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BUND: Mehr Agrosprit ist klimaschädlich

Scharfe Kontroverse zwischen Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und dem Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie über die Wirkungen von Agrosprit.  

Aus Berlin Martin Reeh

In ungewöhnlich scharfem Tonfall hat heute der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) auf eine Pressekonferenz des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland reagiert. Der BUND wolle "offenbar mehr Öl aus Diktaturen einführen, Teersande aus Kanada nutzen und in der Tiefsee bohren. Wer die schweren Umweltschäden dieser Erdölförderung hinnimmt und ausgerechnet zertifizierte Biokraftstoffe ausschließen will, verweigert sich der Realität", sagte VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann. Am Vormittag hatte der BUND ein eindeutiges Urteil über E10 gefällt: die neue Agrotreibstoffrichtlinie, mit der seit dem 1. Januar 2011 die Bundesregierung mittels erhöhter Beimischung von Agroethanol um zehn Prozent einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will. "Eine Mogelpackung", so das BUND-Verdikt, sei E10, weil "klimaschädlich".


Zukunft tanken oder die Zukunft wegtanken? Die Agrosprit-Industrie wirbt auf der Grünen Woche - hier mit Raps für die Herstellung von Agro-Diesel. (Foto: Sarah Messina)

Der Verband beruft sich dabei auf eine Studie des Londoner Institute for European Environmental Policy (IEEP), nach der in der Kohlendioxidbilanz auch eine veränderte Landnutzung berücksichtigt werden muss. Durch E10 müssten weitere Flächen für den Agrosprit-Anbau ausgewiesen und daher auch bisher brachliegende Ländereien genutzt werden. Damit aber stiegen die Treibhausgasemissionen um 80,5 bis 166,5 Prozent gegenüber einer Verwendung fossiler Treibstoffe.

Dies ist nicht die einzige Sorge des BUND: Wolle man zehn Prozent der im deutschen Straßenverkehr benötigten Treibstoffe durch Agrotreibstoffe ersetzen, wie es die EU vorsehe, würden dafür laut BUND 27 Prozent der deutschen Ackerfläche benötigt. Ein großer Teil des Agrosprits müsste daher aus Nicht-EU-Ländern geliefert werden, weshalb der BUND zusätzlich weiter steigende Lebensmittelpreise befürchtet. Nahrungsmittelanbau auf anderen Flächen werde verdrängt. Zudem gehe das Anlegen von Großplantagen zur Produktion von Energiepflanzen oft mit sogenanntem "Landgrabbing" einher, was die dortigen bäuerlichen Agrarstrukturen zerstöre.

Dennoch: "Wir wollen Biokraftstoffe nicht in Bausch und Bogen verdammen, weil sie den Anteil fossiler Kraftstoffe reduzieren", sagte BUND-Verkehrsexperte Werner Reh. Das Problem sei die schnelle und massive Ausweitung des Kraftstoffanteils: "Wir befürchten, dass das Etikett Nachhaltigkeit draufgepappt wird, wo es nicht drauf gehört."


Wo die Rapsfelder blühen... In der aktuellen E10-Diskussionen geht es allerdings um Ethanol aus Mais, Kartoffeln, Roggen, Weizen oder etwa Zuckerrüben. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Der BUND forderte daher statt E10 eine E5-Strategie: eine Strategie zur Halbierung des Treibstoffverbrauchs der Pkw bis 2020 bei einem gleichbleibenden fünfprozentigen Agrospritanteil. Durch die Senkung des fossilen Treibstoffanteils würde der Agrospritanteil prozentual, aber nicht absolut wachsen. Bei Einhaltung des EU-Ziels von 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer für Neuwagen bis 2020 wäre damit automatisch ein E8-Wert erreicht.

Der VDB beschuldigte den BUND dagegen, den Stand der Gesetzgebung nicht verstanden zu haben. Durch E10 würde der Gesamtanteil von Biokraftstoffen nicht ausgeweitet, es bestünde lediglich eine andere Möglichkeit, das gesteckte Ziel von 6,25 Prozent Anteil zu erreichen. Die Studie des IEEP nennt VDB-Sprecher Frank Brühning "guttenbergisch": Bestehende Studien hätte das Institut nicht berücksichtigt, weil sie für Biokraftstoffe "zu positiv" gewesen seien, außerdem ein Peer-Review durch einen ehemaligen Institutsmitarbeiter vornehmen lassen. "Von den ersten Fußnoten über die Berechnungen bis zu den Schlussfolgerungen ist diese Arbeit manipuliert und intransparent", sagt auch Geschäftsführer Baumann. Bei der Frage der Landnutzung sieht Brühning bestimmte Regionen wie die Ukraine als eher unproblematisch an, einen Palmölprodzenten wie Indonesien dagegen als möglicherweise treibhaustreibend. Als kurzfristige Lösung schlägt er bilaterale Verträge vor, um solche negativen Effekte zu vermeiden.


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