Luftverkehr übt sich im Reinwaschen

Im Herbst will die Weltluftfahrtorganisation ICAO die Weichen für ein Wachstum der Branche auch nach 2020 stellen. Höhere CO2-Emissionen sollen dann mit Kompensationsprojekten ausgeglichen werden. Umweltschützer wollen nun gegen das "Greenwashing" mit einer weltweiten Kampagne vorgehen. Doch auch die Branche bringt sich in Stellung.

Von Sandra Kirchner

Umwelt- und Klimaschützer nehmen die internationale Luftfahrt ins Visier. Abgesehen haben sie es vor allem auf die Luftfahrtorganisation ICAO, in der 191 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen organisiert sind. Schon seit Jahren soll die Organisation dafür sorgen, dass die Treibhausgasemissionen des Flugverkehrs begrenzt werden. Gelungen ist das bislang nicht. 

BildDie Branche freut sich über Wachstumprognosen – zulasten des Klimas. (Foto: Luis Argerich/Wikimedia Commons)

Kritikern zufolge steht die ICAO der Luftfahrtbranche viel zu nahe: Statt Vorgaben zu setzen mache das UN-Sondergremium Lobbypolitik für den Luftverkehr. Eine internationale Kampagne, die Anfang der Woche an den Start ging, will nun die Kritik am "Greenwashing" der Luftfahrtbranche stärker in die Öffentlichkeit tragen.

Rund 40 Organisationen und Initiativen wie Friends of the Earth, Attac, World Rainforest Movement, System Change Not Climate Change oder Robin Wood wollen gegen die Pläne der Luftfahrtbranche vorgehen, mithilfe von CO2-Kompensationsprojekten auch nach 2020 ihr weiteres Wachstum zu legitimieren.

Im April hatte die ICAO ein Papier zum "klimaneutralen Wachstum" vorgelegt. "Das Konzept ist Werbung für mehr Flüge und behindert die überfällige Mobilitätswende für echten Klimaschutz", urteilt Monika Lege von der Umweltorganisation Robin Wood. Zugekaufte CO2-Zertifikate sollen die Emissionsbilanzen des Flugverkehrs auf Linie bringen.

Immer mehr Flugverkehr – scheinbar ein Naturgesetz

Umweltschützern stößt der Vorschlag auf: Mit den sogenannten Offsets wolle sich die Luftfahrtindustrie lediglich von der notwendigen CO2-Reduktion freikaufen. Investitionen in Baumplantagen oder große Wasserkraftwerke sollten dafür sorgen, dass die Branche auf dem Papier Emissionen einspart, während der Flugverkehr und damit die Bruttoemissionen weiter wachsen. Nach Ansicht der Organisationen ist Klimaschutz nur durch weniger Flugverkehr erreichbar. "Wir brauchen eine Obergrenze für die Treibhausgas-Emissionen der zivilen Luftfahrt", fordert Lege.

Dass der Flugverkehr weiter in den Himmel wächst, scheint nahezu naturgesetzlich zu sein, auch in Deutschland. Während 2014 hierzulande rund 105 Millionen Passagiere registriert wurden, rechnen Wissenschaftler des DLR-Instituts für Flughafenwesen und Luftverkehr für das Jahr 2030 allein in der Bundesrepublik mit 175 Millionen Fluggästen.

Internationale Prognosen bescheinigen der Branche erhebliches Wachstumspotenzial – verursacht durch steigende Passagierzahlen und ein wachsendes Frachtaufkommen. 2015 verursachten Flüge weltweit 781 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Damit hat der Luftverkehr einen Anteil von zwei Prozent an den Treibhausgasemissionen, Tendenz steigend.

Selbst von den eigenen schwachen Klimazielen rückt die Branche ab

Doch nicht nur die Klimaschützer, auch die Luftfahrtlobbyisten bringen sich rechtzeitig in Stellung. Anfang des Monats erhöhten sie den Druck auf die Politik. Ihr Dachverband, die Internationale Luftverkehrs-Vereinigung IATA, forderte die Regierungen auf, die von der Branche vorgelegten Pläne übernehmen.

Zu dem Klimaschutz-Abkommen, das vor einem halben Jahr in Paris beschlossen wurde und von dem die Luftfahrt ausgenommen ist, bezieht die Branche indes keine Stellung. Unerwähnt bleibt auch das Ziel der Industrie, die Treibhausgasemissionen bis 2050 im Vergleich zu 2005 zu halbieren. Für Beobachter ist die Wortmeldung der Branche ein Rückschritt. Diese entferne sich damit von eigenen Verpflichtungen.

Seit beinahe 20 Jahren diskutiert die ICAO mittlerweile, wie die Emissionen in der Luftfahrt begrenzt werden können. 2013 einigte sich die Branche darauf, dass bis Oktober 2016 ein weltweiter marktbasierter Mechanismus eingeführt werden soll, der die Kohlendioxid-Emissionen der Luftfahrt auf dem Niveau von 2020 stabilisieren soll. Das wollen dann die Vertreter der Mitgliedsstaaten auf der 39. Generalversammlung der ICAO Ende September in Montreal beschließen.

BildRingen um die Vorgaben zum Klimaschutz: Die Luftverkehrsgesellschaften wollen sich aus der Affäre ziehen. (Foto: Ole Seidel/a4o/Flickr)

Auch die Verkehrsminister der EU hatten sich erst Anfang dieses Monats mit den Emissionen aus dem Flugverkehr beschäftigt. In Montreal will die EU mit einer gemeinsamen Stimme auftreten, um sich eine bessere Verhandlungsposition zu sichern. Zwar hat die EU hat bereits eine Strategie zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes von Flugzeugen mit Hilfe des Europäischen Emissionshandelssystems ETS beschlossen. Da die EU-Vertreter aber eine globale Vereinbarung erwarten, gilt der ETS derzeit nur für innereuropäische Flüge. Sollte es allerdings keine globale Abmachung geben, will die EU die ETS-Regeln auf alle Flüge anwenden.

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