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"Viele kennen die nächste Haltestelle nicht"

BildHeute beginnt das jährliche Autofasten einiger Bistümer und Landeskirchen zum 20. Mal. Auch die Grünen und das Umweltbundesamt rufen diesmal dazu auf, in der Fastenzeit das Auto möglichst stehen zu lassen. Autofasten ist sinnvoll, sagt Verkehrsexperte Heiner Monheim. Weil Menschen vor allem aus Bequemlichkeit und Gewohnheit Auto fahren, kann es die Routine aufbrechen. Monheim ist emeritierter Professor für Raumentwicklung und Landesplanung und Mitinhaber des Raumkom-Instituts.

klimaretter.info: Herr Monheim, machen Sie beim Autofasten mit?

Heiner Monheim: Ich faste immer Auto. Seit 40 Jahren fahre ich fast nicht Auto und bin mit Fahrrad, Füßen und dem öffentlichen Verkehr unterwegs.

Vierzig Tage aufs Auto zu verzichten klingt aus Umwelt- und Klimasicht gut. Aber bringt es wirklich etwas?

Die Menschen sind erst einmal ziemlich erstaunt, dass das Einkaufen, die Freizeit auch ohne Auto geht. Über den Effekt des Autofastens sind schon viele Untersuchungen gemacht worden. Es ist relativ gut belegt, dass ein erheblicher Teil – das sind etwa ein Viertel der Autofaster – danach sein Verkehrsverhalten grundlegend verändert. Also teilweise das Auto abschafft oder es viel seltener benutzt. Weil die Erfahrungen eigentlich immer positiv sind.

Bleiben diese Effekte dann auch langfristig?

Natürlich. Wenn Sie Ihr Auto einmal verkauft haben, dann ist es weg. Wenn es noch vor der Haustür steht, aber seltener benutzt wird, ist auch schon etwas gewonnen. Dann wird das Auto sehr viel bewusster genutzt. Es gibt Situationen, in denen auch überzeugte Ökos ein Auto für notwendig halten. Aber es wird dann nicht mehr so viel aus Gedankenlosigkeit Auto gefahren.

Könnte es durch das Autofasten nicht Rebound-Effekte geben? Im Sinne von: Jetzt bin ich nicht Auto gefahren, dann kann ich ja in den Urlaub fliegen ...

So kalkulieren die Leute normalerweise ihr Verhalten nicht. Es ist eine Tatsache, dass die Fernreiseaktivität der Menschen zunimmt, aber das Ziel des Autofastens ist es, die Alltagsmobilität zu verändern.

Jetzt im März fällt es vielen Menschen sicher leicht, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren. Aber wie ist es denn im Winter oder bei schlechtem Wetter?

Die Mobilität ist viel weniger abhängig von der Witterung, als man normalerweise vermutet. Beispielsweise in Finnland wird auch im tiefsten Winter oder bei hohem Schnee Fahrrad gefahren. Ich bin auch bei jedem Wetter unterwegs, egal ob es regnet oder schneit. Es ist mehr eine Frage der Grundüberzeugung.

Laut bundesweiter Erhebungen lassen übrigens sehr viel mehr Leute bei Schnee und Eis ihr Auto stehen. Dann wird mehr gelaufen und der öffentliche Verkehr genutzt. Das Wetter ist nicht der zentrale Faktor.

Was ist denn der zentrale Faktor, der die Menschen trotz der Klima- und Umweltfolgen Auto fahren lässt?

Die Bequemlichkeit und das Nichtwissen. Wer sich mit dem öffentlichen Verkehr zum ersten Mal einlässt und ihn jahrelang nicht mehr benutzt hat, ist erst einmal mit einem komplizierten Tarifsystem konfrontiert. Viele Leute wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist, die für sie passend wäre.

Vieles im Verkehr ist Routineverhalten. Das haben Sie einmal vor Jahren oder Jahrzehnten erlernt und dann machen Sie es relativ gedankenlos. Die wenigsten überlegen morgens lange, ob sie mit dem Fahrrad oder dem Auto zur Arbeit fahren sollen. Man macht das, was man immer macht. Da ist so eine Aktion ein guter Impuls, auch die Routine nochmal zu überdenken.

BildAutofahren erscheint vielen trotz Stau bequemer. (Foto: Carlo Venson/​Pixabay, Porträtfoto: privat)

Warum ist das Konzept des Fastens so eine gute Methode, die Leute zu überzeugen?

Der Charme von solchen Events oder Aktionen ist, dass sie einen motivierenden oder aufrüttelnden Effekt haben, und in der Regel – die Autofastenaktionen werden im Wesentlichen von den Kirchen getragen – ist damit auch etwas Soziales verbunden. Man trifft sich, man tauscht sich aus. Das stärkt die Motivation, sich selbst vernünftig zu verhalten. Die Kirche ist ein wichtiger Akteur, der die Idee popularisiert – auch nochmal sonntags von der Kanzel aus oder im Gemeindeleben.

Was müsste sich ändern, um es den Menschen leichter zu machen, auf das Auto zu verzichten?

Ganz viel. Das ist der Katalog an Forderungen, der seit 60 Jahren immer wieder heruntergebetet wird und auf den die Politik nur sehr unzureichend reagiert. Also beispielsweise dichtere Takte im ÖPNV, ein Bürgerticket, um das Tarifchaos zu beseitigen, oder ein bequemer, attraktiver und sicherer Radverkehr.

Die Verkehrspolitik muss endlich kapieren, dass der Autoverkehr eine Sackgasse ist, aus der man nur herauskommt, indem man konsequent das Radfahren, das Zufußgehen und den öffentlichen Verkehr fördert. Das ist im Moment noch nicht so.

Interview: Friederike Meier

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