Schwerpunkte

E-Auto | Trump | 1,5 Grad

"Nicht automatisch klimafreundlich"

BildNur weil autonomes Fahren theoretisch Energie sparen kann, heißt das noch lange nicht, dass das auch geschieht, sagt Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel. Anstatt die Städte für das autonome Fahren umzubauen, sollten wir lieber überlegen, wie die Zahl der Autos in der Stadt reduziert werden kann. Holzapfel war Professor am Institut für Verkehrswesen an der Universität Kassel und leitet das Zentrum für Mobilitätskultur.

klimaretter.info: Herr Holzapfel, das Bundeskabinett hat im Januar einen Gesetzentwurf zum autonomen Fahren beschlossen. Wie finden Sie den?

Helmut Holzapfel: Der Vorschlag, den Verkehrsminister Dobrindt da gemacht hat, relativiert die Dinge gegenüber den Erwartungen sehr. Dass das vollautomatische Fahren spätestens im nächsten Jahr kommen wird, hören wir schon seit mindestens drei Jahren. Und das wird auch noch mindestens 20 Jahre so weitergehen. Der – im Übrigen schlampige – Gesetzentwurf übergibt dem Fahrer wieder voll die Verantwortung. Er zeigt deutlich, dass hier zunächst einmal Teilautomatisierungen stattfinden.

Könnte autonomes Fahren dafür sorgen, dass das Klima geschützt wird? Beispielsweise, weil der Automat sparsamer fahren kann als ein Mensch?

Automatisierung hat erst einmal gar nichts damit zu tun, wie viel Energie ich verbrauche, sondern es kommt darauf an, wie gefahren wird. Wenn ich selbst steuere, kann ich selbst bestimmen, wie viel Energie ich verbrauche. Wenn der Automat steuert, steuert er so, wie der Programmierer das eingegeben hat. Und der wird nicht unbedingt etwas eingeben, was Energie spart, wenn es nicht vorgeschrieben ist.

Wir sehen das jetzt schon bei den Teilautomaten, die wir haben. Ein Tesla wurde so programmiert, dass er gezielt Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreitet, und zwar so, dass das Radar das gerade noch nicht erfasst. Das spart sicher keine Energie und das könnte ein Fahrer gar nicht so gezielt.

Wenn ein Automat ein energiesparendes Fahren vorschriebe, dann würde es etwas bringen.

Dafür bräuchte es zusätzliche gesetzliche Regelungen?

Das wäre eine Möglichkeit. Vielleicht gibt es dann auch Vorgaben bei Automaten, die in Richtung CO2-Sparen gehen.

Bei der Europäischen Kommission gibt es eine Initiative vorzuschreiben, dass automatische Geschwindigkeitsbegrenzer die zulässige Geschwindigkeit nicht überschreiten dürfen. Ein Automat darf nicht mehr als fünfzig fahren, wenn das auf der entsprechenden Straße gilt. Solche Möglichkeiten, die Automaten in ihren Möglichkeiten zu beschränken, könnten vielleicht etwas nützen.

Sehen Sie andere Möglichkeiten, wie autonomes Fahren zu mehr Klimaschutz führen kann?

Einen automatischen Prozess der Klimaersparnis oder des Verzichts auf ein Automobil dadurch, dass es automatisch ist, sehe ich nicht. Es wird damit geworben, dass das Auto von selbst aus der Tiefgarage vor die Haustür gefahren kommt oder automatisch einparken kann. Das würde heißen, ich habe mehr Komfort. Wir Fahrradfahrer haben den großen Vorteil, dass wir immer direkt vor dem Ziel unser Fahrrad abstellen können. Wenn das Auto automatisch zu uns kommt und parkt, würde das Auto an dieser Stelle mit dem Fahrrad gleichziehen – es würde attraktiver.

BildDas selbstfahrende Auto von Google wird in den USA bereits getestet. (Foto: Marc van der Chijs/​Flickr; Porträtfoto Helmut Holzapfel: Zentrum für Mobilitätskultur)

Es gibt sogar Forderungen, Städte für automatische Autos umzubauen. Zum Beispiel wären mehr Einbahnstraßen und weniger Fußgängerüberwege in den Städten besser für Automaten.

Anstatt sich auf Automatisierung zu verlassen ist es aber wichtiger, weiter Energie zu sparen, indem man die Stadt der kurzen Wege fördert und den Fahrradverkehr. Da gibt es offensichtliche Reserven, die sich in einigen Städten wie Kopenhagen schon zeigen. Dort ist der Autoverkehr in vielen Bereichen auf die Hälfte geschrumpft – ohne Automaten.

Sie plädieren also eher dafür, die Städte für Radfahrer und Fußgänger umzubauen?

Richtig. Und eine wie immer geartete Automatik müsste sich diesen Vorstellungen dann anpassen. Der Automat entlastet uns nicht von der Notwendigkeit, uns darüber Gedanken zu machen, wie viel in der Stadt der Zukunft noch Auto gefahren werden soll. Da ist es eigentlich unerheblich, ob das Ganze automatisch oder nicht automatisch passiert, wichtig ist, dass es weniger ist, wenn wir auch nur annähernd die CO2-Vorgaben im Verkehr erfüllen wollen.

Teilautomatisch zu fahren kann etwas nützen, wenn der Unfallschutz für Radfahrer oder für Fußgänger besser wird. Auch solche teilautomatischen Hilfen müssen aber erst durchgesetzt werden. Denn derzeit wird oft diskutiert, ein Automat müsse zunächst einmal den Fahrer schützen, sonst werde das Auto nicht gekauft. Der Automat kann keine Entscheidungen für uns treffen, wir müssen schon selbst entscheiden, festlegen und diskutieren, was geschieht. Den immer wieder erwähnten Vollautomaten, der uns alles abnimmt, wird es also und darf es so auch nie geben.

Interview: Friederike Meier

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen