Züge für Ausgeschlafene

Die Deutsche Bahn steigt aus ihrem Nachtzuggeschäft aus. Einen Teil übernehmen nun die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB und bauen damit ihr bereits profitables Angebot aus. Warum der DB so etwas nicht gelingt, kann Vorstand Berthold Huber nicht erklären.

Aus Berlin Verena Kern

Kunden der Deutschen Bahn sind Kummer gewöhnt. Züge sind unpünktlich, nicht selten fällt die Klimaanlage aus oder irgendetwas anderes ist kaputt. Sinnvolle Verbindungen werden gekappt und das Nachtzuggeschäft ganz aufgegeben. Die Preisgestaltung ist so kompliziert, dass man einen Doktortitel in Bahnologie haben müsste, um noch durchzusteigen, und teurer wird es sowieso.

BildSo sieht er aus, der österreichische "Nightjet", nachtblau, mit angedeutetem Sternenhimmel. (Foto: Christof Lackner/​Innsbruck Tourismus/​ÖBB)

Erst in dieser Woche kündigte die DB ein neues Tarifsystem im Fernverkehr an, das mittels sogenannter "Flexpreise" gerade dann einen Aufschlag verlangt, wenn die meisten Leute reisen wollen. Fahrgastverbände üben scharfe Kritik und sprechen von "Abkassiererei". Könnte das nicht auch anders sein?

Wenn es nach den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB geht, heißt die Antwort ganz klar: Ja. Der Staatskonzern kommt auf über 96 Prozent Pünktlichkeit. Er bezieht 92 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. In seiner Zeit als Bahnchef trimmte der heutige Bundeskanzler Christian Kern die ÖBB auf Wirtschaftlichkeit. Er baute 2.500 Stellen ab, halbierte aber auch die Zahl der Führungskräfte. Und nun übernehmen die Österreicher auch noch einen Teil des deutschen Nachtreisezug-Angebots. Schon jetzt machen sie 17 Prozent ihres Umsatzes mit Nachtzügen.

Die österreichische Art zu reisen

Um die Nachtzug-Übernahme zu verkünden, hat die ÖBB am Freitag eigens in die österreichische Botschaft in Berlin eingeladen. An dieser sozusagen höchstoffiziellen Örtlichkeit schwelgt ÖBB-Chef Andreas Matthä – im Beisein von DB-Vorstand Berthold Huber – genüsslich in bildreichen Schilderungen, wie großartig es nun mit dem von den deutschen Bahnvertretern ungeliebten Angebot weitergehen wird, wenn erst einmal "die österreichische Art zu reisen" Einzug hält.

"Nachtzüge sind das ideale Angebot für den nächsten Urlaub in Österreich", sagt Matthä und wirbt damit gleich auch für die wichtige Tourismusbranche seines Landes. Man komme ausgeschlafen an, und während Autoreisende von schlechtem Wetter oder Stau oder beidem böse überrascht werden, bekomme man im Nightjet der ÖBB "a Flascherl Prosecco" serviert und morgens dann ein Wiener Frühstück, kostenlos sogar. Auto, Motorrad oder Fahrrad könne man mitnehmen. "Lässig statt stressig", das sei das Motto.

Bild
Für "ein besseres Raumgefühl" soll es künftig auch Gemälde am Abteilhimmel geben. Neben den hier abgebildeten Putten sind auch – kein Scherz! – Alpengemsen ein Motiv. (Foto: Harald Eisenberger/ÖBB)

Konkret bietet die ÖBB mit dem Winterfahrplan Anfang Dezember sechs neue Nachtverbindungen in Deutschland an, zusätzlich zu den schon bestehenden neun. Der Konzern hat 40 Millionen Euro in die Hand genommen, 15 Liegewagen und 42 Schlafwagen von der DB gekauft und modernisiert. Bei einer kalkulierten Auslastung von 50 Prozent wollen die Österreicher schon im ersten Jahr "positive Ergebnisse" einfahren.

Warum der Deutschen Bahn das nicht gelungen ist, kann DB-Vorstand Huber nicht beantworten. Dem Umsatz von 90 Millionen Euro im Nachtzuggeschäft – ein Prozent vom gesamten Bahn-Umsatz – habe zum Schluss ein Defizit von rund 30 Millionen gegenübergestanden, sagt Huber. Das habe man abbauen müssen. "Nachtzüge sind ein schwieriges Geschäft in Europa." Die anderen europäischen Partner – mit Ausnahme Österreichs – hätten keine Nachtzüge mehr gewollt, rechtfertigt er den Komplettausstieg.

Für die Kunden sei das sogar besser, so Hubers Logik. Denn dafür sei das Angebot an reinen Sitz-Zügen in den Abend- und Morgenstunden ausgeweitet worden. Zugleich entfalle die für Nachtzüge obligatorische Reservierungsgebühr von 4,50 Euro.

"Europas Bahnen verspielen ein Alleinstellungsmerkmal"

Kritiker wollen das nicht gelten lassen. "Nur weil die normalen Reisezüge jetzt auch in der Nacht fahren, bieten diese noch lange nicht den Komfort eines klassischen Nachtzugs", moniert der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) Alexander Kirchner. "Verbesserungen sehen wir da nicht." Und für eine bessere europäische Zusammenarbeit suche man bei der Bahn ein entsprechendes Engagement vergeblich. "Die Eisenbahnen verspielen so ein Alleinstellungsmerkmal, das auch ökologisch einzigartig ist", so Kirchner.

Klimafreundlich ist Zugfahren sowieso. Während ein Bahnreisender pro Kilometer im Fernverkehr 45 Gramm Kohlendioxid verursacht, sind es bei einem Flugreisenden 231 Gramm – mehr als das Fünffache. Bahnfahren ist damit eine der klimafreundlichsten Fortbewegungsarten. Nur der Reisebus ist für noch weniger Kohlendioxid verantwortlich, während er gleichzeitig die Bilanz der Bahn verschlechtert.

BildBei den DB-Nachtzügen ist der Zug abgefahren. Bye-bye. (Foto: Priwo/Wikimedia Commons)

Leidtragende des DB-Ausstiegs werden auch die Mitarbeiter sein. Sie müssen sich nun intern auf andere Stellen bewerben. Ob sie genommen werden, steht dahin. Eine Handvoll von ihnen hatte sich am Freitag vor der österreichischen Botschaft versammelt. "Nachtzüge sind billiger als Stuttgart 21", argumentierten sie. Das umstrittene Tiefbahnhofsprojekt der Bahn wird wohl mindestens vier Milliarden Euro mehr kosten als ursprünglich geplant. An einen Ausstieg denkt die Bahn aber nicht.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen