"Die Autoindustrie muss natürlich zahlen"

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Beim heutigen Diesel-Gipfel in Berlin wollen Politik und Autoindustrie über verschiedene Nachrüst-Optionen für zu dreckige Autos beraten. Der Autoexperte Axel Friedrich erklärt, warum die Konzerne nicht aus der Verantwortung gelassen werden dürfen – und wie die Bundesregierung das anstellen kann.

Axel Friedrich leitete lange die Verkehrsabteilung im Umweltbundesamt. Heute ist er freier Berater, unter anderem für die Deutsche Umwelthilfe.

klimaretter.info: Herr Friedrich, was muss der Diesel-Gipfel bringen?

Axel Friedrich: Die Politik muss ein klares Signal setzen: Sie muss der Autoindustrie klarmachen, dass sie die Menschen nicht mehr betrügen darf. Den Kunden Autos mit Euro 6 zu verkaufen, die tatsächlich aber mehr Stickoxide als bei Euro 1 aus dem Auspuff pusten, also quasi "Euro null" sind, muss endlich aufhören. Und der Gipfel sollte für Diesel-Fahrer Lösungen bringen. Sie können ihr Auto weiter fahren – aber nur sauber.

Die Autokonzerne wollen möglichst nur eine neue Software für die Motorsteuerung aufspielen. Wie viel kann das bringen?

Nur ein Teil der betroffenen Autos ist dafür überhaupt geeignet. Bei Euro-5-Fahrzeugen kann der Stickoxid-Ausstoß dadurch um 25 Prozent sinken. Für die Luft in den Städten bringt das wenig – allenfalls eine Minderung der Schadstoffwerte um neun Prozent. Die Grenzwerte würden weiterhin deutlich überschritten werden. Das ist keinesfalls die Lösung.

Sie fordern, die Diesel mit neuen Katalysatoren auszurüsten. Das kostet pro Fahrzeug 1.500 Euro. Das geht insgesamt in die Milliarden. Wer soll das zahlen?

Natürlich die Autoindustrie, wer sonst? Die Konzerne haben ein Produkt geliefert, das nicht funktioniert. Wer ein solches Produkt gekauft hat, hat das Recht auf Nachbesserung oder, wenn nicht möglich, Rückgabe gegen Erstattung des Kaufpreises. Wenn meine neue Kaffeemaschine keinen ordentlichen Kaffee macht, kann ich sie zurückgeben. Wenn mein Auto meine Luft und die der Mitbürger verpestet, muss das auch Konsequenzen haben.

Was soll die Autoindustrie mit den nicht nachrüstbaren Diesel-Pkw machen?

Zurücknehmen und verschrotten. In den USA machen VW und Co das bereits so. Warum also nicht auch bei uns? Die deutschen Autobauer fahren immer höhere Milliardenprofite ein, während Gesellschaft und Umwelt den Schaden haben.

Können die Konzerne die Umrüst- und Verschrottungskosten schultern?

VW, Daimler und BMW haben 2016 zusammen rund 30 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Sie können die Kosten locker tragen, zumal sie wohl auf zwei, drei Jahre gestreckt würden.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer fordert Steuererleichterungen für neue, saubere Diesel, um den Absatz zu stabilisieren. Sinnvoll?

Nein, absurd. Warum dann keine Steuererleichterung für Benziner, die sauber sind? Oder noch besser für Fahrräder? Man kann sich nur wundern, auf was manche Politiker kommen.

Es geht um die Jobs im Diesel-Segment.

Die Absatzzahlen insgesamt sinken ja nicht, die Konzerne machen ihre Gewinne nun mit Benzinern. Zudem: Die Autobauer haben den Schlamassel zu verantworten, sie müssen ihn auch auflösen.

War die Strategie der deutschen Autobauer, auf den Diesel zu setzen, ein Irrweg?

Ein Irrweg ist es, wenn Unternehmen Produkte verkaufen, die nicht gesetzeskonform sind. Ob Benziner, Diesel oder Hybrid, ist egal. Man kann auch saubere Diesel bauen. Es gibt ja auch – einige wenige – Diesel-Pkw, die die Abgaswerte einhalten.

