"Unser Autobesitz ist nicht globalisierbar"

Wie werden wir uns morgen fortbewegen: mit oder ohne Auto, auf langen oder kurzen Wegen? Wird Mobilität zum Luxus? Muss unser Freiheitsbegriff sich ändern? Es antworten der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann, Hannovers Landesbischof Ralf Meister und der Vorsitzende der Naturfreunde Michael Müller.

klimaretter.info: Herr Hermann, Herr Meister, Herr Müller, wie sieht die Mobilität der Zukunft aus und welche Rolle spielt dabei das Auto? Was ist angesichts des Klimawandels zu verantworten?

BildWinfried Hermann: Die Mobilität der Zukunft ist nachhaltig und vernetzt. Sie muss die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen und der Wirtschaft auf dauerhaft umweltverträgliche Weise gewährleisten. Sie ist nicht mehr aufs Auto zentriert, die Menschen wählen zwischen den möglichen Verkehrsmitteln und nutzen das jeweils beste. Die Grenzen zwischen öffentlichem und Individualverkehr verwischen. Durch Carsharing schwindet die Bedeutung des Pkw-Besitzes. Rad- und Fußverkehr erleben eine Renaissance.

Das Auto wird vor allem außerhalb von Ballungszentren eine wichtige Rolle behalten. Es wird aber ein anderes Auto sein: kleiner, leichter, leiser und weitgehend ohne Ausstoß von Schadstoffen. Elektromobilität auf der Basis erneuerbarer Energien treibt es an.

BildRalf Meister: In wenigen Generationen wird man mit Entsetzen auf ein Zeitalter zurückschauen, in dem die Mobilität als zentraler Ausdruck individueller Freiheit verstanden worden ist. Für den Autonomieanspruch des Einzelnen oder wirtschaftliche Interessen wurde die Schöpfung geopfert. Die Mobilität wird in Zukunft durch Verzicht gekennzeichnet sein und zur Fortbewegung konsequent regenerative Energien nutzen.

Michael Müller: Das fossile Zeitalter ist eng verknüpft mit dem Wachstumsfetischismus. Die motorisierte Mobilität basiert zu über 90 Prozent auf dieser Basis. Wir überschreiten die planetarischen Grenzen des Erdsystems. Die Mobilität der Zukunft braucht nicht nur neue Technologien, sondern vor allem Verkehrsdienstleistungen, Vermeidung und eine Infrastruktur der Dekarbonisierung. Dagegen sind Freihandelsabkommen wie TTIP und Tisa der Versuch, eine untergehende Welt zu retten.

Zum Schutz des Klimas müssen wir aus dem fossilen Zeitalter aussteigen. Warum setzt die deutsche Automobilindustrie dennoch vor allem auf Öl?

Winfried Hermann: Unser jetziger Verkehr ist ein Klimakiller. In Baden-Württemberg stammte 2013 fast ein Drittel aller CO2-Emissionen aus dem Verkehr, über 90 Prozent davon aus dem Straßenverkehr. Mobilität auf Basis fossiler Kraftstoffe ist ein Auslaufmodell. Der Megatrend heißt postfossile Mobilität. Die deutsche Automobilindustrie hat einen Vorsprung im Bereich leistungsstarker Benzin- und Dieselmotoren. Auf dem Weltmarkt war das für sie jahrelang ein Segen, jetzt kann es zum Nachteil werden.

Die Hybridtechnik wurde jahrelang verschlafen. Die Abgasmanipulationen von VW und auch der viel zu hohe "normale" Verbrauch und Schadstoffausstoß zeigen, dass die Industrie der Zukunft hinterherfährt. Unsere Autoindustrie muss sich neu erfinden, die Politik muss für die Rahmenbedingungen sorgen. Es ist falsch, die Erfordernisse der Zukunft als Bedrohung zu sehen und sich ihnen zu widersetzen. Sie sind vielmehr eine große Chance.

