Keiner sagt mehr "Spinner"

Kein Auto zu besitzen wird heute nicht mehr mit dem Untergang des Abendlandes gleichgesetzt, sagt Heiko Bruns. Mit seinem Verein "Autofrei Leben" liegt er inzwischen im Trend. Vor allem in Großstädten wächst die Zahl der Haushalte, die nur Fahrräder ihr Eigen nennen.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

"Mäx" ist radikal. Radikaler noch als seine Mitstreiter. "Vor 13 Jahren habe ich meinen Führerschein weggeworfen – das war der große Befreiungsschlag und eine der besten Entscheidungen meines Lebens", berichtet der 52-Jährige, der in der Nähe von Göttingen wohnt. Schon seit 20 Jahren fährt "Mäx" kein Auto mehr.

BildDie Idee des identitätsstiftenden Automobils verblasst langsam. (Foto: Fabio Sommaruga/Pixelio)

"Ich fühle mich in meiner Mobilität nur durch den Autoverkehr eingeschränkt und bin bekennender Autohasser", schreibt er auf der Homepage des Vereins "Autofrei leben", der den "Automobilwahn" aus Umwelt-, Gesundheits- und sozialen Gründen attackiert. Zu Fuß, per Fahrrad, Bus und Bahn – "Mäx" kommt trotzdem überall hin, wo er will.

Rund 250 Mitglieder hat der 1998 gegründete Autofrei-Verein. Keine mächtige Lobby, wie es sie auf der Gegenseite gibt, räumt sein Vorsitzender Heiko Bruns ein. Ein Vergleich mit dem Autoclub ADAC und seinen knapp 19 Millionen Mitgliedern verbietet sich von selbst, aber auch an die Bedeutung der klassischen Umweltverbände wie BUND oder Greenpeace, die über 500.000 Mitglieder oder Förderer haben, reicht sein Verein bei Weitem nicht heran.

"Gemeinsam etwas nicht zu tun eignet sich eben nicht zur Massenbewegung", erläutert Bruns. Aber "Stachel im Fleisch der Autogesellschaft" sei man durchaus, sagt der Berliner Lehrer, der sich als 18-Jähriger gegen den Führerschein und für ein neues Fahrrad entschied. Der Verein ist Info-Plattform, vernetzt die Mitgliedsgruppen und veranstaltet regelmäßig öffentlichkeitswirksame Aktionen wie "Ride of Silence" für mehr Sicherheit auf den Straßen und "Park(ing) Day", bei dem Parklätze zu Parks umfunktioniert werden.

Die junge Generation tickt anders

Kein eigenes Auto zu besitzen ist längst nicht mehr so exotisch, wie es vielen erscheint, die im letzten Jahrhundert mit Windschutzscheiben-Perspektive aufgewachsen sind und für die der Führerschein gleichbedeutend mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben war. Für immer mehr Menschen gehört Mobilität ohne Auto zum Lebensstil. Die Zahl der Haushalte ohne Pkw oder Motorrad nimmt kontinuierlich zu – vor allem in Großstädten. Fast ein Drittel der Haushalte in Kommunen ab 500.000 Einwohnern verfügt laut Statistischem Bundesamt inzwischen nur über Fahrräder, ein Anstieg um rund zehn Prozentpunkte in den vergangenen zehn Jahren. Bundesweit liegt der Durchschnitt der Ohne-Auto-Haushalte bei 15 Prozent. Auch hier gibt es einen steigenden Trend, wenn auch weniger stark als in den Großstädten. Parallel boomt vor allem die Fahrradnutzung.

Autofrei-Aktivist Bruns spürt am eigenen Leib, dass sich etwas ändert. Er muss, wenn er etwa am Infostand seines Vereins steht, sich nicht mehr wie noch vor ein paar Jahren als "dieser Spinner" bezeichnen lassen. "Autofrei zu sein gilt nicht mehr als der Untergang des Abendlandes."

Mobilitätsexperten können erklären, warum das so ist: Die junge Generation tickt anders. Der Forscher Konrad Götz vom ISOE-Institut in Frankfurt am Main führt das Umdenken vor allem auf die "kreativen, urbanen Milieus" zurück, die mit dem Auto völlig unideologisch umgingen. Sie seien mit dem Internet aufgewachsen und gewohnt, "Optionen anzuklicken". Genutzt werde dasjenige Verkehrsmittel, das gerade am besten geeignet scheint.

Auch die Wuppertaler Verkehrsprofessorin Ulrike Reutter verweist auf Untersuchungen, die den Wandel bei den jungen Leuten bestätigen: "Das Handy ist wichtiger als das Auto, der Führerschein wird später gemacht und der Bekanntheitsgrad von Automarken sinkt."

unspecifiedDie automobile Freiheit macht abhängig, das hat sich europaweit herumgesprochen: Graffiti in Lissabon. (Foto: KRA)

Das macht Bruns Hoffnung. Bislang kauften die Deutschen zwar weiterhin "gerne Autos", die aber würden "immer weniger bewegt" – die Fahrleistungen nähmen ab. Die Fahrzeuge mutierten immer mehr zu "Stehzeugen", während Carsharing-Angebote boomten. Der Trend, gar kein eigenes Auto mehr zu nutzen, werde wachsen, prophezeit der Aktivist.

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