Wäscht das ZDF den Diesel sauber?

Gute Freunde haben die Autokonzerne nicht nur in der Politik und den Branchenverbänden, sondern scheinbar auch in den öffentlich-rechtlichen Medien, namentlich dem ZDF. Dort versuchte man offenbar, den Diesel sauberer erscheinen zu lassen als er ist.

Von Jörg Staude

Es ist der 28. Juli 2017. Das Verwaltungsgericht Stuttgart entscheidet, dass die Luft in der Stadt mithilfe von Diesel-Fahrverboten endlich sauberer werden muss. Das Gericht bewertet den Schutz von Leben und Gesundheit der Bevölkerung höher als den der Rechtsgüter Eigentum und allgemeine Handlungsfreiheit.

BildWenn Ingenieurskunst am falschen Ende eingesetzt wird, kommt es auch auf die Medien an. (Foto: Steffen Holzmann/​DUH)

Das Urteil erschreckt Millionen deutsche Dieselauto-Besitzer zutiefst – da müssen auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten reagieren. Sie heben, jeweils nach den Hauptnachrichten, eine Sondersendung ins Programm, die ARD einen "Brennpunkt" und das ZDF ein zwölfeinhalbminütiges Spezial "Ausgebremst! Fahrverbot für Diesel?"

Beim ZDF kommt ab Minute neuneinhalb, befragt von der Moderatorin und Rechtsexpertin Sarah Tacke, der ZDF-Umweltexperte Volker Angres zu Wort. Angres scheint entschlossen, dem allgemeinen Diesel-Bashing doch ein paar Dinge entgegenzuhalten. So weist er darauf hin, dass der deutsche Straßenverkehr "nur rund 30 Prozent der Gesamtstickoxidbelastung" liefere. Das dachte man eigentlich nicht nach dem ganzen Abgas-Skandal – aber stimmt es auch?

Das nachzuprüfen ist relativ einfach. Man schaut nach, was das Umweltbundesamt (UBA) über Luftschadstoff-Emissionen in Deutschland zusammengetragen hat, und findet dort eine Excel-Tabelle zur "Emissionsentwicklung 1990–2015 für klassische Luftschadstoffe" mit den Angaben: 1,186 Millionen Tonnen Stickoxide (NOx) wurden im Jahr 2015 bundesweit ausgestoßen, davon entfallen 403.500 Tonnen auf "Road Transportation".

Zahl kräftig abgerundet "zum besseren Verständnis"

Nach den Regeln der Mathematik hat der Straßenverkehr also einen Anteil von 34 Prozent an den Gesamt-Stickoxidemissionen. Volker Angres spricht von 30 Prozent – nur ein grober Rundungsfehler? Immerhin fallen mit den vier Prozentpunkten einige zehntausend Tonnen NOx mal so unter den Tisch.

Eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht sei das nicht, da es sich um die Vergleichbarkeit der Emissionsquellen in Größenordnungen handele, erläutert Angres in einer vom ZDF übermittelten Antwort des Umweltexperten auf die Anfrage von klimaretter.info. Und wörtlich: "In der kurzen Interviewsequenz wurde zur besseren Verständlichkeit eine Abrundung auf 30 Prozent benannt."

Nun ja – 30 Prozent sollen "besser verständlich" als 34 Prozent sein. Der Erklärung schien Volker Angres selbst nicht ganz zu trauen. Am vierten Tag nach dem ZDF-Spezial und drei Tage nach der klimaretter.info-Anfrage wegen der 30 Prozent veröffentlicht er am 31. Juli eine Analyse mit dem Titel "Das Diesel-Dilemma", in der er sich nun auf die UBA-Zahlen bezieht und zum Ergebnis kommt: 2015 entfielen von den Gesamtemissionen an Stickoxiden in Deutschland "auf den Straßenverkehr insgesamt 0,40 Millionen Tonnen. Das sind knapp 34 Prozent, also ein Drittel." Na bitte, warum nicht gleich so?