Ralf Meister: Es wird ein Bündel von politischen Maßnahmen geben, regulierend und fördernd, um den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern konsequent und kurzfristig zu gewährleisten. Diese Maßnahmen sind notwendig, denn die Schöpfung hat kein Mandat und der Markt keine Moral.

BildMichael Müller: Die Zahlen sind erschreckend: Im Letzten Jahr wurden in unserem Land 2,9 Prozent mehr Neuwagen zugelassen, aber darunter 20,6 Prozent SUVs, die im Vergleich zu Pkws mit gleicher Motorleistung fast 25 Prozent mehr CO2 ausstoßen. Die deutschen Hersteller wollen die Produktion der SUVs bis 2018 nahezu verdoppeln, weil sie damit die höchsten Gewinne machen. Öko ist nur sonntags angesagt. Das wird sich bitter rächen.

Könnte es unsere Erde verkraften, wenn der Motorisierungsgrad von Deutschland auf die Welt übertragen würde? Wie sieht die Alternative aus, die nicht zu einer Einschränkung von Freiheit führen oder Mobilität zum Luxus machen würde: Elektromobilität, Umbau des Verkehrssystems, Vermeidung von motorisierter Mobilität?

Winfried Hermann: Bei einer Weltbevölkerung von 7,3 Milliarden haben wir weltweit zurzeit etwa 1,2 Milliarden Autos. In Deutschland verfügen 80 Millionen Einwohner über rund 44 Millionen Pkw. Würde unser Motorisierungsgrad globalisiert, würde sich der Autobestand also etwa verdreifachen. Das ist mit unseren Anstrengungen zum Klima- und Ressourcenschutz nicht vereinbar, schon gar nicht, wenn die Autos weiter fossil angetrieben werden. Wollen wir unsere Mobilität nicht einbüßen, müssen wir zu einer neuen Mobilität finden.

Eine vernetzte E-Mobilität ohne Öl, mehr öffentlicher Verkehr, mehr Fahrrad- und Fußverkehr, eine neue Gestaltung des öffentlichen Raums ohne Dominanz des Autoverkehrs, all das ist möglich. Die neue Mobilität wird unsere Lebensqualität nicht einschränken, sondern verbessern. Die Märkte der Zukunft werden bessere Fahrzeuge und neue Mobilitätskonzepte fördern und belohnen. Wer zu spät kommt, den bestraft nicht nur das Leben, sondern auch der Markt.

Ralf Meister: Die Fortbewegung der Zukunft darf nicht gedacht werden unter dem Leitbild der individuellen Freiheit. Es bleibt eine globale Anstrengung, dass sich die Überzeugung zur Reduktion, zum Verzicht oder zum Miteinanderteilen der Verkehrsträger durchsetzen wird.

Michael Müller: Wir zehren die Zukunft aus, das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Damit wächst die Gefahr, dass sich durch diese Verantwortungslosigkeit das "europäische Fenster" schließt und wir die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefährden. Wir brauchen eine sozial-ökologische Transformation.

BildVerkehr vermeiden, aufs Auto verzichten: Den Forderungen des Bischofs und des Umweltverbandschefs nach einem grundsätzlichen Umdenken mag sich der grüne Politiker nicht anschließen. (Foto: Radosław Drożdżewski/Wikimedia Commons)

Winfried Hermann ist seit 2011 Minister für Verkehr und Infrastruktur des Landes Baden-Württemberg. Zuvor war er seit 1998 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Tübingen und verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion und ab 2009 Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

Ralf Meister ist seit 2010 gewählter Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, zuvor war er Propst in Lübeck und Generalsuperintendent in Berlin. Von 2004 bis 2010 war Meister einer der Sprecher des "Wortes zum Sonntag" im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD).

Michael Müller ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde. Der ökologische SPD-Vordenker und ehemalige Umweltstaatssekretär ist Ko-Vorsitzender der Atommüllkommission sowie Mitherausgeber von klimaretter.info

Interview: Susanne Götze

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