Zurzeit wird fast nur über die Stickoxide gesprochen. Dass der Diesel weniger CO2 ausstößt, also klimafreundlicher ist, trifft aber doch zu?

Nein, zumindest nicht generell. Vorteile hat der Diesel nur bei SUVs und anderen sehr großen Wagen. Bis zur Mittelklasse sind die CO2-Werte praktisch gleich, weil Diesel-Pkw durch die aufwändigen Motoren schwerer sind als Benziner. Das kostet wieder Sprit.

Sie sagen: Beim CO2-Ausstoß tricksen die Autobauer auch. Wie stark?

Früher lagen die echten CO2-Werte, gemessen im Verkehr, rund zehn Prozent höher als die Werte auf dem Prüfstand. Heute sind es 40, teils sogar 50 Prozent mehr. Das ist ebenfalls ein Skandal. Es schadet dem Klima und kostet die Autofahrer viel Geld, weil der Spritverbrauch viel höher ist als angegeben. Echte Abhilfe brächte nur, die Abgase und den CO2-Ausstoß im realen Fahrbetrieb zu messen.

BildPolitik und Autoindustrie treffen sich zum Diesel-Gipfel. Es geht um das angeblich wichtigste Produkt der deutschen Wirtschaft. (Foto: Michael Neukirchen/​Flickr)

Was ist nun die richtige Alternative für den Diesel? Benziner mit Hybrid-Antrieb, E-Mobilität?

Das ist die falsche Frage. Es kommt darauf an, dass die Politik Grenzwerte vorschreibt, die Gesundheit und Klima schützen – und dass diese auch eingehalten werden. Mit welchen Motoren die Autokonzerne das erreichen, bleibt ihnen überlassen.

Technisch ist es bereits heute möglich, sehr saubere und klimafreundlichere Benziner und Diesel zu bauen. Erreichbar sind mit konventioneller Technik Werte um 60 Gramm CO2 pro Kilometer, gemessen im realen Betrieb auf der Straße. Der Durchschnitt der Neuwagen liegt heute real aber bei 150.

Sollte es dafür sparsame Benziner und E-Autos staatliche Hilfen geben?

Nein, der Staat darf kein allgemeines Steuergeld dafür ausgeben. Richtig ist es, Autos mit hohem CO2-Ausstoß stärker zu besteuern und mit diesen Einnahmen Autos mit niedrigen Werten zu entlasten. Diese Modell gab es bereits bei der Einführung des Katalysators und des schwefelfreien Benzins – und zwar sehr erfolgreich.

Um die Pariser Klimaziele im Verkehrssektor einzuhalten, reicht das allerdings noch nicht. Was tun?

Lange überfällig ist eine echte Verkehrswende. Wir brauchen Städte, die für Menschen, nicht vor allem für Autos konzipiert sind, dazu einen massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs und eine Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs. So wie man es zum Beispiel in Kopenhagen vormacht.

Sie haben bereits vor Jahren als Verkehrsexperte im Umweltbundesamt davor gewarnt, dass in dem Sektor die Schadstoff und CO2-Ziele weit verfehlt werden. Wer trägt die Verantwortung dafür, dass alles so aus dem Ruder gelaufen ist?

Industrie, Politik, Behörden, alle. Die Industrie hat die Moral verloren. Ihr geht es nur noch um möglichst hohe Gewinne, nicht darum, zukunftsfähige Produkte zu verkaufen. Die Politik hat sich immer stärker mit der Autobranche vernetzt, sie deckt bisher alles, was dort geschieht. Und Behörden wie das Kraftfahrt-Bundesamt verstehen sich eher als Dienstleister der Industrie denn als Kontrolleure. Das KBA muss die Aufsichtsfunktion abgenommen bekommen. Das Umweltbundesamt ist die richtige Behörde dafür.

Interview: Joachim Wille

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