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"Profit auf Kosten von Mensch und Umwelt"

BildDer Abgasskandal ist nicht die Krise eines Autobauers, sondern des gesamten Verkehrssektors, sagt Axel Friedrich. Der Umweltexperte war maßgeblich am Aufdecken der VW-Abgas­manipulationen beteiligt. Er meint: Es fehlen Kontrollen und Strafen, damit bestehende Gesetze eingehalten werden – und dieses staatliche Versäumnis geht vor allem auf Kosten sozial benachteiligter Menschen. Friedrich leitete in den 1990er Jahren das Verkehrs-Ressort des Umweltbundes­amtes. Dann gründete er die Nicht­regierungs­organisation International Council for Clean Transportation.

klimaretter.info: Herr Friedrich, Sie waren Abteilungsleiter im Umweltbundesamt und wurden für Ihren kritischen Blick auf die Automobilwirtschaft gefürchtet. Hat Sie die VW-Abgasaffäre überrascht?

Axel Friedrich: Nein, die Affäre hat mich keinesfalls überrascht. Die Fakten sind unter Fachleuten schon lange bekannt, die Daten liegen seit Jahren auf dem Tisch. Es war reiner Zufall, dass die Sache nun hochgekocht ist. In den Städten werden seit Langem viel zu hohe Stickdioxidwerte gemessen. Dass das von den Dieselfahrzeugen kommt, ist auch bekannt. Der eigentliche Skandal ist, dass bisher niemand auf diese Informationen reagiert hat.

Ist "Dieselgate" also auch ein Staatsversagen?

Ja, das kann man so sagen. Die Politik tut, als ob sie jetzt das erste Mal von alldem hört. Das ist ungeheuerlich. Und die Dieselabgase sind ja längst nicht der einzige Fall. Nehmen Sie Holzheizungen: Dort liegen die Emissionen genauso um ein Vielfaches höher als in den Labortests. Auch acht von zwölf Kettensägen überschreiten beim Ausstoß von Schadstoffen den Grenzwert. Das alles ist bekannt – es kümmert aber scheinbar niemand.

Was müssen Gesetzgeber und Behörden anders machen?

Wir haben einfach eine unzureichende Kontrolle. Vorschriften, die oft in guter Absicht eingeführt worden sind, werden in der Praxis einfach nicht eingefordert. Der Staat wurde in vielen Bereichen immer weiter zurückgefahren, deshalb gibt es immer weniger Möglichkeiten für die Behörden, Grenzwerte zu kontrollieren. Nehmen Sie ein Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern: Die Regierung hat erklärt, dass sie keinen einzigen Beamten für die Marktüberwachung stellen kann.

Man hätte also den Abgasbetrug gar nicht verhindern können?

Entscheidend ist, dass wir keine Strafen haben. Wenn Sie hohe Strafen haben, dann brauchen Sie keine hohe Kontrolldichte. Wir hatten in diesem Fall keine Strafen, obwohl laut EU-Richtlinie in allen Mitgliedsstaaten Kontrollen vorgeschrieben waren. Das Gleiche gilt auch für das Beispiel mit den Kettensägen: Es gibt einfach keine Strafen, wenn dort die Emissionswerte ignoriert werden. Anders als die USA haben wir keine Sanktionen für Unternehmen, die sich nicht an die geltenden Regeln halten.

Geschahen die Manipulationen auch mit dem Ziel, die Konkurrenz niederzuhalten und VW zur Nummer eins in der Welt zu machen?

Die Unternehmen haben einfach Geld gespart – zulasten der Menschen und der Umwelt. Denn eine bessere Abgasanlage hätte etwas mehr Geld gekostet. Bei der Suche nach den Ursachen muss man zur Frage zurück, wer eigentlich von diesen Manipulationen betroffen ist. Es sind die Menschen, die an Hauptverkehrsstraßen wohnen. In der Regel sind das die sozial benachteiligten Menschen, die hier massiv belastet werden. Das ist der eigentliche Skandal, der allerdings in der Diskussion viel zu wenig beachtet wird.

Ist das Ganze ein Problem von VW und Audi oder generell von Dieselfahrzeug-Herstellern?

Wenn die Abgaswerte von fast allen Fahrzeugen viel zu hoch sind und die Schadstoffwerte in allen Städten viel zu hoch, dann kann das nicht von einem Autohersteller kommen. Diese Messwerte sind bekannt.

Der Abgasskandal ist also noch nicht zu Ende?

Es ist klar, dass nicht nur VW die Abgase manipuliert, praktisch alle Hersteller tun das. Der Verkehrsminister hat eine Überprüfung angekündigt. Wenn das richtig gemacht wird, dann werden sicher noch weitere Hersteller auffliegen.

