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Das schmutzige Ethanol von Brasilien


Der Agrosprit sorgt in Brasilien für große Schwierigkeiten: sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, Verdrängung von Kleinbauern und ökologische Probleme. Doch die Regierung gibt großzügig Kredite.

Aus Luziânia Gerhard Dilger

"Klimawandel und soziale Gerechtigkeit" - zu diesem Thema haben sich an die 100 Aktivisten sozialer Bewegungen in Brasiliens Mittlerem Westen versammelt. Nur ein paar Autostunden weiter boomt der Zuckerrohranbau.


Zuckerrohr wird in Brasilien unter anderem für Agrosprit angebaut. Damit sind Probleme mit Umweltschutz und Menschenrechten verbunden. (Fotos: Luiz Henrique da Silva)

Der Journalist Luiz Henrique da Silva, der für den Kleinbauernverband des Bundeslandes Goiás arbeitet, begleitet diese Entwicklung seit vier Jahren intensiv. "140.000 Menschen sind in unserem Staat noch in Familienbetrieben tätig, aber die werden regelrecht zerquetscht", meint da Silva. 37 Zucker- und Ethanolfabriken mit 40.000 Zuckerrohrarbeitern gebe es derzeit in Goiás, bis 2014 sollen es an die 100 Fabriken sein.

Um die weit verbreiteten Brandrodungen zu reduzieren, wird die Mechanisierung gefördert. "Aber der Clou ist: Es wird weiterhin abgebrannt, weil der Zuckergehalt bei den Pflanzen, die anschließend darauf wachsen,  größer ist", sagt da Silva. "Und eine Erntemaschine macht 80 Zuckerrohrschneider arbeitslos, und das ist ein soziales Problem".

Er setzt sich für eine Agrarreform ein. Es gäbe genug Land, das der Staat gegen Bezahlung enteignen könnte, um dort Kleinproduzenten anzusiedeln. Aber die Chancen dafür stehen schlecht, räumt er ein: "Die Agrarlobby ist übermächtig. Der Diskurs der Zuckerfarmer ist sehr attraktiv, sie sagen, wir sind der Fortschritt, wir produzieren Reichtum. Dabei hat doch die FAO erst neulich wieder erklärt, wohin das führen wird".

Padre Antonio Garcia von der Wanderarbeiter-Seelsorge in Guariba, einer Hochburg des Zuckerrohranbaus im Bundesstaat São Paulo, ist auch gekommen. Zusammen mit zwei Ordensschwestern und einem engagierten Team von Freiwilligen leistet er psychologischen, rechtlichen und geistlichen Beistand. 3.000 Wanderarbeiter, die meisten aus dem armen Nordosten, ziehen Jahr für Jahr zur Zuckerrohrernte nach Guariba, und Padre Antonio hat die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah erlebt.

Zucker vertreibt Mais und Bohnen

"Mais oder Bohnen werden hier schon lange nicht mehr angebaut, und dieses Entwicklung setzt sich im nun im Norden des Bundesstaates fort", berichtet er. "Viehzüchter verpachten oder verkaufen ihr Land an die Zuckerfirmen, ihr Vieh weidet jetzt auf billig gepachtetem Land in den Staaten Piauí, Maranhão oder Mato Grosso do Sul". Damit wächst der Druck auf den Amazonas-Regenwald oder das Feuchtgebiet Pantanal.

Doch die langjährige Arbeit der Wanderarbeiter-Pastoral, von Menschenrechtlern, Staatsanwälten und engagierte Regierungsfunktionären hat auch Früchte getragen, wie Padre Antonio berichtet: "Es gibt schärfere Gesetze, mehr Kontrollen, weniger Übergriffe als früher. Früher sind viele Zuckerrohrschneider an Überarbeitung gestorben, doch der letzte Fall war 2007 oder 2008".

Die gatos, moderne Sklavenhändler, kämen immer weniger zum Zug: "Immer mehr Firmen verpflichten ihre Arbeiter direkt in den Herkunftsgebieten, machen dort medizinische Untersuchungen, ordentliche Verträge, und geben den Arbeitern eine minimale Ausbildung. Aber die Bezahlung für diese Knochenarbeit ist immer noch viel zu schlecht, der Kluft zwischen den Profiten bei der Zucker- und Ethanolproduktion und den Löhnen immens".

 Zudem werden die Zuckerbarone massiv von den Steuerzahlern subventioniert: In der achtjährigen Amtszeit von Luiz Inácio Lula da Silva erhielten sie von der staatlichen Entwicklungsbank BNDES günstige Kredite in Höhe von umgerechnet 122 Milliarden Euro, ein Viertel davon allein im letzten Jahr. Seit 2005 wurden 150 neue Fabriken gebaut, die Anbaufläche weitete sich auf acht Millionen Hektar aus.

