"Das Elektroauto bringt nicht die Wende"

BildNach zwei Jahren Dieselskandal, weiter steigenden CO2-Emissionen im Verkehr und drohenden Fahrverboten suchen die Autobauer nun die Lösung in der Elektromobilität. Auf der Automesse IAA, die heute zu Ende geht, kündigten sie eine große Offensive für Batterieautos an. Das wird aber nicht reichen, sagt Verkehrsforscher Helmut Holzapfel. Und erklärt, wieso.

Helmut Holzapfel ist Verkehrsforscher, Stadtplaner und Ingenieur aus Kassel. Er leitet dort das "Zentrum für Mobilitätskultur". Holzapfel war bis 2015 Professor am Institut für Verkehrswesen der Universität Kassel und Leiter des Fachgebietes Integrierte Verkehrsplanung und Mobilitätsentwicklung.

klimaretter.info: Herr Holzapfel, der Verkehr ist das große Sorgenkind beim Klimaschutz. Statt zu sinken, ist der CO2-Ausstoß im Vergleich zur Basisjahr 1990 sogar angestiegen. Nun soll das Elektroauto die Wende bringen. Wird das funktionieren?

Helmut Holzapfel: Nein, die vorhandene Autoflotte durch genauso schnelle, große und – wegen der Batterie und des Trends zu SUV – noch schwerere Elektroautos zu ersetzen, ist keine Lösung. Jede schnelle Fortbewegung braucht viel Energie, und Ökostrom ist knapp und kostbar, deshalb sollte man ihn sinnvoller verwenden.

Hinzu kommt, dass die Batterien bisher noch mit hohem CO2-Aufwand hergestellt werden und eine neue Ladeinfrastruktur aufgebaut werden muss. Das heißt: Eine Verkehrswende kann nur mit weniger und kleineren Autos und einer anderer Mobilität, vor allem in unseren Städten, überhaupt funktionieren.

Die Grünen fordern, dass ab 2030 keine Benziner oder Diesel mehr gebaut werden dürfen. Ist das zu schaffen?

Das ist praktisch fast unmöglich. Autokonzerne und Politiker hätten die Weichen viel früher stellen müssen – und können. Zur IAA 2009 habe ich einen Beitrag zu E-Autos geschrieben, der in der Frankfurter Rundschau erschienen ist, Titel: "Wo tanken sie denn?"

Seither sind kaum Fortschritte beim Aufbau eines Ladenetzes erreicht. Diese Problematik wird auch heute noch unterschätzt. Es müssen zum Beispiel Lösungen für Verbrauchsspitzen entwickelt werden. Man bedenke, was passiert, wenn in einer Großstadt am Vorabend des Urlaubsbeginns fast die ganze Autoflotte aufgeladen werden soll.

BildSo könnte städtisches Leben in der Zukunft aussehen – wenn die Verkehrswende gelingt. (Bild: Wuppertal-Institut/Greenpeace)

Wie kann die Zukunft der Mobilität in unseren Städten denn aussehen, wenn die CO2-Kehrtwende im Verkehr bis 2020 erreicht sein soll und 2050 alle ganz ohne Klimabelastung fahren sollen?

Wie brauchen einen viel besseren öffentlichen Verkehr, außerdem eine optimierte Infrastruktur für den Fuß- und den Radverkehr in einer "Stadt der kurzen Wege". Beides kann erhebliche Anteile des Autoverkehrs ersetzen.

Aber es wird weiterhin viele Autos geben ...

Durchaus. Aber für eine klimaverträgliche Entwicklung müssen auch sie sich ändern. Die Wagen müssen kleiner und leichter werden, egal wie sie angetrieben werden.

Alle Effizienzfortschritte sind bisher von mehr Leistung und Gewicht wieder aufgefressen worden. Wenn man nicht aufpasst, geht es mit den Batteriefahrzeugen genauso. Wir brauchen also auch Effizienz- und CO2-Standards für die E-Autos.

In einem Gutachten des Wuppertal-Instituts für Greenpeace wird eine Halbierung der Zahl der Autos bis 2035 in Deutschland angenommen. Ist so etwas denn überhaupt vorstellbar – in dem Land, das von "Autokanzlern" regiert wurde und wird?

Selbst Kanzlerin Merkel hat auf der IAA davon gesprochen, dass die Motorisierung bei uns stagniert. Das ist also schon heute Fakt, selbst wenn keine Änderung der Politik eingeleitet wird.

