Anzeige

Verkehr: Stillstand seit 40 Jahren

Der Verkehrssektor ist der große Problemfall im deutschen Klimaschutz. Nur hier sind die Emissionen seit 1990 nicht gesunken. Die künftige Bundesregierung muss dringend umsteuern, fordert der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem neuen Gutachten. Ein Blick ins erste Verkehrs-Papier des Umweltrates von 1973 zeigt: Seitdem ist fast nichts passiert.

Von Verena Kern

Der Umweltrat schlägt Alarm. Im Verkehrssektor läuft es nicht rund in Deutschland. Zu viele Autos verstopfen die Straßen, die Innenstädte versinken im Stau, die Luftverschmutzung ist besorgniserregend, die Lebensqualität leidet. Die Bundesregierung muss deshalb dringend handeln, fordern die Experten. Und schlagen vor: Förderung sauberer Fahrzeuge, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Umgestaltung des Steuersystems nach Umweltgesichtspunkten.

BildIn allen Sektoren sind die Emissionen seit 1990 gesunken (Grafik vergrößern) – nur im Verkehrssektor (rot) nicht. (Grafik: SRU-Gutachten, Daten: UBA)

Das war vor 44 Jahren. Damals, 1973, legte der gerade neu gegründete Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) sein erstes Gutachten vor. Für die Premiere wählten die Experten ein auch damals schon hochbrisantes Thema: "Auto und Umwelt".

Mehrfach hat sich der Rat seitdem mit dem Verkehrssektor beschäftigt – auch in seinem jüngsten Sondergutachten, das am heutigen Donnerstag veröffentlicht wurde. Schon sein Titel zeigt, dass sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel zum Besseren verändert hat. "Umsteuern erforderlich" haben die Sachverständigen ihr Papier genannt.

"Vergleicht man beide Gutachten, offenbart sich vor allem eins: wie zäh die Entwicklung in Sachen umweltgerechter Verkehrspolitik ist", sagt Christian Hochfeld von der Denkfabrik Agora Verkehrswende gegenüber klimaretter.info. "Vieles von dem, worüber heute gestritten wird, hat der Umweltrat bereits vor mehr als 40 Jahren als politische Herausforderung erkannt."

Jedoch: Passiert ist so gut wie nichts. Umwelt- und klimapolitisch herrscht Stillstand, wenn es um Mobilität in Deutschland geht.

Industrie, verarbeitendes Gewerbe, Energiewirtschaft, Landwirtschaft und die privaten Haushalte haben ihre Treibhausgas-Emissionen seit 1990 reduziert – mehr oder weniger. Nur der Verkehrssektor entwickelt sich in die andere Richtung. Hier gibt es keine Verminderung beim CO2-Ausstoß. Im Gegenteil, die Emissionen nehmen sogar zu (siehe Grafik oben).

Für rund ein Fünftel der deutschen Emissionen ist der Verkehr verantwortlich. Das ist keine Kleinigkeit. Wenn keine Trendwende gelingt, warnen die Experten in ihrem Sondergutachten, wird das verbleibende CO2-Budget für den Sektor bis zum Zwei-Grad-Limit des Paris-Vertrags bereits in 15 Jahren aufgebraucht sein.

Umweltrat fordert Verkehrsvermeidung

Daher schlägt der Umweltrat eine Kombi-Strategie vor: Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung auf Bahnen und Busse, sparsamere, leichtere Autos und Lkw plus forcierte Umstellung auf E-Mobilität.

Um die "Elektrifizierung" des Straßenverkehrs zu fördern, hält der SRU eine Quote für E-Autos für nötig – und daran angepasst einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien. Bis 2025 soll laut Empfehlung des Umweltrats ein Viertel aller neuen Pkw und leichten Nutzfahrzeuge mit einem reinen E-Antrieb ausgestattet sein, 2030 dann 50 Prozent. Etwa 2035 würden in diesem Szenario keine klassischen Verbrenner mehr gebaut.

Für den Güter-Fernverkehr schlägt der SRU vor, die Einführung von Oberleitungs-Lkw zu prüfen, das sei eine "technisch umsetzbare Option". Der Bau der Oberleitungen solle dann über die Lkw-Maut finanziert werden.

Die Umweltweisen betonen allerdings ausdrücklich, dass die E-Mobilität nur einer der Bausteine der Verkehrswende sei. Es komme auf den Mix von Vermeidung, Verlagerung und "offensiver Effizienzstrategie" an. Zudem müsse der Bundesverkehrswegeplan, der vor allem den Ausbau von Straßen zum Ziel hat, durch eine "Bundesmobilitätsplanung" ersetzt werden.

Die Umweltprofessoren halten zudem eine Reihe finanzpolitischer Korrekturen für nötig. Sie plädieren für ein streckenabhängiges, flächendeckendes Mautsystem und den Abbau umweltschädlicher Subventionen im Verkehrssektor. Diese belaufen sich derzeit auf immerhin 30 Milliarden Euro jährlich.

BildDas SRU-Gutachten gibt auch Empfehlungen zur Luft- und zur Schifffahrt ab. Die meisten Forderungen beziehen sich jedoch auf den Straßenverkehr, da er die meisten Verkehrsemissionen verursacht. (Foto: Acidpix/​Flickr)

Zudem solle in der neuen Legislaturperiode die Dieselprivilegierung enden. "Die niedrige Besteuerung des Kraftstoffes ist ökologisch nicht gerechtfertigt und vernachlässigt die negativen gesundheitlichen Folgen der Dieselemissionen", stellt der Rat klar. Dieselbe Forderung stand auch schon im ersten SRU-Gutachten vor 44 Jahren.

Redaktioneller Hinweis: Zu den sieben Mitgliedern des Umweltrats gehört auch Claudia Kemfert, Mitherausgeberin von klimaretter.info

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Das Stoppschild

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen