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"In dieser Nacht ist alles geglückt"

Im Sommer 2016 beendete der Schweizer Abenteurer und Arzt Bertrand Piccard seine Weltumrundung mit einem Solarsegler. Abwechselnd mit seinem Partner André Borschberg war er über ein Jahr in 17 Etappen unterwegs (wir berichteten vor Ort), um zu zeigen, dass es Lösungen für einen Übergang zu sauberen Technologien gibt, die lange unvorstellbar gewesen sind. Darüber haben beide nun ein Buch geschrieben ("Mit der Sonne um die Welt"), aus dem klimaretter.info einen Abschnitt veröffentlicht.

BildFliegen mit der Kraft der Sonne: Blick aus dem Solarsegler. (Foto: Bertrand Piccard/​Solar Impulse)

Bertrand

Ich befinde mich jetzt über der feuchten und heißen Schicht, die wie ein Deckel auf dem Rand der saudischen Wüste, dem Persischen Golf, auf Bahrain und Katar liegt und sie verbirgt. Die Sonne sinkt zu meiner Rechten, während ich über Satellit letzte Gespräche mit dem Schweizer Bundespräsidenten, mit Ban Ki-moon und dem Rapper Akon führe, der eine Nichtregierungsorganisation gegründet hat, um Solarenergie in die ärmsten Dörfer in Afrika zu bringen.

Nach einer letzten warmen Mahlzeit an Bord möchte ich ein wenig schlafen. Yves teilt mir mit:

"Nach deiner Schlafpause besprechen wir deine Landung, dann kommt ein Anruf von Marion Cotillard und aus Fürst Alberts Flugzeug, das dich bald überholen wird, nimmt André Kontakt zu dir auf."

Unnötig zu sagen, dass ich kein Schlafbedürfnis mehr habe. Ich überfliege gerade Offshore-Ölquellen und die ersten Lichter von Abu Dhabi schimmern in der Nacht. Sie faszinieren, ja hypnotisieren mich, denn sie sind es, die ich erreichen muss. Alles andere wäre ein Misserfolg.

Bis jetzt kamen mir die Flüge zu kurz vor. Alle, nur dieser nicht. Ich kann es kaum erwarten, Al Bateen zu überfliegen, um endlich den Erfolg zu sehen und das Ereignis mit dem Team zu feiern, das sich mit Leib und Seele für dieses große Ziel eingesetzt hat. Ich werde in den Sekunden des Endanflugs, sobald die Räder den Boden berühren, an jedes Teammitglied denken und alle Erinnerungen wachrufen, zu denen wir gemeinsam beigetragen haben. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Begegnung mit André, die ersten Versuche mit Si1, die Flüge in Europa, die Mission in Marokko, die Überquerung der Vereinigten Staaten, die Entstehung von Si2 und den ersten Teil der Weltumrundung, die guten wie die schlechten Erinnerungen.

Wir haben sehr viel dazugelernt, sind gemeinsam gewachsen und haben Fortschritte gemacht. Die Erfahrungen sind nun für immer ein Teil unserer Existenz. Das war kein Job, sondern ein Projekt fürs Leben. Die Propeller drehen sich ein letztes Mal auf der Piste und werden dann stillstehen. Dabei ist dieser Moment nur der Anfang. Fortsetzung folgt. Dieses Abenteuer ist kein Selbstzweck und wird nie aufhören. Seit Jahren sage ich das in meinen Interviews. Kann ich mich daran noch erinnern, wenn ich die Motoren abschalte?

BildArzt, Spitzensportler, Wissenschaftler, Abenteurer, Aktivist: Bertrand Piccard. (Foto: Stéphane Gros/​Solar Impulse)

Mein Großvater schrieb schon im Jahr 1942 einen Artikel, in dem er die Solarenergie als Ersatz für das Öl empfahl. Ihm widme ich diesen Flug. Wäre er bei der Landung dabei, wäre er nicht einmal erstaunt. Für ihn wäre das völlig normal, da er schon viel länger als ich an die Solarenergie glaubte.

Die frische und fröhliche Stimme von Marion Cotillard holt mich aus meinen Träumen und lässt anschließend eine große Leere im Cockpit zurück. Das Falcon-Flugzeug von Fürst Albert fliegt an mir vorbei, vor dem Hintergrund der Lichter von Abu Dhabi kommt mir der Hubschrauber von Jean entgegen.

Medien in der ganzen Welt veröffentlichen sein Foto. Ich freue mich für ihn. In dieser Nacht ist alles geglückt. Alles.

André

Mit Fürst Albert komme ich um zwei Uhr morgens an. Bertrand soll um vier Uhr landen. Wir gehen in die VIP-Lounge des Al-Bateen-Flugplatzes. Strahlende Gesichter trotz Schlafmangels. Um drei Uhr stoße ich zu den Teams. Sie freuen sich und sind aufgeregt. Manche sind schon jetzt nostalgisch. Sofort umringen mich die Journalisten. Ich stelle mich mit ihnen zum Empfang von Solar Impulse auf. Viele von ihnen waren schon beim Start dabei. Es herrscht fast eine familiäre Atmosphäre. Es berührt mich, wenn ich alle diese Personen sehe, die über die Jahre hin das Projekt mit wachsender Anteilnahme begleiteten und als Journalisten darüber berichtet haben. Sie freuen sich, auch jetzt am Ende dabei zu sein. Aus der beruflichen Beziehung wurde eine freundschaftliche Verbindung, die auf einer gemeinsam erlebten Geschichte beruht.

Seltsamerweise bin ich weniger aufgeregt als gedacht. Der Erfolg kam im Laufe der Zeit mit jeder Etappe immer näher. Ich denke wieder an den Abflug vor 16 Monaten, als wir beim Start zu kämpfen hatten, und jetzt läuft alles fast ganz natürlich ab, so sehr ist das technische Können der Teams gewachsen. Wir sind damals verspätet gestartet, das Flugzeug war nicht ausgereift und nicht vollständig getestet, aber es war schon ein großer Erfolg, es überhaupt rechtzeitig auf die Startbahn zu bringen. Der ständige Wettlauf mit der Zeit hatte mich erschöpft, und ich machte mir Sorgen, nicht mehr genügend Energie zu besitzen, um das Ziel zu erreichen. Abu Dhabi hinter sich zu lassen und die erste Etappe in Angriff zu nehmen, war ein Kampf gegen eine außergewöhnlich starke Schwerkraft.

BildPilot André Borschberg nach seiner größten Prüfung, der Überquerung des Pazifiks mit dem Solarflugzeug. (Foto: Anna Pizzolante/​Solar Impulse)

A posteriori war das Projekt die ganze Zeit über unglaublich reich an emotionalen Momenten und an "Belohnungen", sodass die Ankunft jetzt eine zusätzliche Etappe ist. In den vergangenen 13 Jahren habe ich sehr viele unvergessliche Augenblicke erlebt. Schon vor sechs Jahren habe ich mit einem 26 Stunden dauernden Flug gezeigt, dass man mit Solarenergie Tag und Nacht fliegen kann. Erneut demonstrierte im Jahr 2015 der Flug von Nagoya nach Hawaii, dass es den ewigen Flug gibt und die sauberen Technologien ein fantastisches Potenzial haben. Er war der Beweis, dass der ewige Flug immer mehr in den Bereich des technisch Möglichen rückt. Und jedes Mal, wenn man etwas beherrschte, war der Zeitpunkt gekommen, in eine weitere, noch unbekannte Dimension vorzustoßen.

Als ich auf der Piste stehe, umringt von allen diesen strahlenden und ungeduldigen Menschen, wird mir klar, dass das Ende der Weltumrundung nach und nach eingetreten ist. Meine Verantwortung für die Konstruktion des Solarflugzeugs endete mit meiner Ankunft in Hawaii und meine Rolle als Pilot mit der Ankunft in Kairo. Die Funktion als Missionschef hörte im Kontrollzentrum mit dem Abflug von Bertrand nach Abu Dhabi auf und die Rolle als Mitbegründer des Projekts ist für dieses unglaubliche Abenteuer in einigen Minuten beendet. Meine Verantwortung betraf die vier Bereiche der Zusammenarbeit und Verbindungen, der Abenteuer und Erinnerungen. Ich konnte sie glücklicherweise nacheinander abschließen und wusste genau, was ich dabei erlebt hatte, bevor der mediale Trubel über mir hereinbrach.

Bertrand

Die Luftüberwachung empfängt mich mit einer freundschaftlichen Bemerkung: "Sie sind also wieder zurückgekommen, Solar Impulse!"

