Bahn verpasst sich grüne DNA

Zug fahren ist gut fürs Klima – zumindest wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Darum hat die Deutsche Bahn sich am Donnerstag neue Klimaziele für 2020 gesetzt. Klingt gut. Was Bahn-Vorstand Ronald Pofalla in Berlin präsentierte, macht jedoch stutzig: Drei Prozent mehr Ökostrom in vier Jahren? Ambitioniert geht wohl anders.

Aus Berlin Oliver Grob

Die Deutsche Bahn sieht sich gerne als grüner Vorreiter und hält die Verantwortung hoch: Für Klimaschutz habe man eine "besondere Verpflichtung", ist auf der Homepage des Konzerns zu lesen. Vorstand Ronald Pofalla ging am Donnerstag in Berlin noch weiter: Ökologische Ziele seien mittlerweile "in die DNA der Bahn übergegangen". 

BildSchöne grüne Welt: Die Deutsche Bahn inszeniert sich gern als umweltbewusster Wohltäter. Die Details bleiben nebulös. (Foto: Deutsche Bahn)

Die nackten Zahlen: Im Vergleich zu 2006 sollen bis 2020 die CO2-Emissionen des gesamten DB-Konzerns um 30 Prozent sinken. Das soll in erster Linie durch einen auf 45 Prozent erhöhten Anteil erneuerbarer Energien im Strommix der Bahn erreicht werden. Damit korrigiere man die ursprünglich in der "Konzernstrategie DB 2020" formulierten und bereits erfüllten Ziele nach oben: bei der CO2-Reduktion um etwa die Hälfte und beim Strommix um nahezu ein Drittel. 

Klimaschutzziele: Ambitioniert oder antiquiert?

Der Vergleich der neuen Ziele mit dem Status quo wirft jedoch Fragen auf. Im Jahr 2015 habe man beim Betrieb der Züge schon einen Anteil von 42 Prozent Grünstrom vorzuweisen, so Pofalla. 2012 waren es noch 24 Prozent gewesen, 2013 dann 35 Prozent und 2014 schließlich knapp 40 Prozent. Die Ökostrom-Kurve flacht also stark ab. Wo da der von Bahnvorstand Pofalla gepriesene ambitionierte Klimaschutz bleibt, mag sich der umweltbewusste Bahnkunde fragen. 

Und tatsächlich verringerte die Bahn ihre CO2-Emissionen eher langsamer als schneller – obwohl die Ankündigung der "neuen Klimaschutzziele" doch eigentlich das Gegenteil vermuten lässt. 2012 hatte man bezogen auf  2006 den CO2-Ausstoß um etwa zwölf Prozent reduziert, 2013 dann um 19 Prozent, 2014 um knapp 23 Prozent und 2015 war man bei 24,5 Prozent angekommen, so die offiziellen Zahlen der Bahn. Auch hier nahm also das Tempo der Reduktion ab.

"Noch viel Luft nach oben"

Michael Ziesak, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), sieht dennoch die Ankündigung der Bahn weitgehend positiv: "Es ist gut, dass die DB AG trotz der bekannten wirtschaftlichen Probleme ihre Anstrengungen zur Minderung der CO2-Emissionen intensiviert und nochmals nachlegt. Kein anderer Verkehrsträger hat in den vergangenen Jahren mehr Reduktion bei den CO2-Emissionen erreicht." Die Klimaziele hätten nichtsdestotrotz noch ehrgeiziger sein können, so Ziesak. Vor allem beim Ökostromanteil sei "noch viel Luft nach oben". 

Die wirtschaftlichen Probleme der Bahn sind indes nicht von der Hand zu weisen. Zuletzt schrieb der Konzern das erste Mal seit zwölf Jahren rote Zahlen – 2015 stand ein Minus von 1,3 Milliarden Euro zu Buche. Als Gründe nannte Konzernchef Rüdiger Grube Streiks sowie "hohe Kosten für den Konzernumbau und Abschreibungen im Schienengüterverkehr". Als Konsequenz will die Bahn im Güterverkehr Tausende Stellen abbauen und Verladeplätze streichen.

Für den Klimaschutz bedeutet das nichts Gutes. Denn in Deutschland werden immer mehr Güter durch die Gegend gefahren.Wie das Statistische Bundesamt kürzlich mitteilte, stieg die Transportmenge 2015 gegenüber dem Vorjahr um 1,1 Prozent auf 4,5 Milliarden Tonnen. 78 Prozent davon gelangen per Lkw an ihr Ziel.

BildSieht die Bahn als "ökologisches System": Bahnvorstand und Ex-CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla am Donnerstag in Berlin. (Foto: Oliver Grob)

Eine weitere Verlagerung von der Schiene auf die Straße hält der Verkehrsexperte Heiner Monheim für eine "von Grund auf falsche Strategie". Denn dann müsse man wiederum "Milliarden und Abermilliarden in den Ausbau von Autobahnen stecken", von den steigenden Emissionen durch Transporte außerhalb der Unternehmenssphäre der Deutschen Bahn ganz zu schweigen. 

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