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Deutsche sind vom Verkehr genervt

Die Bundesbürger haben das Auto satt, denn Straßen, Fahrzeuge und der Lärm beeinträchtigen das Leben in der Stadt. Das geht aus der neuen Umweltbewusstseinsstudie hervor, die den Deutschen ein anhaltend hohes Bewusstsein für die Umwelt bescheinigt. Dennoch kehren sie dem Auto nicht den Rücken.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Die Umwelt steht bei den Deutschen nicht an erster Stelle. Stattdessen fürchten sie um ihre soziale Sicherheit und finden Finanz- und Rentenpolitik wichtiger als Umweltpolitik. Das geht aus einer Studie über das Umweltbewusstsein der Deutschen im Jahr 2014 hervor, die das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt am heutigen Montag in Berlin vorgestellt haben.

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Sind mit den Bürgern zufrieden: Umweltbundesministerin Barbara Hendricks (rechts) und UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. (Foto: Martin Ittershagen/UBA)

Derzeit ist Umweltschutz nur für 19 Prozent der Deutschen eines der wichtigsten Themen. Noch vor zwei Jahren stimmten dieser Aussage deutlich mehr Befragte zu: 2012 befanden 35 Prozent der Befragten Umweltschutz für wichtig. Wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima und der offenen Fragen der Energiewende erschien den Deutschen damals das Thema dringlicher als heute.

Dennoch bescheinigt die neue Studie den Deutschen ein anhaltend hohes Umweltbewusstsein. Ministerin Barbara Hendricks (SPD) resümierte: "Umweltschutz ist heute akzeptiert und etabliert." Die Bürger seien bereit, umweltschonende Geräte und Bioprodukte zu kaufen, und wollten weniger Autoverkehr in den Städten.

Neuer Blick auf Umweltschutz

Allmählich wandelt sich das Umweltbewusstsein in Deutschland. Früher standen noch Umweltprobleme wie das Waldsterben oder das Ozonloch im Vordergrund. "Heute gilt Umweltschutz als Fortschritts- und Innovationstreiber", sagte Hendricks. 63 Prozent der Befragten glauben laut Studie, dass der Schutz von Umwelt und Klima notwendig sei, um den Wohlstand langfristig zu sichern. Erstmals werde Umweltbewusstsein nicht länger als Konkurrenz zum wirtschaftlichen Erfolg betrachtet, betonte die Ministerin, stattdessen gehörten Umweltschutz und das gute Leben zusammen.

Erstmals wurde in der Studie gefragt, was ein gutes Leben ausmacht. Die eigene Gesundheit und die Erfüllung von Grundbedürfnissen wurden von jeweils 58 Prozent der Befragten genannt. 30 Prozent wollen sich in ihrem Leben an einer intakten Natur erfreuen. Nicht zum Umweltschutz passt nach Ansicht vieler Deutscher dagegen soziale Gerechtigkeit – dabei leiden laut Hendricks besonders häufig Geringverdiener unter Luftverschmutzung,  Lärm oder zu wenig Zugang zu Parks.

Autos beeinträchtigen das Stadtleben

Was vor Jahren noch undenkbar war, vollzieht sich nun schleichend; langsam ändert sich die Sichtweise auf des Deutschen liebstes Kind: 82 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, Städte weniger am Autoverkehr auszurichten. Stattdessen sollen Fuß- und Fahrradwege ausgebaut und der öffentliche Nahverkehr stärker gefördert werden, damit der und die Einzelne weniger auf das Auto angewiesen ist, finden die Bundesbürger. "Mittlerweile wird das Auto eher als Belastung denn als Erleichterung empfunden", resümierte Hendricks.

Doch der gelebte Alltag sieht anders aus. Noch immer ist das Auto das bevorzugte Verkehrsmittel der Deutschen. 56 Prozent der Befragten nutzen es immer oder sehr häufig, um Wege im Alltag zurückzulegen. Weitaus weniger Befragte entscheiden sich für umweltfreundliche Verkehrsmittel: Gerade einmal 24 Prozent sind immer beziehungsweise sehr häufig mit der Bahn oder dem Bus unterwegs, 26 Prozent mit dem Fahrrad. Für das Laufen entscheiden sich 33 Prozent, wobei Mehrfachnennungen möglich waren.

Wenig überraschend, aber von der Umweltbewusstseinsstudie aufs Neue belegt: Das Fahren eines Autos hängt vom Einkommen und von der Größe des Wohnorts ab. Wer ein höheres Einkommen hat, entscheidet sich eher für ein Auto als Menschen mit geringen Einnahmen. In Städten ab 100.000 Einwohnern nutzen die Bürger deutlich häufiger Bus und Bahn, in ländlichen Regionen ist das Auto nach wie vor das Fortbewegungsmittel der Wahl.

Für den ländlichen Verkehr fehlen Geld und Ideen

Doch um den öffentlichen Verkehr auf dem Land attraktiv zu machen, müsste der Staat deutlich mehr Geld in die Hand nehmen. Die Verhandlungen um die Bund-Länder-Finanzen sind zäh: Während Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Ländern 7,4 Milliarden Euro für den Nah- und Regionalverkehr zur Verfügung stellen will, fordern diese 8,5 Milliarden Euro. Am Freitag wurde der Vermittlungsausschuss angerufen.

Ob das ausreichen wird, um mehr Geld für den Nahverkehr zu erhalten, ist fraglich. Auch Hendricks sieht eine große Herausforderung darin, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, wenn zugleich junge Menschen den ländlichen Regionen den Rücken kehren und in die Städte ziehen. Und Carsharing als Alternative zum eigenen Auto ist in ländlichen Regionen bislang kaum verbreitet. Dabei zeigen laut Hendricks die Erfahrungen einzelner Kommunen, dass ein geteiltes Auto fünf herkömmliche ersetzen kann.

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Nervt viele Deutsche: Autos stehen viel herum und verbrauchen Platz oder, noch schlimmer, verursachen schädliche Emissionen und Lärm. (Foto: Schulze von Glaßer

Weniger Autos auf den Straßen würden zugleich auch den Lärm durch Straßenverkehr und die Belastung der Luft verringern. Rund ein Viertel der Kohlendioxid-Emissionen von privaten Haushalten geht auf den Verkehr, insbesondere auf das Fahren von Auto, zurück. Noch immer überschreiten Schadstoffe wie Stickstoffdioxid und Feinstaub die zulässigen Grenzwerte. Außerdem fühlen sich viele Deutsche durch Straßenlärm beeinträchtigt: Laut Studie fühlen sich zwei Drittel der Befragten von Lärm mittelmäßig bis etwas gestört. Jeder Zehnte meint sogar, Lärm belästige ihn stark bis äußerst stark.

"Wir wissen seit Langem, dass Lärm nicht nur nervt, sondern Ausmaße erreicht, die krank machen können", sagte die Präsidentin des Umweltbundesamtes Maria Krautzberger. Deshalb will Krautzberger künftig den Lärm auf deutschen Straßen verringern. Bis dato gibt es bereits eine Reihe von Gesetzen und Normen zur Berechnung und Beurteilung von Lärm, deren Maßstäbe nach Lärmquelle variieren. Auf Grundlage der Umgebungslärmrichtlinie sollten die Kommunen Aktionspläne zur Minderung des Lärms erstellen, eine gesetzliche Vorgabe bis wann die Aktionspläne stehen müssen, gibt es bisher noch nicht.

[Erklärung]  
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