Besonders gut hat es Marktführer Cosan, der jetzt mit Shell do Brasil zum Energieriesen Raízen fusioniert. Anfang 2010 war Cosan wegen eines landestypischen Falles von Sklavenarbeit kurzzeitig auf der schwarzen Liste des Arbeitsministeriums gelandet: Auf Zuckerrohrfeldern bei einer Cosan-Fabrik im Bundesstaat São Paulo waren 42 Arbeiter entdeckt worden, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schufteten. Die Inspektoren des Arbeitsministeriums stellten 13 Verstöße gegen die Arbeitsgesetzgebung fest: darunter schlechte Wohnbedingungen, Einsatz von Minderjährigen bei Schwerstarbeit oder Fehlen von Trinkwasser am Arbeitsplatz. Zudem waren die Wanderarbeiter aus dem armen Nordosten einem Subunternehmer in Schuldknechtschaft ausgeliefert.

Ein Richter hob den Beschluss des Arbeitsministeriums allerdings auf, der einen Kreditstopp für Cosan zur Folge gehabt hätte. Und die Regierungsbehörde, die in solchen Fällen üblicherweise erfolgreich Einspruch erhebt, verzichtete diesmal darauf. Die Tageszeitung Folha de São Paulo enthüllte vor kurzem, warum: Die Regierung ließ sich auf einen "Deal" mit Cosan ein. Darin verpflichtete sich der Konzern, interne wie externe Kontrollmechanismen zu verbessern. Zwar hatte Cosan zuvor drei ähnliche Abkommen nicht eingehalten, aber dies durch eine "Spende" in Höhe von zwei Millionen Euro an die Behörden wettgemacht.

Aktivisten der Kampagne gegen Sklavenarbeit sind entsetzt. "Wenn das so ist, kann die Regierung die Liste gleich abschaffen", sagt Staatsanwältin Ruth Vilela, die bis 2010 die Inspektionsabteilung im Arbeitsministerium leitete. Die Entwicklungsbank sei sehr freizügig bei der Kreditvergabe. Nur gegen 15 von 89 Firmen, die ab 2008 Staatskredite erhielten, seien keinerlei Prozesse anhängig, heißt es in einer neuen Studie der NGO Repórter Brasil. Im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, wo die Guarani-Indígenas auf besonders dramatische Weise vom Agrobusiness in die Zange genommen werden, finanzierte die Bank Fabriken, die Zuckerrohr von Eindringlingen auf Indianerland verarbeiten.


Zuckerrohrarbeiter in Brasilien.

Der Ethanolboom bringt massive Umweltprobleme mit sich: Darunter die schleichende Zerstörung des atlantischen Regenwaldes, der artenreichen Waldsteppe Cerrado und die Bedrohung des Pantanal. Das Amazonasgebiet ist indirekt betroffen, da die Ausweitung der Zuckerrohrfelder Viehzucht und Sojaproduktion vom Südosten und Mittleren Westen gen Norden verdrängt.

Der Einsatz von giftigen Pestiziden und Kunstdünger nimmt zu, verbotene Produkte werden aus Paraguay hereingeschmuggelt. Brandrodung mit den entsprechenden Gesundheits- und Klimabelastungen ist im Zuckerrohranbau immer noch verbreitet, auch wenn die zunehmende Mechanisierung eine bessere Zukunft verspricht.

Berücksichtigt man die gesamte Produktionskette, vor allem die Rodungen, relativiert sich auch die vergleichsweise gute Klimabilanz des Ethanols. Die Verlagerung von Anbauflächen für Lebensmittel schließlich findet zwar regional statt, doch eine vielfach auch friedliche Koexistenz zwischen Agrobusiness und Kleinbauernbetrieben, die 70 Prozent der Nahrungsversorgung sicherstellen, ist in dem Riesenland immerhin gegeben. In Zentralamerika oder Afrika, wo Brasilien massiv Agrospritprojekte fördert, sieht das ganz anders aus.

Zum Abschluss des Klimawandel-Symposiums, das vom deutschen Hilfswerk Misereor mitfinanziert wird, präsentieren die Aktivisten der Regierung einen Forderungskatalog. "Ja, es ist eine Schande, dass der Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der Sklavenarbeit immer noch nicht verabschiedet ist", räumt Präsidentschaftsminister Gilberto Carvalho ein und verweist auf die Macht der Agrarlobby im Parlament. Auch eine Landreform sei schwierig - schließlich seien die Devisen, die das Agrobusiness erwirtschaftet, unverzichtbar für Brasiliens Handelsbilanz.


 

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