Bahn hat viel grüne Luft nach oben

Alle reden über E-Mobilität, allerdings meist über die automobile. Das will die Deutsche Bahn ändern und startet jetzt eine grüne Imagekampagne. Wo der Schienenkoloss aber wirklich beim Klimaschutz voranfährt, bleibt dabei vielfach auf der Strecke. 

Aus Berlin Jörg Staude

Auf den ersten Blick lesen sich die Zahlen, mit denen die Deutsche Bahn heute in Berlin ihre grüne Kampagne vorstellte, recht beeindruckend. So soll der Anteil der erneuerbaren Energien im DB-Schienenverkehr von gegenwärtig 42 Prozent auf 70 Prozent im Jahr 2030 steigen.

BildAb Januar fahren alle Reisenden im DB-Fernverkehr mit "Ökostrom". Solarstrom wird das weniger sein, sondern vor allem Strom aus Wind- und Waserkraft. (Foto: Heinz Wraneschitz/​bildtext.de)

Im Vorgriff fahren schon mal ab Anfang 2018 alle Reisenden im Fernverkehr – also die, die ICE, IC oder EC nutzen – in Zügen, die laut Bahn allein mit Ökostrom angetrieben werden. Bis dato wurde dieses gute Gefühl nur den Bahncard-Inhabern zugebilligt, die anderen konnten es für einen Euro zusätzlich zum Ticketpreis erwerben.

Berücksichtigt man allerdings, dass die Deutsche Bahn EEG-Umlage zu zahlen hat, relativieren sich die Ziele schnell. Die DB zählt damit – wie zum Beispiel private Haushalte auch – zu den sogenannten "nicht privilegierten Verbrauchern", die mit ihren Beiträgen unter anderem die Milliarden-Rabatte für energieintensive Industrien bei der EEG-Umlage finanzieren.

Wer auf diese Weise mehr EEG-Umlage bezahlt, kann sich aber auch – so will es das Gesetz – einen größeren Anteil des grünen Stroms an dem von ihm verbrauchten Strom anrechnen. Im Schnitt liegt der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix zurzeit bei etwa einem Drittel, der Anteil, der für "nicht privilegierte Verbraucher" gilt, bewegt sich stramm auf die 40 Prozent zu. Und ob die Verhältnisse 2030 sehr viel anders aussehen werden, wenn der Klimaschutz einen grünen Stromanteil von 70 bis 80 Prozent verlangt, kann man bezweifeln.

Grüne, rote und schwarze Zahlen

Zu der Tatsache, dass zusätzlicher Grünstrom der Bahn praktisch in den Schoß fällt, bemerkte DB-Vorstandschef Richard Lutz am Montag nur trocken, dass man sich bemühen werde, den Ökoanteil am Stroms "signifikant" über dem Anteil zu halten, der sich ohnehin gesetzlich über das EEG ergeben wird. Die 70 Prozent Grünstrom 2030 bedeuten übrigens nicht, wie Lutz einräumte, dass die DB dann keinen Kohlestrom mehr bezieht. Selbst in dem Zeitraum könne man nicht aus allen Stromlieferverträgen aussteigen.

Auch andere Klimaschutzversprechen, die die Deutsche Bahn abgibt, sind mit Vorsicht zu betrachten. So will der Konzern seine "spezifischen CO2-Emissionen" von 2006 bis 2030 in etwa halbieren. "Spezifisch" bedeutet: pro Fahrgast oder Tonne Frachtgut, die transportiert werden. Absolute Minderungszahlen waren dem DB-Chef am Montag schwer zu entlocken.

Lutz begründete das damit, dass die Bahn ja mit der gewollten Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene zusätzliche Leistungen übernehme. Die dadurch bis 2030 zu erzielenden Einsparungen im Verkehr bezifferte der Vorstandschef auf neun Millionen Tonnen CO2.

BildDie DB AG sieht sich gerne als Umweltvorreiter. Die Details bleiben nebulös. (Foto: Deutsche Bahn)

Den größeren Brocken hat die DB ohnehin jenseits der Grenzen bei ihrer weltweiten Spedition Schenker zu stemmen, die per Lkw, Schiff und Flugzeug unterwegs ist. Nach den Bahn-Angaben entstehen sogar zwei Drittel der gesamten Treibhausgasemisssionen des Konzerns außerhalb Deutschlands.

Grün zu werden und Klimaschutz zu betreiben ist für die Bahn zugegebenermaßen nicht ganz einfach. So ist nach den Angaben die von ihr zu zahlende EEG-Umlage in den letzten Jahren steil angestiegen – von 40 Millionen Euro 2012 auf heute 140 bis 150 Millionen Euro. Verglichen mit dem dieselsubventionierten Lkw-Verkehr ist das kein Pappenstiel, auch wenn die Kosten für den Antrieb der Züge gemessen am gesamten DB-Aufwand nur bei etwa zehn Prozent liegen.

Lieber nicht über Benachteiligung reden

Trotz der offensichtlichen Benachteiligung lässt sich DB-Chef Lutz bei den Forderungen gegenüber der Politik wenig Konkretes entlocken. Unterstützung einer CO2-Steuer? Befreiung von der EEG-Umlage? Reduzierung der Schienen-Maut, also der Trassengebühr? Lutz antwortet ausweichend. Er sehe nur den "erkennbaren Willen" der Parteien, alle Anstrengungen zu unternehmen, das deutsche Klimaziel bis 2020 doch noch zu erreichen. Und bezüglich seines Unternehmens benutzt er am meisten das Wort "Förderkulisse". Als Streiter für eine ökologisch orientierte Politik erweist sich Lutz nicht gerade. Als Angestellter einer noch nicht bekannten Bundesregierung ist das vielleicht auch angebracht.

Klimapolitisch gibt es aber für die Bahn, räumt der DB-Chef denn doch ein, noch viel Luft nach oben. So seien gegenwärtig 70 Prozent des Netzes elektrifiziert. 80 Prozent hält Lutz für sinnvoll, auf den restlichen Strecken müsse man andere Lösungen mit alternativen Antrieben oder Speichern finden. Im Nahverkehr, wo die DB derzeit einen Marktanteil von 85 Prozent hat, müssten die auftraggebenden Kommunen sich letztlich dafür einsetzen, dass dort stärker mit grünem Strom gefahren wird, ließ der Vorstandschef durchblicken.

Jede Menge grüne Luft nach oben gibt es nach Auffassung der Gruppe Fossil Free Berlin beim Divestment der Bahn, also beim Ausstieg aus fossilen Beteiligungen und Projekten. So investiere der Schienenkonzern nach wie vor in Kohle-, Öl- und Gas-Firmen, um die Altersvorsorge des DB-Managements zu sichern.

BildProtest zum Start der grünen Bahn-Kampagne: Aktivistinnen von Fossil Free Berlin kritisierten das fehlende Divestment der DB, aber auch, dass das Unternehmen weiter Geld mit Kohletransporten zu Steinkohlekraftwerken verdient. (Foto: Jörg Staude)

"Öffentlich zu erklären, dass die Industrie der fossilen Brennstoffe aus Gründen des Klimaschutzes aus der DB-Finanzpolitik ausgeschlossen ist – das blockt die Bahn bisher ab", kritisierte Fossil-Free-Aktivist Mathias von Gemmingen. Offenbar wolle die Deutsche Bahn noch nicht zu den fast 800 Institutionen und Firmen weltweit gehören, die sich der Divestment-Bewegung angeschlossen haben.

Der Beitrag wurde um 22.20 Uhr aktualisiert

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