Doch im ZDF-Spezial zum Diesel schickt Umweltexperte Angres zum Ende der Interviewsequenz noch einen weiteren Satz in die Welt, der es in sich hat, und zwar so richtig. Wörtlich: "Wenn man den deutschen Strommix tankt, dann ist ein Elektroauto nicht sauberer als ein moderner Euro-6-Diesel, wo die Abgasreinigung gut funktioniert."

Das ist eine Ansage, die man sich im Hirn zergehen lassen muss: Das gepriesene E-Auto genauso dreckig wie ein Euro-6-Diesel, bei dem die Abgasreinigung "gut funktioniert"? Dies zu überprüfen ist allerdings ungleich schwerer. Denn schnell stellt sich heraus, dass es hier nicht allein um die Emissionen geht, die beim Fahren entstehen. Der Diesel hat nur dann eine Chance gegen das E-Auto, wenn – was Angres nicht sagt – über die Fahr-Abgase hinaus die gesamte Ökobilanz von Diesel und E-Auto gegenüberstellt wird.

Verbrennungsmotor-Experte mit starker Rhetorik

Allerdings, so schränkt Angres in seiner vom ZDF übersandten Antwort ein, soll sich der "E-Auto nicht sauberer"-Satz ausdrücklich nur auf den Vergleich der Stickoxid-Werte beider Fahrzeugtypen beziehen. Im Kern steckt hinter dem Satz also ein Vergleich der NOx-Bilanz von E-Auto und Diesel – und zwar jeweils von den Rohstoff- und Energiequellen über die Herstellung bis zu dem Moment, wo das Rad die Bewegungsenergie auf die Straße überträgt.

Die fachliche Quelle für den "Nicht sauberer"-Satz ist laut der Antwort von Angres das Institut für Kolbenmaschinen (IFKM) am KIT in Karlsruhe an. Mal abgesehen von der Frage, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender sich auf ein Institut verlässt, dessen Triebfeder laut Selbstdarstellung die "Begeisterung" für den Verbrennungsmotor ist – der IFKM-Chef Thomas Koch bestätigt den "Nicht sauberer"-Satz gegenüber klimaretter.info so nicht.

Warum auch. Koch hat zum E-Auto schon viel drastischere Vergleiche gezogen. "Legt man den deutschen Strommix zugrunde, emittieren Elektroautos pro Kilometer sogar doppelt so viel Stickoxid wie Diesel der neuesten Generation", erklärte er kürzlich in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung, die ihn als einen "Experten vom Karlsruher Institut für Technologie" vorstellt und das Kolbenmaschinen-Institut weglässt.

Koch teilt klimaretter.info selbst mit, er sei gar kein Gegner der E-Mobilität. Diese sei eine sehr gute Ergänzung, besonders für den urbanen Bereich. "Wir benötigen verschiedene Antriebstechnologien. Eine dogmatische Betrachtung liegt mir fern", schreibt er. Und er schickt eine mehr als hundertseitige Ausarbeitung mit den Logos von KIT und IFKM zum Thema Diesel und Luftqualität.

Dieses Papier gibt erkennbar eine Blaupause ab für die derzeitige – man kann es kaum anders nennen – Pro-Diesel-Kampagne  in der Öffentlichkeit. Dass aus den mehr als hundert Seiten zitiert wird, möchte der IFKM-Chef allerdings nicht. Der Nicht-sauberer-Satz aber ist, so viel kann man verraten, in dem Teil der Ausarbeitung, wo es um die Stickoxid-Emissionen geht, auch nicht zu entdecken.

Kohle lässt den Diesel sauberer dastehen

Ob ZDF-Umweltexperte Volker Angres diese Unterlage von Koch ebenfalls erhalten und ob er diese oder eine andere IFKM-Quelle für seine Nicht-sauberer-Wertung genutzt hat oder nicht – das haben er und das ZDF bis dato nicht mitgeteilt.

Allerdings zitiert Angres am 31. Juli in seinem "Dilemma"-Kommentar nunmehr selbst Thomas Koch, den Chef des Kolbenmaschinen-Instituts, und zwar mit den Worten: "Moderne Dieselfahrzeuge emittieren rund halb so viele Stickoxide wie Elektrofahrzeuge auf der Basis der deutschen Stromherstellung." Das ist, nur anders formuliert, genau die Einschätzung, die Koch auch der Stuttgarter Zeitung gegeben hat.

