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Bürger messen Stickoxid selber

In vielen Städten sind die Bürger hohen Stickstoffdioxid-Emissionen ausgesetzt. Selbst Bewohner ländlicher Regionen leiden unter dem Luftschadstoff. Die Deutsche Umwelthilfe setzt nun auf Messungen mit freiwilligen Helfern. Auch Gerichte werden sich in den nächsten Wochen mit den hohen Emissionen befassen.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Traurige Berühmtheit hat die Messstation Neckartor in Stuttgart erlangt. Bundesweit hält sie den Rekord mit den höchsten Stickstoffdioxid-Werten. Seit mehreren Jahren werden die zulässigen Grenzen an der innerstädtischen Messstelle überschritten. Eine Ausnahme ist das Neckartor damit aber nicht – in mehr als 90 deutschen Städten hat das Umweltbundesamt Überschreitungen der Grenzwerte dokumentiert.

BildDie Stuttgarter Kessellage ermöglicht kaum Luftaustausch. Aber auch die Verkehrspolitik in der Daimler-Stadt ist schuld am Luftschmutz. (Foto: Alexander Johmann/​Wikimedia Commons)

Doch nicht nur Stadtbewohner sind von ungesunder Luft betroffen. Auch in ländlichen Regionen werden die Grenzwerte nicht eingehalten, vor allem wenn der Ort an einer verkehrsreichen Straße liegt. Wie eine Messaktion des Südwestrundfunks im vergangenen Jahr gezeigt hat, werden die Werte für Stickstoffdioxid (NO2) auch in kleinen Gemeinden überschritten.

Dass das längst nicht das Ende der Fahnenstange ist, glaubt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Nach Ansicht des Vereins ist das offizielle Messnetz für NO2 zu grobmaschig, um die Belastung mit dem Luftschadstoff realistisch einschätzen zu können. Ohne es zu ahnen, hätten viele Städte und Gemeinden ein Luftreinhalteproblem, glaubt die DUH.

Tatsächlich wird die Luftqualität in Deutschland gegenwärtig nur an rund 500 Messstationen gemessen, davon ist nicht einmal jede zweite an verkehrsnahen Orten aufgestellt. Selbst in der Bundeshauptstadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern gibt es gerade mal sechs verkehrsnahe Messpunkte.

Deshalb will die DUH nun nachmessen. Ab Februar will die Umwelthilfe NO2-Messungen an verkehrsnahen Orten durchführen – mit Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger. Bundesweit sind sie bis zum 21. Januar aufgerufen, der DUH mitzuteilen, an welchen Orten die Luftqualität gemessen werden soll. An 500 Orten sollen dann mit Hilfe freiwilliger Unterstützer sogenannte Passivsammler angebracht und die Messröhrchen nach Ablauf eines Monats zurück an die Umwelthilfe geschickt werden. 

Mit der Auswertung will die Organisation ein Schweizer Labor betrauen. "Wir gehen davon aus, dass wir durch unsere Messungen an 500 bisher nicht im Messnetz enthaltenen Orten weitere Hotspots der Luftverschmutzung identifizieren können", sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch am Mittwoch in Berlin.

Müssen Richter die Politiker ersetzen?

Um die Grenzwerte einzuhalten, sind nach Ansicht der DUH Fahrverbote für Dieselfahrzeuge oder technische Nachrüstungen unerlässlich. Die Bundesregierung sträubt sich gegen beide Lösungen. Sie hat der Auto-Industrie zugebilligt, die flächendeckenden Maßnahmen gegen den hohen Stickstoffdioxid-Ausstoß auf ein Software-Update zu beschränken.

Dass das Update die erforderlichen Emissionsminderungen bringen wird, glaubt sonst eigentlich niemand, selbst der Automobilclub ADAC nicht. Für die Hälfte der betroffenen neun Millionen Dieselfahrzeuge gibt es laut ADAC eine technisch ausgereifte Lösung – doch die Fahrzeughersteller drücken sich vor den Nachrüstungen, die pro Pkw mit rund 1.200 bis 1.600 Euro zu Buche schlagen würden.

Die Bundesregierung will Dieselfahrverbote unbedingt vermeiden. Stattdessen hat sie ein Sofortprogramm über eine Milliarde Euro aufgelegt. Kommunen mit bestätigter Feinstaubbelastung können Gelder für die Erneuerung der Busflotte oder für die Anschaffung von Elektro-Autos verwenden.

Das wird sicher einiges bringen, aber nicht genug. Die NO2-Belastung muss jedoch zügig sinken, sonst droht Deutschland ein erhebliches Bußgeld von der EU. Die Europäische Kommission hatte schon im Juni 2015 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die Grenzwerte für Stickstoffdioxid nicht eingehalten werden. Gebessert hat sich nichts. In zwei Wochen, am 25. Januar, will die Kommission entscheiden, ob sie Klage gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof erhebt.

Auch deutsche Gerichte sind mit dem Stickoxidproblem befasst. In Stuttgart und in Düsseldorf haben die Landesverwaltungsgerichte bereits entschieden, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen in beiden Städten nicht ausreichen, um die NO2-Belastung ausreichend zu senken – in Fahrverboten für Dieselfahrzeuge sahen die Richter dagegen erhebliches Minderungspotenzial. Im Februar will sich das Bundesverwaltungsgericht mit beiden Gerichtsbeschlüssen befassen. Es wird prüfen, ob die Gerichte in Düsseldorf und Stuttgart juristisch sauber argumentiert haben.

BildAuch Bewohner ländlicher Regionen leiden unter hohen Stickstoffdioxid-Emissionen – wenn es nur genügend Verkehr gibt. (Foto: P. Taus/​Flickr)

Die Autofahrer sind längst dabei, sich von der schadstoffintensiven Technik zu verabschieden. Laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen ist der Anteil von Dieselfahrzeugen bei den Neuzulassungen im Dezember weiter gesunken. Die Sondierer um eine neuerliche Auflage der großen Koalition in Berlin setzen dagegen weiter auf Diesel- und Ottomotor. CDU, CSU und SPD wollen, wie bekannt wurde, trotz hoher Emissionswerte weiterhin am Verbrennungsmotor festhalten.

[Erklärung]  
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