Welche gesundheitlichen Folgen haben die hohen Diesel-Emissionen? Kann man sagen, Stadtluft macht krank?

Wir wissen, dass die Luftbelastung nicht nur krank macht, sondern die Stadtbewohner auch früher sterben lässt. In der Europäischen Union sterben 430.000 Menschen pro Jahr vorzeitig an Luftverschmutzung – 60.000 davon allein in Deutschland. Diese Zahlen sind so erschreckend, dass man längst etwas unternehmen hätte müssen. Das Problem ist: Es werden immer die anderen belastet, die nicht im Auto sitzen. Ich produziere die Abgase, die anderen bekommen sie ab.

BildStädte sind für Menschen da, nicht für Autos, sagt Axel Friedrich. (Foto: Malsa/Wikimedia Commons)

Haben denn die Umweltzonen nichts gebracht?

Wenn Umweltzonen eingeführt und vor allem auch kontrolliert werden, dann bringt das sehr wohl etwas. Berlin ist ein gutes Beispiel: Die Rußemissionen sind innerhalb von drei Jahren um 60 Prozent gesunken. Die verbreitete Meinung, die vom ADAC und anderen gestreut wird, dass Umweltzonen nichts bringen, ist schlicht Unsinn. Die Zonen wirken hervorragend. Wenn ich 20 Prozent der Fahrzeuge, die 80 Prozent der Emissionen ausmachen, durch moderne Fahrzeuge ersetze, dann sinkt natürlich die Emissionsbelastung. Und genau das ist beim Feinstaub passiert.

Der Boom der Dieselfahrzeuge hatte viel mit besserer Motortechnik und einem geringeren Kraftstoffverbrauch zu tun. War der Diesel nun trotzdem ein Irrtum, eine falsche Weichenstellung?

Wenn man sich anschaut, dass sogar ein SUV wie der BMW X5 die Grenzwerte von Kalifornien einhalten kann, die viel schärfer als unsere sind, dann ist die Frage beantwortet: Technisch geht fast alles. Allerdings muss man überlegen, ob der Diesel für alle Fahrzeuggrößen sinnvoll ist. Er wurde ja vor allem für die größeren Modelle eingeführt und da hat er auch seine Berechtigung. Denn wenn Sie einen Lastkraftwagen mit Benzin betanken, dann brauchen sie viel mehr Kraftstoff. Im Kleinwagen allerdings macht Diesel gar keinen Sinn.

Schaffen wir einen nachhaltigen Verkehr mit der Umstellung auf Elektroantrieb?

Nein. Wer glaubt, man könne die heutigen Flotten einfach durch Elektroautos austauschen, hat nichts verstanden. Langfristig müssen wir zwar auf Elektrofahrzeuge mit erneuerbarem Strom umstellen. Mit unserem heutigen Strommix bringt das Elektroauto aber keine wirkliche Entlastung fürs Klima.

Muss es auch bei den Nutzfahrzeugen ein Umdenken geben?

Man muss den Verkehrssektor insgesamt neu ordnen. Wir haben insgesamt einen Verkehr, der ökonomisch und ökologisch unsinnig ist. Unseren Städtebau haben wir in den letzten Jahrzehnten ausschließlich am Auto- und Güterverkehr orientiert. Städte sind aber für Menschen da, nicht für Autos. Die Zahl der Fahrzeuge ist viel zu hoch und muss drastisch verringert werden. Die Fahrzeuge, die dann noch fahren, müssen sauber sein. Die Technik als solche ist dafür vorhanden.

Wie kann die Mobilität der Zukunft aussehen?

In Berlin haben wir 320 Autos pro tausend Einwohner, in Stuttgart über 700. Wir müssen die Städte auf das Niveau des notwendigen Verkehrs bringen. Die Städte sind dafür gebaut, dass Menschen sich treffen, Geschäfte miteinander machen und sich kulturell entfalten. Das Leben in den Städten haben wir in den letzten Jahrzehnten zerstört. Die Städte werden immer attraktiver, je weniger Autos es pro Einwohner gibt. Deshalb wollen auch so viele Menschen nach Berlin. Die Luft ist besser, es gibt weniger Lärm: Das alles spüren die Menschen in ihrem Alltag.

Bei der Gesundheit, beim Klima und der Biodiversität gibt es klare Grenzen der Belastbarkeit. Wir müssen bis 2050 bei den Treibhausgasen in allen Sektoren auf null kommen. Die Volkswagenkrise ist nicht nur die Krise eines Autoherstellers, sondern des gesamten Verkehrssektors. Ich hoffe, dass der Skandal zu einem Umdenken führt und wir neue Regeln bekommen, die dann auch kontrolliert und eingehalten werden.

Interview: Susanne Götze

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