Ja, was denn nun, liebes ZDF? Sind Diesel nun genauso oder halb so schmutzig wie E-Autos mit deutschem Strommix? Man würde gern erfahren, wie sich in einem öffentlich-rechtlichen Sender, bei dem man ja angeblich mit dem Zweiten besser sieht, die Stickoxid-Emissionen von E-Autos innerhalb weniger Tage praktisch verdoppeln können.

Natürlich wissen auch die Förderer von E-Mobilität, dass Elektroautos nur unter der Bedingung, dass sie Ökostrom "tanken", wirklich nachhaltig grün sind – und fordern einen entsprechenden Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung. Es ist schon ein Treppenwitz der Energiewende, dass der Boom beim Kohlestrom den deutschen Strommix schmutzig macht – und so erst die Gelegenheit schafft, E-Autos auf Dieselniveau herunterzurechnen.

Selbst wenn man – berechtigte – Zweifel an der Emissionsbilanz von E-Autos hat, hätte ein Umweltexperte, dem saubere Luft gerade in den Städten am Herzen liegt, aber darauf hinweisen können (oder sogar müssen), dass E-Autos lokal NOx-frei unterwegs sind. Dies könnte gerade in Stickoxid-Hotspots wie Stuttgart zu einer deutlichen Entlastung der Luft beitragen. Wer solchen urbanen Zentren helfen will, drohende Fahrverbote dauerhaft abzuwenden, müsste eigentlich für einen raschen Ausbau von E-Mobilität plädieren.

Den wirklich sauberen Diesel muss man suchen

Denn auch Euro-6-Diesel mit "gut funktionierender Abgasreinigung", auf die ZDF-Experte Angres abstellt, sind derzeit ziemlich rar gesät. Bei Abgas-Messungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) im Herbst 2016 hielten gerade mal zwei Modelle deutscher Hersteller den Euro-6-Grenzwert für Diesel-Pkw auch im realen Betrieb ein. Anders gesagt: Diesel mit "gut funktionierender Abgasreinigung" sind derzeit nur zu haben, wenn man ganz spezielle Modelle kauft.

Zurzeit warnt die DUH sogar vor dem Autokauf im Rahmen der sogenannten "Umweltprämien". Denn bei nicht wenigen Euro-6-Dieseln zeigten sich die höchsten je von der DUH gemessenen Werte des Abgasgiftes NOx. Die Umweltorganisation verlangt von den Autokonzernen eine verbindliche Zusage, dass ab Januar 2018 nur noch Diesel-Neuwagen verkauft werden, die den Euro-6-Grenzwert für NOx von 80 Milligramm je Kilometer auf der Straße einhalten, gemäß Abgasmessung durch RDE (Real Driving Emissions) sowie bei Temperaturen bis minus 15 Grad Celsius.

BildVolker Angres vom ZDF, hier als Kommentator, kann sich offenbar nicht entscheiden, wie viel Stickoxide E-Autos nun wirklich verursachen. (Foto: Screenshot/​ZDF)

Die Einhaltung dieses Grenzwerts im realen Fahrbetrieb, das legt auch die Unterlage des IFKM nahe, ist offensichtlich die Mindestvoraussetzung, um den Diesel bei den NOx-Emissionen überhaupt rechnerisch in die Nähe von E-Autos kommen zu lassen, die den heutigen deutschen Strommix tanken.

Wie sich in zehn oder mehr Jahren die Vergleichbarkeit von E- und D-Autos darstellt, sei heute nicht zu beantworten, erklärt Angres in seiner Antwort. Grundsätzlich könne es nicht darum gehen, heisst es darin weiter, die "ein oder andere Antriebsart zu verteufeln". Nein, dass sich das ZDF daran beteiligt, den Diesel zu verteufeln, kann man dem Sender wahrlich nicht vorwerfen. Der Verdacht allerdings, dass man sich in der öffentlich-rechtlichen Anstalt bemüht, den Diesel sauberzuwaschen, ist bisher nicht ausgeräumt.

Redaktionelle Anmerkung: Der Beitrag wurde am 18. August um 13.15 Uhr aktualisiert

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen