Bahn überdenkt das Überdenken

Die Ankündigungen von Bahn-Vorstand Pofalla zum Nachtzugkonzept lösen einiges an Wirbel aus. Im "Train to Paris" kündigte er an, die Deutsche Bahn wolle ihre Über-Nacht-Verbindungen wieder ausbauen. Ein Bahnsprecher dementiert.

Von Verena Kern

Im "Train to Paris", dem Sonderzug zum Klimagipfel, kündigte der frischgebackene Vorstand Ronald Pofalla am Wochenende an, die Deutsche Bahn wolle ihre Über-Nacht-Verbindungen wieder ausbauen."Umfragen haben klar gemacht, dass es eine Nachfrage nach solchen Verbindungen gibt", sagte der frühere Unions-Fraktionsvize und CDU-Generalsekretär. 

Bild
Der Zug mit den Nachtzügen ist wohl abgefahren. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Nun soll das alles gar nicht so gemeint gewesen sein. Bahn-Sprecher Jens-Oliver Voß erklärte gegenüber klimaretter.info: "Wir können diese Berichterstattung nicht nachvollziehen" – und bat um "Streichung des Artikels".

Seit Jahren dünnt die Bahn ihren Nachtzugverkehr aus. Die "Prognose der Wirtschaftlichkeit" sei "stark negativ", heißt es in einem internen Papier, das klimaretter.info vorliegt. "Eine Investition in das Produkt ist wirtschaftlich nicht tragfähig." Deshalb wolle die Bahn "die Nachtzugverkehre zum Fahrplanwechsel 2016/2017 in ein alternatives Konzept für Nachtreisen bestehend aus Nacht-ICEs und IC-Bussen überführen".

"Die Fortführung von Nachtzugverkehren in Deutschland" werde die Bahn "unterstützen", heißt es zwar in dem Papier. Mit "Unterstützung" ist aber offenkundig nur gemeint, dass Gespräche mit den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB aufgenommen wurden. Die staatliche Eisenbahngesellschaft Österreichs ist der zweitgrößte Nachtzugbetreiber in Deutschland und zeige "ernsthaftes Interesse an der Ausweitung ihres Engagements im deutschen Nachtzugverkehr", so das Bahn-Papier.

Noch diesen Monat wollen Vorstand und Aufsichtsrat offiziell darüber beraten, wie es nun mit den Nachtzügen weitergeht.

"Die Bahn hat Nutzerzahlen verschwiegen"

Die Auslastung der Nachtzüge sei "viel höher, als die offiziellen Zahlen suggerieren", sagt Joachim Holstein, Sprecher des Wirtschaftsausschusses der DB European Railservice, die das Personal an Bord der Nacht- und Autozüge stellt, gegenüber klimaretter.info.

In den Nachtzügen gebe es jeweils Schlafwagen und Sitzwagen. Die Sitzwagen würden von der Bahn aber als IC bezeichnet und liefen mit eigener Zugnummer, so Holstein. "Das führte unter anderen dazu, dass die DB deren Nutzerzahlen verschwieg, als sie 2014 behauptete, die Anzahl der Nachtzugreisenden sei auf 1,4 Millionen gesunken – in Wirklichkeit war sie auf 2,7 Millionen gestiegen."

Bild
Ronald Pofalla, hier 2011 als Kanzleramtschef mit Angela Merkel, sorgt als Bahnvorstand für einige Verwirrung in der Nachtzug-Debatte. (Foto: Steins/bundesregierung.de)

Joachim Holstein hatte zusammen mit einigen Kollegen auch im "Train to Paris" mitreisen wollen, um dort das Anliegen der Bahn-Mitarbeiter zu vertreten. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze. "Aber wir durften nicht mitfahren", klagt Holstein, der auch stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates in der Hamburger Niederlassung ist. "Wir konnten nur auf dem Bahnhof Flugblätter verteilen."

Für eine Stellungnahme war der Bahnsprecher nicht zu erreichen.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen