Neuer Rekord am Himmel
Flugindustrie jubelt über 190 Millionen Passagiere. 2011 sollen es sogar 200 Millionen werden. Trotz Flugverkehrsabgabe sind die Ticketpreise für europäische Flugziele gesunken.
Von Nick Reimer
Nach kurzer Verschnaufpause verpesteten die Fluglinien 2010 das Klima wie nie zuvor. Trotz starker Einschränkungen des Luftverkehrs infolge witterungsbedingter Ausfälle in den Wintermonaten, der Pilotenstreiks und des Vulkanausbruchs auf Island, verzeichneten sie deutliche Zuwächse im vergangenen Jahr.

Die Branche lobt sich über den grünen Klee: 2010 wurden wieder Rekorde am Himmel eingefahren. (Foto: Schulze von Glaßer)
An den 23 deutschen Passagierflughäfen stieg die Zahl der Fluggäste im Vergleich zum Vorjahr um 4,7 Prozent auf 190 Millionen. Das Statistische Bundesamt war Ende Januar "nur" auf 167 Millionen Fluggäste gekommen - was aber ebenfalls mit dem Attribut "Rekord" tituliert wurde.
Wie der Flughafenverband ADV am Mittwoch mitteilte, verzeichnete die Luftfracht sogar ein Wachstum von 21,4 Prozent. Die 4,4 Millionen Tonnen, die 2010 durch die Lüfte gegondelt wurden, sind ein neuer Rekord. Rund 2,3 Millionen Starts und Landungen belasteten 2010 das Klima.
ADV-Präsident Christoph Blume zeigte sich erfreut: "Dank der insgesamt positiven Entwicklung im ereignisreichen Jahr 2010 haben die Flughäfen die von der Wirtschafts- und Finanzkrise verursachte Talfahrt im Luftverkehr hinter sich gelassen." Der ADV rechnet in seiner aktuellen Jahresprognose mit einem Zuwachs von bis zu fünf Prozent im Passagierverkehr. "Wenn die positiven Vorhersagen der Wirtschaftsinstitute eintreffen, ist es möglich, dass wir erstmals die Marke von 200 Millionen Fluggästen erreichen", so Blume.
Nirgendwo wird die Zukunft der Menschheit radikaler entschieden, als am Himmel: Fliegen ist die klimaschädlichste aller Fortbewegungsarten. Düsenflieger stoßen ihre Abgase in besonders empfindlichen Schichten der Erdatmosphäre aus, weshalb sie das Klima überproportional zum Treibstoffverbrauch belasten. Die Klimabelastung, die ein Flugzeug pro Passagier verursacht, ist bis zu fünfmal so groß wie die, die ein ICE bewirkt.
Das britische Tyndall-Institut für Klimaforschung hat hochgerechnet, dass bei gleich bleibenden Wachstumsraten die zivile Luftfahrt im Jahr 2040 ganz allein so viel Kohlendioxid ausstoßen würde, wie dann noch für die gesamte EU erlaubt sein dürfte. Deshalb müsse endlich Klimaschutz betrieben werden.
Die Flugverkehrsabgabe bleibt nahezu ohne Lenkungswirkung. Wie das Statistische Bundesamt ermittelte, haben sich die Flugpreise für private Individualreisen im Januar 2011 im Vergleich zum Dezember 2010 lediglich um 0,6 Prozent verteuert. Seit dem 1. Januar 2011 wird eine Luftverkehrsabgabe für von deutschen Flughäfen abgehende Flüge erhoben, gestaffelt nach Flugzielen. Für eine Kurzstrecke werden 8 Euro fällig, die Mittelstrecke kostet 25 Euro, die Langstrecke 45 Euro.

Das bisschen Abgabe brachte die Fluglinien nicht aus ihrer Bahn. (Foto: Reimer)
Die Fluglinien hatten im Vorfeld kräftig gegen die Abgabe lobbyiert und das Ende der bemannten Luftfahrt prophezeit. Der Billigflieger Ryanair strich sein Angebot zusammen. Nun übernehmen die Fluglinien den größten Teil der Abgabe einfach selbst: Wie die Statistiker ermittelten, wären die Flugpreise ohne die Abgabe von Dezember 2010 auf Januar 2011 rechnerisch im Durchschnitt um 3,5 Prozent gefallen.
Wenigstens an einer Stelle ist eine Preisgestaltung über die Abgabe zu erkennen: Zwischen Dezember 2010 und Januar 2011 verteuerten sich innerdeutsche Flüge um 8,3 Prozent. Ohne Luftverkehrsabgabe wären sie im Vergleich zum Vormonat nahezu konstant geblieben (plus 0,1 Prozent). Die Ticketpreise für Flugziele innerhalb Europas sind trotz Abgabe dagegen 2,6 Prozent billiger als im Vormonat. Im Januar 2011 fielen die Preise für Pauschalreisen sogar um 16,3 Prozent.
Der Chef des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, hatte sich dafür ausgesprochen, den Flugverkehr über die Abgabe hinaus zu regulieren, beispielsweise mit einer Einbeziehung in den Emissionshandel: Die Ticketabgabe könne nur ein kleiner Beitrag zum Abbau "einer gravierenden Wettbewerbsverzerrung" sein.
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