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"Fahrrad überdauert Verbrennungsmotor"

Dieses Jahr wird das Fahrrad 200 Jahre alt. Eine Ausstellung in Mannheim informiert über seine Geschichte. Die Politik streitet unterdessen über die Zukunft des Verkehrsmittels: Der Ausbau von Radschnellwegen soll auch die Pendler aufs Rad holen.

Von Friederike Meier

Die erste Radtour überhaupt führte vom Zentrum Mannheims in den sieben Kilometer entfernten Stadtteil Rheinau: Karl Friedrich Drais testete am 12. Juni 1817 seine neue Erfindung: Zwei Räder, ein bequemer Sattel und ein Lenker. Pedale gab es noch nicht. Das Laufrad, nach seinem Erfinder auch "Draisine" genannt, musste mit den Füßen angeschoben werden. In einer Zeit, als einfache Menschen nicht aus eigener Kraft weitere Strecken zurücklegen konnten und man auf Pferdekutschen angewiesen war, war das dennoch eine Revolution.

BildPedale sind schon praktisch: Die Erfindung machte das Fahrrad massentauglich. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der Geburtstag dieses Verkehrsmittels wird heute und morgen auf dem nationalen Radverkehrskongress in Mannheim gefeiert. Dort beschreibt eine Ausstellung zudem die wechselhafte Geschichte des Fahrrads. Denn obwohl das erste Rad schon 1817 gebaut wurde, wurden Fahrräder erst Anfang des 20. Jahrhunderts massentauglich. Dann nämlich, als sie Pedale bekommen hatten und durch die Massenproduktion auch für einfache Leute erschwinglich waren. Von da an bis in die 1950er Jahre – nur im Zweiten Weltkrieg kam die Produktion zum Erliegen – war das Fahrrad das dominante Verkehrsmittel auf deutschen Straßen, bevor es vom Auto verdrängt wurde.

Neuer Fahrrad-Boom

"Auch abseits der Wohlstandsregionen ist das Fahrrad erschwinglich, effizient und benötigt zudem keinen Treibstoff, dessen Preis schwankt und dessen Verfügbarkeit begrenzt ist", fasst der Leiter der Ausstellung Thomas Kosche die Vorteile zusammen. Zum Fahrradgeburtsjahr jubelt auch die Bundesregierung: Das Fahrrad erlebe nach 200 Jahren einen "richtigen Boom in Deutschland", freut sich Verkehrs-Staatsekretär Norbert Barthle in der aktuellen Ausgabe der Rheinischen Post.

Und kündigt weiter an: "Erstmals fördert der Bund im Jahr 2017 besondere Radschnellwege mit zusätzlichen 25 Millionen Euro. Das sind kleine Fahrradautobahnen für die, die ohne Ampeln und Kreuzungsverkehr viel schneller zur Uni oder zur Arbeit wollen." Außerdem habe der Bund seine Mittel für Radwege von 60 auf 100 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt.

Grüne: 25 Millionen reichen nicht

Eine Ankündigung, über die Matthias Gastel, Grünen-Abgeordneter im Bundestag, erstaunt ist: Die Förderung von Radschnellwegen mit 25 Millionen Euro jährlich stehe seit Monaten fest. Trotzdem sieht er die Ankündigung als Fortschritt: "Es ist das erste Mal überhaupt, dass der Bund sich zur Mitverantwortung für die Förderung des Radverkehrs bekennt", sagt er gegenüber klimaretter.info.

Den Betrag findet Gastel aber zu viel zu niedrig: "25 Millionen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Dem Bund sind 80 geplante Radschnellwege bekannt." Der Abgeordnete schätzt, dass es über eine Milliarde Euro kosten würde, sie alle zu bauen. "Wenn wir davon ausgehen, dass der Bund die Hälfte zahlt, brauchen wir mit 25 Millionen jährlich 20 Jahre."

Das ist ihm zu langsam. In einem Antrag, über den am vergangenen Freitag im Bundestag debattiert wurde, fordern die Grünen deshalb unter anderem, dass die Bundesregierung statt 25 Millionen mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr für Radschnellwege ausgibt. Außerdem sollen 200 Millionen Euro zusätzlich für Radwege an Bundesstraßen ausgegeben werden.

"Das Fahrrad wird den Verbrennungsmotor überdauern"

Dass Fahrradschnellwege in Zukunft nötig sein könnten, unterstreicht auch eine neue Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn. Demnach pendelten im Jahr 2000 noch 53 Prozent der Arbeitnehmer. 2015 waren es schon 60 Prozent. Auch die Strecke, die die Menschen dafür zurücklegten, ist länger geworden: von durchschnittlich 14,6 Kilometern im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015. Die Forscher werteten dafür die Daten von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf Gemeindeebene aus. Nicht untersucht haben sie, ob täglich oder einmal die Woche gependelt wurde und welche Verkehrsmittel dafür genutzt wurden.

"Der Trend zum Pendeln ist durch falsche Anreize wie die Pendlerpauschale und den massiven Ausbau des Straßennetzes verstärkt worden", sagt Matthias Gastel. Radschnellwege seien da die sinnvollere Alternative – immerhin sollen auf ihnen 2.000 Menschen täglich unterwegs sein.

BildMit diesem schnittigen Gerät wurde die erste Radtour unternommen: Laufrad von Karl Drais aus dem Jahr 1817. (Foto: Mattes/​Wikimedia Commons)

Dass das Fahrrad eine große Zukunft hat, glaubt auch Ausstellungsleiter Kosche: "Das Fahrrad wird auch dann noch ein wichtiges Fortbewegungsmittel sein, wenn das Auto mit Verbrennungsmotor längst ausgedient hat."

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