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Leben und Klima retten – oder nicht?

Selbstfahrende Autos könnten dafür sorgen, dass Tempolimits strikt eingehalten werden. Das löst ganz unterschiedliche Reaktionen bei Politikern, Fahrzeugbauern, Verkehrsforschern und Autofahrern aus. Die Debatte dürfte heiß werden.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Das selbstfahrende Auto kommt. Nicht nur Google, auch die klassischen Autobauer arbeiten längst daran. Die wichtigsten Ziele dabei: Autonome Pkw, die von Computern mit Sensoren und Kameras gesteuert werden, sollen den Straßenverkehr sicherer und klimafreundlicher machen.

BildStaus soll es nicht mehr geben, wenn Autos erst mal von Computern gesteuert werden. (Foto: Carlo Venson/Pixabay)

Vor allem das Einhalten der Tempolimits – von Tempo 30 in Wohngebieten bis 130 auf geschwindigkeitsbegrenzten Autobahnstücken – könnte dadurch automatisch garantiert werden. Es wäre eine Bremse für Raser. Die EU-Kommission betont die großen Vorteile einer solchen Regelung, doch sie hat offenbar Zweifel, ob sie sich durchsetzen lässt.

Die Kommission will die Zahl der Verkehrsunfälle und der dadurch getöteten oder verletzten Menschen in der EU weiter senken. Sie hat dazu eine Reihe von Maßnahmen zur Diskussion gestellt, zum Beispiel die automatische Notfall-Bremsung, die Erkennung von Übermüdung von Fahrern und Blockier-Einrichtungen für Alkoholfahrten. Brüssel zufolge hat allerdings die Tempokontrolle mit "intelligenten Tempo-Anpassungs-Systemen" das größte Potenzial zur Senkung der Unfallzahlen.

"Geschwindigkeit ist immer noch der Hauptfaktor, der zu Todesfällen und schweren Verletzungen im Straßenverkehr führt", heißt es in einem Arbeitspapier zum Bericht "Mehr Fahrzeugsicherheit in der EU", den die Kommission zur Beratung an das EU-Parlament geschickt hat. Verkehrsexperten sehen das automatische Fahren zudem als Hebel für ein gleichmäßigeres, damit sprit- oder stromsparendes Fahren der Autoflotten – das Klima würde profitieren.

Die Systeme zur Tempokontrolle, die Straßenschilder und damit Geschwindigkeitsbegrenzungen erkennen, können allerdings unterschiedlich ausgelegt werden: strikt oder weniger strikt. Entweder das System wird so programmiert, dass die jeweilige Tempogrenze immer absolut eingehalten wird. Oder der Fahrer bekommt die Möglichkeit, diese Begrenzung abzuschalten respektive ein höheres Tempo einzustellen. Oder aber das System gibt dem Fahrer nur ein Signal, wenn er zu schnell ist – etwa akustisch.

Die EU-Kommission stellt klar, dass das strikteste System am meisten bringen würde. Die Zahl der Unfälle würde laut den von ihr ausgewerteten Studien um bis zu 30 Prozent zurückgehen, während es bei dem Nur-Hinweis-System gut acht Prozent wären. Die Zahlen sprechen also eindeutig für die klare Limit-Einhaltung.

Doch die Experten der Kommission haben offenbar Sorge, dass eine entsprechende Vorschrift bei den Autofahrern nicht gut ankommt. Sie erwarten "weniger öffentliche Zustimmung" und "schlechte Akzeptanz bei den Nutzern". Daher empfehlen sie, die Tempobremse so zu gestalten, dass sie vom Autofahrer "überstimmt" werden kann – "etwa beim Überholen". Tempo-Überschreitungen sollten zudem durch "haptische Signale" angezeigt werden, zu Beispiel dadurch, dass sich das Gaspedal automatisch nach oben bewegt.

Autobauer wollen nicht mithaften

Auch die Autobauer treibt offenbar die Sorge um, dass zumindest ein Teil ihrer Kundschaft sich mit den strikten Tempobegrenzern nicht anfreunden kann. Autopiloten, die Temposchilder und Abstände zum Vordermann erkennen, gibt es in Oberklassemodellen ja heute schon, allerdings sind sie abschalt- und einstellbar.

