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Drei Milliarden gegen die Ladehemmung

Weil keiner Elektroautos kaufen will, greift die Bundesregierung der Branche nun unter die Arme: Bis zu drei Milliarden Euro sollen in Kaufanreize und Ladestationen gepumpt werden. Wirklich nachhaltig ist die direkte Förderung der privaten Pkw-Flotte allerdings nicht, kritisieren Verkehrsexperten.

Aus Berlin Susanne Götze

Wenn man mit einem Elektroauto von Berlin nach München will, geht das mittlerweile ganz reibungslos – mit etwas Glück und einer guten Batterie sogar ohne eine ungeplante Übernachtung in Sachsen. Denn entlang der Autobahn A9 wurden in den vergangenen Jahren sogenannte Gleichstrom-Schnellladesäulen aufgestellt. Während einer 20-minütigen Kaffeepause lädt das Auto und schon gehts weiter Richtung Süden.

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Dank des jüngst beschlossenen Elektromobilitätsgesetzes haben Elektroautos vom kommenden Jahr an auch in Deutschland reservierte Parkplätze. (Foto: Christian Scherf/Wikimedia Commons)

Allerdings gibt es noch eine Lücke zwischen Berlin und Leipzig – die sogenannte "Kernachse" beginnt erst in der sächsischen Handelsstadt. Und natürlich ist die A9 noch eine Ausnahme. In Deutschland lange Strecken mit dem Elektroauto zu fahren, gleicht immer noch einem Abenteuer: Es fehlt die Infrastruktur zum Strom "tanken".

Aber sicher tragen auch die hohen Kaufpreise dazu bei, dass die Zahl der Neuzulassungen von Elektroautos weiter vor sich hindümpelt. Der "Run" auf die E-Autos bleibt aus. Während es im vergangenen Jahr noch eine schwache monatliche Steigerung der Neuzulassungen von zuletzt etwas über 1.000 Fahrzeugen gab, brachen die Zahlen Anfang des Jahres ein und lagen im April nur noch bei 684 neuen Elektrowagen.

Die Bundesregierung bekommt nun Muffensausen: Beschlossenes Regierungsziel ist, bis 2020 eine Million Fahrzeuge mit Elektroantrieb auf die Straßen zu bringen. Locker gemacht hatte die Regierung dafür bisher mit viel Tamtam zwei Milliarden Fördereuro. Zählt man die heutigen 20.000 bereits zugelassenen Fahrzeuge mit den Rekordzulassungsmonaten – 1.000 neue E-Mobile – monatlich bis 2020 zusammen, kommt man auf gerade mal 80.000 Fahrzeuge. Der Fehlbetrag beläuft sich also auf 920.000 Fahrzeuge.

Milliardenschweres Förderprogramm

Deshalb beraten die Bundesministerien jetzt über ein Förderprogramm für ihr Sorgenkind Elektromobilität. "Verschiedene Fördermodelle werden schon seit Monaten diskutiert", sagt Jürg Weißgerber vom Bundesfinanzministerium gegenüber klimaretter.info. Nach Informationen unseres Magazins geht es um eine erneute Förderung in Höhe von drei Milliarden Euro für Kaufanreize, Forschung und den Bau von fehlenden Ladesäulen. Weißgerber bestätigt zwar "die aktuellen Abstimmungen zwischen den Ministerien" – involviert sind auch Umwelt-, Forschungs- und Verkehrsministerium. Die Fördersumme von drei Milliarden Euro hingegen sei spekulativ, sagt der Sprecher.

Druck habe nun etwa das Land Hessen mit seinem Antrag "zur steuerlichen Förderung der Elektromobilität" gemacht, der im März im Bundesrat eingebracht wurde. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte erst im April für finanzielle Anreize bei der Anschaffung von elektrischen Dienstwagen geworben.

Pro und kontra Kaufanreiz

Kaufanreize sind in Deutschland bisher tabu. In Frankreich hingegen gibt der Staat dank eines Fördergesetzes für Elektomobilität bis zu 6.300 Euro beim Kauf eines Elektroautos dazu, für ein Hybridfahrzeug immerhin bis zu 4.000 Euro. Zudem fördert die französische Regierung den Ausbau von Ladestationen und deren Beschilderung.

Die Grünen hatten schon im Zuge des vor wenigen Wochen beschlossenen Elektromobilitätsgesetzes ähnlich wie in Frankreich für eine Kaufprämie geworben. Mit 5.000 Euro solle jeder Kauf eines Fahrzeugs subventioniert werden, fordern die Grünen in einem Antrag vom Februar dieses Jahres. Eine Sonderabschreibung auf elektrische Dienstwagen sei nur eine halbherzige Initiative, meint die grüne Opposition heute in einer Reaktion auf die Fördergerüchte. Damit könne das Ein-Millionen-Ziel nicht erreicht werden.

Kaufanreize sind jedoch kaum ein wirklich nachhaltiger Weg zur Verkehrswende, meint Julia Hildermeier von der Brüsseler Dachorganisation Transport & Environment gegenüber klimaretter.info. "Wir brauchen dringend eine Standardisierung der Ladeinfrastruktur, mehr Ökostrom und Carsharing", sagt die Expertin für umweltgerechten Verkehr. So habe es beim Stecker für langsames Laden Jahre gebraucht, bis sich die europäischen Anbieter auf einen gemeinsamen Standard geeinigt hätten. Bei den Schnell-Ladestationen sei der Streit trotz Kombilösung immer noch nicht völlig beendet. Zudem gehörten zu einer entspannten Nutzung der Fahrzeuge auch einheitliche und transparente Bezahlsysteme, sagt Hildermeier.

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Einheitliche Standards bei Steckern und Bezahlsystemen sind noch immer nicht vollständig durchgesetzt. (Foto:
Gereon Meyer/Wikimedia Commons)

"Ein Elektroauto lohnt sich bisher vor allem, wenn man es als Carsharing oder in Flottenanwendung nutzt", meint Spezialistin Hildermeier. "Die Autos sind in der Anschaffung sehr teuer und im Verbrauch dank des niedrigen Strompreises günstig." Klimafreundlich werde der Trend zur E-Mobilität allerdings erst, wenn nur grüner Strom geladen und vor allem der öffentliche Sektor mit elektrischen Fahrzeugen ausgestattet werde. "Deutschland ist in Sachen Elektomobilität noch ein schlafender Riese und hat großes ungenutztes Potenzial", so Hildermeier. Sie glaubt, dass der Elektromobilität am besten mit strengen CO2-Grenzwerten in Europa geholfen ist. Nur so könnten auch die Autohersteller nachhaltig zum Umdenken gezwungen werden.

In jedem Fall ist es schon heute eine gute Alternative, die Elektro-Autos im Carsharing auszuprobieren: Wenn man das Auto nicht kaufen muss, hat man nur den Strom und die Leasinggebühr zu bezahlen. Und mit dem Strom kommt man günstiger als mit einer Benzinladung.

[Erklärung]  
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