Das Ende des Fluges zieht sich langsam, ganz langsam hin wie ein Film in Zeitlupe. Ich fliege über die Piste von Al Bateen und erreiche die Ziellinie, jene imaginäre Linie, die André beim Start am 9. März 2015 überquert hatte. Das war ein schwerer Moment! Die Würfel waren nun gefallen, alles war möglich oder unmöglich. Ich hoffte inständig, von der anderen Seite wieder zurückzukommen – und jetzt komme ich zurück, ein wenig verspätet zwar, aber ich bin zurück. Meine Empfindung kann ich kaum beschreiben, ein Glücksgefühl überwältigt mich. Ich spüre eine vollkommene Erfüllung. Die Vergangenheit spielt keine Rolle mehr. Dieser Flug ist mein Erfolg, die Weltumrundung unser Erfolg. Es bleibt uns nur, mit ihr zu einer späteren Zeit das eigentliche große Ziel zu erreichen.

Aber später heißt auch später. Jetzt habe ich das Recht, den Sieg intensiv auszukosten. Ich fliege noch immer und drehe anderthalb Stunden voller Glück meine Runden, bis ich landen kann. Jedes Teammitglied im Kontrollzentrum drückt mir am Mikrofon seine Freude aus. Ich erkenne jede Stimme, jeden Tonfall.

Unter mir sind die Vorbereitungen zur Landung beendet. Auf dem Boden liegen ein langer roter Teppich und eine riesige Fahne von Abu Dhabi. Die Details der offiziellen Zeremonie mussten mit Masdar ausgehandelt werden. Ich hatte Greg den Ratschlag gegeben, alles zu akzeptieren. Schließlich würde ich doch tun, was ich für richtig hielt. Es waren aber auch Persönlichkeiten anwesend, die für mich viel wichtiger waren als alle lokalen Amtsinhaber zusammen: Stefan Catsicas, der als Erster an unser Projekt glaubte, und natürlich Albert von Monaco. "Bertrand, hier Yves. Bleib auf 1.200 Fuß und dreh in die Rechtskurve."

BildKurz vor der Landung: Die "Solar Impulse" schwebt über Abu Dhabi. (Foto: Jean Revillard/​Solar Impulse/​rezo.ch)

"Du bereitest jetzt meine Landung vor!"

"Positiv."

Zum Träumen bleiben mir noch zehn Minuten. Die Bodenfrequenz ist voller arabischer Stimmen:

"Break, break, break. Solar Impulse hier. Verlassen Sie die Frequenz für mein Team."

Die arabische Übersetzung folgt und dann herrscht große Stille.

"Nils, hier Bertrand."

"Der Empfang ist sehr gut."

"Nils ... es wird das letzte Mal ..."

Ich habe eine vollkommen heisere Stimme.

"... das letzte Mal sein, dass ich dich höre ... wie du die Flughöhe durchgibst. Du bist sehr konzentriert dabei ... Ich möchte in meinem Helm deine sehr starke Stimme hören."

"Du wirst sie hören, Bertrand."

"Al Bateen, Solar Impulse, ich beginne den Endanflug."

"Solar Impulse, Al Bateen, Landeerlaubnis erteilt, Piste 13. Nur noch vier Minuten Flugzeit. Ich bin perfekt auf die Befeuerung ausgerichtet:

"Tahan, du schätzt hoffentlich meinen Anflugwinkel!"

"Perfekt, Bertrand."

Die Stimme von Nils ertönt:

"Höhe zehn Meter ..."

Für mich gibt es nur noch diesen Moment auf der Welt.

"Höhe sechs Meter ... vier Meter ... ein Meter ... gelandet ..."

Ich drossle nach und nach die Motorleistung und rolle dem Team entgegen, das nach den Flügeln greift:

"Du kannst jetzt bremsen ..."

Ich bremse sehr sanft ab. Die letzten beiden Worte von Nils verhallen in der Nacht:

"Flugzeug gesichert!"

Völlige Stille tritt ein, regungslos steht das Flugzeug da. Ich zittere heftig am ganzen Körper und bin doch wie verzaubert. Die Anspannung durch die Anstrengungen, Zweifel und Hoffnungen der vergangenen 15 Jahre fällt mit einem Schlag von mir ab. Einen Augenblick lang weiß ich nicht, was um mich herum geschieht. Dann geht das Leben wieder weiter. Das Leben danach.

Ich höre in meinem Helm die Jubelschreie des Kontrollzentrums, den Beifall und die Glückwünsche. Die Stimmung ist euphorisch. Der Schlachtruf der Teammitglieder klingt bis hierher:

"Zigazigazag MCC, zigazigazag Monaco, zigazigazag Albert II." 

 Bild

André Borschberg, Bertrand Piccard:
Mit der Sonne um die Welt
Der Jahrhundertflug der Solar Impulse
Malik/Piper, München 2017
416 Seiten, 28 Euro
ISBN 978-3-89029-495-7

[Erklärung]  
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