Verzweifelt gesucht: "Clean Diesel"

Zwei Jahre nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals verkauft die Branche noch immer Diesel-Pkw, die die Stickoxid-Grenzwerte nicht einhalten. Die angekündigten "Clean Diesel" waren auch auf der Automesse IAA nicht aufzufinden.

Von Jörg Staude

Die derzeitige Gretchenfrage für Diesel-Fahrer lautet: Welches Modell trotzt drohenden Fahrverboten? Wer ein Dieselauto hat oder sich eins zulegen will, das die Euro-6-Norm erfüllt, ist da noch nicht auf der sicheren Seite. Da muss die "6" schon noch durch ein zusätzliches "d" geschmückt werden. Nur Diesel mit der Euro-6d-Norm in der Typzulassung halten im realen Betrieb die Stickoxid-Grenzwerte so ein, dass sie Fahrverbote werden umfahren können.

BildErst in zwei bis fünf Jahren sollen Interessenten die auf der IAA 2017 ausgestellten E-Autos voraussichtlich kaufen können. (Foto: Boris Löffert/IAA)

Was könnte zwei Jahre nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals eine bessere Bühne für solche "Clean Diesel" sein als die aktuelle Internationale Automobil-Ausstellung.

Viele Hersteller nutzten die IAA für ein zusätzliches Zeichen, um die "modernsten Euro-6-Fahrzeuge" auf die Straße zu bringen, das hatte jedenfalls der Chef des Automobilverbandes VDA Matthias Wissmann zur Eröffnung gelobt.

Nur: In den Messehallen selbst gleicht die Suche nach den "modernsten" Dieseln der nach einer Nadel im Heuhaufen. Einen Euro-6d-Diesel soll weder Daimler noch BMW und auch VW nicht präsentiert haben.

Seit Anfang September dieses Jahres sind für Pkw die neuen Abgasnormen Euro 6c und 6d in Kraft. Um die 6c zu bekommen, müssen die Fahrzeuge nur den etwas realistischeren WLTP-Test auf dem Prüfstand bestehen. Bei 6d kommt noch eine Messung nach dem RDE-Verfahren hinzu. Der "Real Drive Emission"-Test prüft, wie das Abgas-Verhalten des Autos auf der Straße ist. Dabei dürfen die Stickoxid-Emissionen den Grenzwert auf dem Prüfstand um den Faktor 2,1 übersteigen. Ein 6d-Diesel darf demnach auf dem Prüfstand nicht mehr als 80 und auf der Straße entsprechend nicht mehr als 168 Milligramm Stickoxide pro Kilometer ausstoßen. Von einem wirklichen "Clean Diesel" ist man offensichtlich auch bei der bisher schärfsten Norm noch ein Stück entfernt.

Dennoch wurde in den IAA-Hallen auch Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte des Umweltverbandes BUND, trotz intensiver Suche und Nachfragens nicht 6d-fündig. Die Politik stelle jetzt besonders Dieselmodelle mit neuester Abgastechnik heraus, doch solche Fahrzeuge "gibt es auf der diesjährigen IAA offensichtlich nicht", hat er festgestellt.

Selbst bei den neuesten Modellen seien die Diesel nicht nach den neuen, realistischeren Messmethoden getestet worden. Damit blieben die Hersteller eine verbindliche Aussage über die realen Stickoxid-Emissionen im Betrieb weiter schuldig, kritisiert der Experte. "Käufer dieser fabrikneuen Fahrzeuge laufen noch immer Gefahr, zukünftig von Fahrverboten betroffen zu sein."

Für Hilgenberg hat sich in zwei Jahren Diesel-Skandal nichts grundlegend geändert. Kunden, die sich darauf verlassen, dass neue Dieselautos sauber sind, würden weiterhin betrogen. "Und Politiker, die die Mär vom sauberen Diesel verbreiten, machen sich zu Erfüllungsgehilfen der Autolobby", ärgert er sich.

Autobauer investieren noch immer wenig in E-Autos

Das Interesse der Branche, erst einmal noch ihre künftigen Ladenhüter loszuwerden, scheint groß zu sein. Derzeit stehen in Europa laut einer jetzt veröffentlichen Studie des Dachverbandes Transport & Environment (T&E) gerade mal 20 Pkw-Modelle mit Elektromotor zum Verkauf – neben rund 420 Modellen mit Verbrennungsmotor. E-Autos würden beim Vertrieb und bei den Werbebudgets systematisch hintenan gestellt, kritisiert T&E. Nur etwa zwei Prozent ihres Marketingbudgets setzen die Autobauer laut der Studie ein, um in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Norwegen sogenannte Null-Emissions-Fahrzeuge, also vor allem E-Autos, zu bewerben.

Entsprechend deutlich würden die Hersteller ihre selbst gesteckten Absatzziele für Elektroautos verfehlen: Im Schnitt hätten sie angestrebt, 2016 den Anteil von E-Fahrzeugen an den verkauften Pkw auf 3,6 Prozent zu erhöhen, tatsächlich wurden jedoch nur 1,7 Prozent erreicht.

Dazu passend meldete das Magazin Der Spiegel, dass nach Informationen der Grünen-Fraktion im Bundestag bisher nicht eine einzige Typenzulassung für Euro-6d-Fahrzeuge beim Kraftfahrtbundesamt beantragt worden sei. Die Automanager würden von nichts anderem als von diesen Euro-6d-Fahrzeugen reden – aber man könne sie nirgendwo kaufen, zitierte das Blatt den grünen Vizefraktionschef Oliver Krischer.

Lange wird diese Strategie nicht mehr verfangen. Besonders zum Einbau in kleinere Autos wird der Diesel immer unattraktiver. So verkündete die tschechische VW-Marke Škoda während der IAA, ab 2018 das Modell Fabia nicht mehr mit Diesel-Motorisierung anzubieten. Der Rückzug gelte für die ganze Modellreihe und weltweit.

BildBeim Diesel ist der Lack ab. (Foto: Sean Davis/​Flickr)

Škoda begründet das Aus mit den steigenden Kosten der Abgasbehandlung. Nach Angaben aus der Branche wie auch von Forschern bedeutet eine grenzwertkonforme Abgasbehandlung einen Mehraufwand von 1.000 bis 1.500 Euro pro Auto. Das rechnet sich für ein Modell wie den Škoda Fabia, der neu ab 12.150 Euro zu haben ist, nicht mehr – und Preiserhöhungen in dieser Dimension sind am Markt nicht durchsetzbar. Wozu die Autokonzerne mit ihren diversen Rabattschlachten ein Gutteil beigetragen haben.

Das absehbare Aus für den Diesel in Kleinwagen hatten Umweltschützer übrigens schon kurz nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals vorausgesagt: Wenn bei den Emissionen endlich Realismus einziehe, stehe der Dieselmotor zumindest in der Polo-Klasse, den Klein- und Kompaktwagen, vor dem "Fade-out", hatte Dietmar Oeliger vom Naturschutzbund vor zwei Jahren prophezeit. Der Aufwand werde sich dann nur noch für Pkw der Mittel- und der Oberklasse lohnen, sagte der Verkehrsexperte damals – und vor allem auch für Riesen-SUV, möchte man heutzutage ergänzen. Über die Protz-Diesel stolperten die IAA-Besucher jedenfalls auf Schritt und Tritt.

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