrs werde nicht unterstützt. "Alles, was die Bundesregierung fördern will, läuft auf einen Motorentausch beim Auto hinaus", sagt Geschäftsführer Dirk Flege.

Tatsächlich bleiben viele Probleme des Individualverkehrs bestehen: Der hohe Flächenverbrauch etwa, wenn Deutschland noch weiter mit Autobahnen überzogen wird. Oder die Unfallgefahr: Laut Allianz pro Schiene ist das Risiko, im Auto tödlich zu verunglücken, 63mal höher als in der Bahn, das Verletzungsrisiko ist im Pkw sogar 96mal größer als im Zug – jeweils pro zurückgelegtem Personenkilometer.

Ein einfacher Motorentausch wird an solchen Zahlen nicht viel ändern. Aber die Automobilindustrie kann sich mit Elektroautos in der Öffentlichkeit als Ökovorreiter darstellen kann. Nach einem wirklich nachhaltigen Verkehrskonzept fragt dann niemand mehr.

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