Beim neuen 5er BMW hat der Fahrer, die Möglichkeit, einen Toleranzwert einzugeben, um wie viel Stundenkilometer das Limit über- oder unterschritten werden darf. Bei Fords "intelligentem Geschwindigkeitsbegrenzer" gibt es eine "Toleranzzone von zehn km/h auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit".

Auch der US-Autobauer Tesla, Pionier des autonomen Fahrens, ermöglicht das Überschreiten. "Wir spielen ein wenig mit der Toleranz", erklärte ein Tesla-Mitarbeiter bei einer Testfahrt mit dem Elektro-Supersportwagen S P90D in Oberhessen, bei dem plus fünf Stundenkilometer eingestellt waren.

Die Debatte dürfte heiß werden. Denn künftig wird es nicht mehr um Premium-Fahrhilfen im heutigen Straßenverkehr gehen, in denen der Autolenker noch voll für sein Verhalten geradestehen muss, sondern um Vorschriften für das komplett autonome Fahren, bei dem die Autohersteller mit in die Verantwortung kommen. Für Unfälle durch nicht eingehaltene Tempolimits könnten sie dann womöglich in Haftung genommen werden.

Kein Wunder, dass das die Konzerne beschäftigt. Zu den von der EU-Kommission diskutierten Varianten der intelligenten Tempo-Anpassung heißt es bei Europas größtem Autobauer Volkswagen auf Anfrage denn auch: "Wir präferieren die exakte Einhaltung der vorgegebenen Tempolimits."

"Eingebaute Toleranzen sind illegal"

Auch der EU-Verkehrspolitiker Michael Cramer (Grüne) dringt auf strikte Regeln. Er messe den intelligenten Geschwindigkeitsbegrenzern ein "sehr großes Potenzial für mehr Sicherheit" zu, da überhöhte Geschwindigkeit eine der Hauptunfallursachen sei, sagte er klimaretter.info. "Unsere Autos werden in Zukunft immer stärker automatisiert fahren und wir müssen eine konsequente Einhaltung der Geschwindigkeitsvorgaben sicherstellen." Tempolimits dürften durch die neuen Systeme nicht ausgehebelt werden. Ausnahmen seien bei einigen wenigen Sonderfällen nötig, etwa bei Rettungsfahrzeugen. "Die Sicherheit muss absolute Vorfahrt haben – auf der Schiene sind solche Systeme seit Jahren längst gang und gäbe", so Cramer, der bis vor Kurzem Vorsitzender des Verkehrsausschusses im EU-Parlament war.

Ähnlich argumentiert der Kasseler Verkehrsforscher Professor Helmut Holzapfel. "Die Tempolimits müssen eins zu eins in die Elektronik übernommen werden, sonst macht die Automatik den Verkehr sogar unsicherer", fordert Holzapfel. Denn es drohe eine schleichende Erhöhung der "als erlaubt geglaubten Geschwindigkeiten". Bei einem Unfall in der Stadt mit 55 statt 50 Stundenkilometern würden mindestens 20 Prozent mehr Aufprallenergie frei, rechnete der Diplomingenieur vor. Besonders Fußgänger und Radfahrer seien dann deutlich stärker gefährdet.

BildViele Autonutzer dürften nichts gegen eine technische Geschwindigkeitsbegrenzung haben. Die Frage ist aber, wer die Debatte bestimmt.  (Foto: DriveNow)

Das Argument, bereits heute würden die Verkehrsbehörden wegen der Messungenauigkeiten beim Blitzen gewisse Überschreitungen der Tempolimits dulden, lässt Holzapfel nicht gelten. "Bauen Hersteller entsprechende Toleranzen in den Autopilot ein, ist das illegal, denn das eigentliche Limit gilt de facto nicht mehr." Moderne GPS-gestützte Systeme könnten das Tempo fast auf den Stundenkilometer genau erfassen, auch deshalb seien Toleranzen unnötig.

[Erklärung]  
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