V wie Verminderung

Die Luftfahrtbranche versucht, sich bei Vögeln Strategien zum effizienten Fliegen abzugucken. Das klimaschädlichste aller Verkehrsmittel ist allerdings immer noch nicht dazu verpflichtet, weniger Treibhausgas auszustoßen. Indes werden manche Flüge durch den Klimawandel künftig turbulenter.

Von Susanne Schwarz

Das Fliegen hat der Mensch sich von den Vögeln abgeguckt. Was jahrtausendelang Gegenstand unerfüllbarer Sehnsucht war, ist heute für den kleineren Teil der Menschheit Alltag geworden: Tausende von Stahlvögeln fliegen täglich um die Erde.

BildFlugzeuge tragen massiv zum Klimawandel bei. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der US-Flugzeugbauer Boeing und die US-Luftfahrtbehörde Nasa wollen nun noch etwas von den Vögeln übernehmen: das V, in dem sich die Tiere typischerweise anordnen, wenn sie in den Süden ziehen oder zurückkommen. Auch am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht man am Formationsflug für Flugzeuge. Ingenieur Florian Linke vom DLR erklärt warum: "Das Fliegen in Formation kann zu einem verminderten Kraftstoffverbrauch führen, also auch zu geringeren Treibhausgasemissionen." Und zu geringeren Kosten – für Fluggesellschaften wäre das wohl eine willkommene Art von Klimaschutz.

Vögel fliegen im V, weil sie so mit weniger Energie auskommen – bei Flugzeugen ist das genauso. "Ein Flugzeug fliegt im Wirbelnachlauf eines anderen, reduziert so seinen aerodynamischen Widerstand und spart deshalb Energie", sagt Linke.

In der Praxis ist das Zukunftsmusik

In der Theorie könnte man es sich so vorstellen: Mehrere Flugzeuge fliegen an unterschiedlichen Orten der Welt los, teilen über den Wolken so viel Wegstrecke wie möglich – in Formation, versteht sich –, und trennen sich dann wieder, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen.

In der Praxis erfordert jeder einzelne dieser Schritte planerische Meisterleistungen – nicht zuletzt, weil das Fliegen im Wirbelnachlauf auch zu hausgemachten Turbulenzen führen kann. "Man muss schon sehr präzise in den Wirbel hineinfliegen und alles muss gut koordiniert werden: Die Flugzeuge müssen beispielsweise Umwege nehmen, um zum optimalen Treffpunkt zu gelangen", erklärt Linke. "Für kommerzielle Passagierflüge liegt der Formationsflug wohl noch in ferner Zukunft, für den Frachtverkehr wäre er vielleicht eher denkbar."

Luftfahrt drückt sich um Klimaschutz

Es ist eine typische Herangehensweise der Luftfahrtbranche: Klimaschutz durch Effizienz. Das rasant steigende Flugaufkommen hat Effizienzgewinne allerdings bislang immer wieder aufgefressen. Schon jetzt beträgt der Gesamtanteil des Flugverkehrs an der globalen Erwärmung laut dem Verkehrsclub Deutschland etwa fünf Prozent und die Branche wächst rasant: jährlich um rund vier Prozent.

Trotzdem müssen sich Fluggesellschaften kaum am Klimaschutz beteiligen. Zertifikate des Europäischen Emissionshandelssystems müssen sie beispielsweise nur für Flüge innerhalb der EU kaufen. Das hat einen Grund.
Die Staatengemeinschaft hat die Weltluftfahrtorganisation ICAO im Kyoto-Protokoll eigentlich damit beauftragt, sich selbst um Maßnahmen zur Kontrolle und Minderung der Treibhausgasemissionen zu bemühen. Vor zwei Jahrzehnten. Im vergangenen Jahr hat die ICAO nun beschlossen, dass die CO₂-Emissionen aus dem Flugverkehr ab 2020 nicht weiter ansteigen sollen, zumindest rechnerisch.

Die Idee: Statt selbst Treibhausgase einzusparen, finanzieren die Fluggesellschaften an anderer Stelle Klimaschutz-Projekte, zum Beispiel für erneuerbare Energien oder die Aufforstung von Wäldern. Unter das Niveau von 2020 kommt man so freilich nicht wieder – obwohl die Weltwirtschaft eigentlich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ohne Kohlendioxid auskommen muss.

Mehr unberechenbare Luftlöcher

Künftig wird die Luftfahrt indes auch selbst unter dem Klimawandel leiden. Paul Williams von der Universität Reading bei London untersucht seit Jahren den nordatlantischen Flugkorridor zwischen Europa und Nordamerika. Dort geht es geschäftig zu: Jeden Tag durchfliegen um die 1.000 Flugzeuge den Raum.

Durch Computer-Simulationen und Klimamodelle versucht Williams gemeinsam mit Kollegen herauszufinden, wie sich die Luftströmungen dort mit dem Klimawandel ändern werden – und wie sich das auf Flugzeuge auswirkt. "Unsere Arbeit legt nahe, dass der Klimawandel ab der Mitte dieses Jahrhunderts zu turbulenteren Flügen über den Atlantik führen wird", sagt der Atmosphärenforscher.

Es geht dabei nicht einmal um heftigere Stürme oder schwerere Unwetter. Williams redet von Turbulenzen, die bei klarem Himmel auftauchen – von Luftlöchern also. Für das Fliegen ist an den Luftlöchern eines besonders problematisch: Während man ein Gewitter vorhersagen und umfliegen kann, sind Luftlöcher unberechenbar.

Und genau solche Luftlöcher werden mit dem Klimawandel häufiger, meint Williams. "Das hängt mit langfristigen Veränderungen beim Jetstream, dem Starkwindband der Nordhalbkugel, zusammen", erklärt er. Vor allem die starken Luftlöcher, die tatsächlich Flugzeuge mitreißen und nicht angeschnallte Passagiere sowie loses Gepäck umherwerfen können, nehmen Williams zufolge bis zur Jahrhundertmitte zu – voraussichtlich auf das Zweieinhalbfache.

BildDie V-Formation hilft Vögeln beim Energiesparen. Flugzeugen auch. (Foto: Schulze von Glaßer)

Schon heute melden allein die US-amerikanischen Fluggesellschaften jährlich etwa 790 Vorfälle, die mit Turbulenzen im nordatlantischen Flugkorridor zusammenhängen. Dabei sind bei Flugbegleitern 687 leichte und 38 schwere Verletzungen entstanden. Auch Passagiere wurden verletzt: 120 von ihnen leicht, 17 schwer.

In der Zukunft, sagt Williams, müssen die gefährdeten Gebiete wohl weiträumig umflogen werden. Ein Flug von Deutschland in die USA könnte dann Stunden länger dauern – und viel mehr Treibstoff verbrauchen. "Ironie" nennt Williams das. "Der Luftverkehr trägt stark zum Klimawandel bei, bald kommt der Bumerang zurück."

[Erklärung]  
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