Dass es sogar bei den aktuellen Randbedingungen mit weniger Autos geht, zeigt Berlin. Die Stadt hat, unter anderem dank des guten öffentlichen Verkehrs, heute eine etwa um ein Drittel niedrigere Motorisierung als Deutschland im Durchschnitt.

Vorbildlich konzipierte neue Stadtteile, wie etwa in Tübingen, erreichen fast schon die Halbierung der Autozahlen – und dort sind die Bewohner sehr zufrieden. Wenn man in nachhaltige Siedlungsentwicklung und Verbesserung von Bus und Bahn investiert sowie den Trend zum Carsharing weiter verstärkt, ist ein angenehmes Leben mit wesentlich weniger Autos möglich.

Der Umbau der Städte ist teuer, kann man die klimafreundliche Verkehrsinfrastruktur denn überhaupt schnell genug schaffen?

Da ist viel möglich, wenn massiv investiert wird. Dazu müssen die Mittel für den Städtebau und eine integrierte Stadt- und Verkehrsplanung stark gesteigert werden, statt Milliarden Euro in den Neubau von Autobahnen und Bundesstraßen zu stecken.

Die Summe von einmalig einer Milliarde aus den "Diesel-Gipfeln" ist lächerlich. Da investiert ja die englische Liga mehr Geld in neue Fußballer.

Das Geld reicht nicht?

Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aus dieser Summe sollen ja auch noch neue Busse und Bahnen gekauft werden.

Überfällig ist ein Sonderprogramm für den öffentlichen Verkehr. Tatsächlich aber hat CDU-Finanzminister Schäuble Druck auf die Bundesländer gemacht und mit ihnen vereinbart, dass die Bundesmittel für Nahverkehr aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz bis 2025 eingefroren werden – eine Katastrophe angesichts des hohen Bedarfes.

Was ist denn bei der von Ihnen geforderten Verkehrswende mit den Pendlern? Deren Zahl nimmt weiter zu, und die Fahrstrecken werden immer länger ...

Mehr Straßenbau löst das Problem nicht. Damit verlagert man den Stau nur. Wir brauchen neben mehr Bussen und neuen Bahnen auch eine gute Stadtplanung, die Arbeitsplätze dezentralisiert, flankiert durch den Ausbau eines schnellen Internets.

Ballungsräume wie Frankfurt am Main, Rhein-Ruhr oder Stuttgart müssen dringend entlastet werden. Das ist nur möglich, wenn der Transport und die Siedlungsstruktur integriert geplant werden. Davon wird bisher immer nur geredet, aber es wird nicht praktiziert.

Viele haben die Sorge, dass solche Veränderungen massiv Arbeitsplätze vernichten.

Das sind unnötige Ängste. Die Entwicklung von neuen Mobilitätskonzepten und kleineren, aber smarten Automobilen braucht viele innovative Mitarbeiter. Dasselbe gilt für die Integration des Verkehrssystems in eine ökologische Energieversorgung und -speicherung. Viel von diesem Wissen und den dazu gehörenden Dienstleistungen ist sicher exportierbar. Das ist die Vision: Unser Exportschlager Autoindustrie wird zum Exportschlager Mobilitätsindustrie.

Klimaschutz ist nur eines der ungelösten Problem im Verkehr, ein wichtiges anderes ist die Verkehrssicherheit. Wann wird die Vision von "null Verkehrstoten" Wirklichkeit? Die Zahl der getöteten Fahrradfahrer ist ja zuletzt wieder angestiegen.

Für die Insassen sind unsere Autos heute schon sehr sicher. Das muss künftig auch für die anderen Verkehrsteilnehmer – Fußgänger und Radfahrer – gelten. Dazu gibt es eine ganze Reihe Ansätze. Technische wie Warnsignale oder automatisches Bremsen, wenn Kollisionen drohen, aber auch die Einführung von Tempo 30 in Städten als Regeltempo mit Ausnahmen für die Hauptverkehrsstraßen.

BildHohes Tempo, schwere Fahrzeuge – das kostet viel Energie. Die Gesellschaft darf das nicht noch fördern. (Foto: Axel Kuhlmann/​Flickr)

Was sind hier die richtigen Stellschrauben?

Jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Die gesetzlichen Standards für Fahrzeuge und Infrastruktur müssen höher werden, und es braucht eine neutrale, herstellerunabhängige Behörde, die diese überwacht. Ein Beispiel liefert Schweden. Dort werden Unfallschwerpunkte von einer unabhängigen Stelle analysiert.

Interview: Joachim Wille

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