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Lastenräder auf dem Vormarsch

Back- und Fleischwaren, Medikamente und Klaviere: Längst transportieren Unternehmen ihre Güter nicht mehr nur mit dem Auto durch die Stadt. Dass Lastenräder stark im Kommen sind, zeigt ein Blick auf die Straßen deutscher Städte.

Aus Bochum Marcus Meier

Ausgerechnet die frühere Autostadt Bochum gibt nun den Vorreiter. Heribert Rasch, Chef der Firma Klaviere Rasch, erzählt stolz: "Seit 1999 transportieren wir Klaviere mit Lastenrädern." Das betrifft natürlich nicht alle Klavier-Beförderungen und gewiss nicht den Steinway-Flügel. Aber auf Kundenwunsch – in der Praxis etwa im Zwei-Wochen-Takt und im Umkreis von fünf Kilometern – wickelt das Geschäft in der Bochumer Kohlenstraße, das Instrumente verkauft, repariert und verleiht, einen Teil seiner nicht gerade leichtgewichtigen Lieferungen per Rad ab.

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Für Kind und Kegel: Mit Lastenräder Wichtiges durch die Stadt befördern. (Foto: Johan Wessman/News Øresund/Wikimedia Commons)

Zum Einsatz kommt hierfür ein verstärktes Sondermodell von Lastenrad. "Die Probleme beginnen meist erst in den Hausfluren", berichtet Rasch, der Piano-Pionier. "Da wird es schon mal eng."

Der Unternehmer setzt auf reine Muskelkraft, aber es gibt auch längst Lastenräder mit Elektromotor – 200 Kilogramm lassen sich damit transportieren, mit einer Akkuladung kommt man rund 100 Kilometer weit. Das ist nicht nur für radelfreudige Familien, Postboten und die Betreiber mobiler Espresso-Bars attraktiv. Kostengünstiger als Pkw sind die Transporter außerdem.

"Wer will schon Wirtschaftsgüter mit dem Rad transportieren?"

Mitten im Fünf-Kilometer-Umkreis des Bochumer Klavier-Transporters Rasch liegt die Industrie- und Handelskammer "Mittleres Ruhrgebiet" am Bochumer Ostring. "Will jemand allen Ernstes Wirtschaftsgüter mit dem Fahrrad transportieren?", fragte deren damaliger Hauptgeschäftsführer Helmut Diegel im Frühjahr – 15 Jahre, nachdem Heribert Rasch sein erstes Klavier mit beherztem Tritt in die Pedale auslieferte.

Längst haben andere Unternehmer in der Noch-Opel-Stadt sich Rasch zum Vorbild genommen, zum Beispiel ein Reinigungsunternehmen, das seine Putzeimer gleich in den Fahrradrahmen integrierte. Und zuletzt stieg auch der Bochumer Akku-Hersteller Jewo in das Geschäft mit Lastenrädern ein – mit und ohne E-Antrieb. Es gehe um die Kombination von Verkehrsangeboten, sagt Jewo-Geschäftsführer Michael Teupen. Lastenräder hätten sich in der Praxis bewährt.

In anderen Städten haben auch die Industrie- und Handelskammern (IHK) das Potenzial von Lastenrädern längst erkannt. In Köln, wo der Altenpflegeverein "zu Huss" ("zu Hause") seit 1983 auf Fahrräder setzt und so Zeit und Kosten spart, wirft sich die IHK dafür in die Bresche. "Lastenräder und E-Bikes bergen viele Chancen für Gewerbe und Handel", hat die Kammer nach einem Aktionstag in der Innenstadt verkündet. Und die Frage seines Bochumer Kollegen, ob jemand Lasten mit dem Fahrrad transportieren wolle, beantwortet Kölns IHK-Geschäftsführer Ulrich Soénius ganz klar mit den Worten: "Köln will auch."

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Das dänische Lastenrad "Long John" kann mehr als 100 Kilogramm Last transportieren. (Foto:
Kai Martin/Wikimedia Commons)

Köln ist auch die Stadt, in der Deutschlands "erstes freies Lastenrad" verliehen wird: Kasimir heißt es und hat mittlerweile zwei Geschwister namens Wespa und Konstanze. Geworben wird mit dem Slogan "Ersetzt Dein Auto", die Nutzung ist kostenfrei. "Wir gehen davon aus, dass Kasimir und Co auch für gewerbliche Zwecke ausgeliehen werden", sagt Christian Wenzel vom Projektträger Wielebenwir. München und Dortmund sind dem Beispiel bereits gefolgt.

Die "Radlhauptstadt" München ist sogar schon weiter. Hier gibt es ein gemeinsam von Stadt, IHK und Wissenschaft getragenes Pilotprojekt: 13 meist kleine Unternehmen testen die Alltagstauglichkeit der Lastenräder. Mit dabei sind Handwerker, ein Backshop, ein Beratungsunternehmen, ein Metzger, eine Apotheke, ein Getränkeladen, aber auch eine Wohnungsbaugesellschaft. Sie werden bei der Anschaffung moderner Lastenräder finanziell unterstützt und testen deren Einsatz in der Praxis.

Dem Praxis-Test voraus war ein Beschluss des Münchner Stadtrats gegangen. Der Antrag der Grünen-Fraktion dazu bringt auf den Punkt, worum es München mit dem Projekt geht: Die Lastenräder sollen Kosten senken, Zeit sparen, die Anfahrt in dicht besiedelten Stadtteilen erleichtern und manches Unternehmens-Image modernisieren.

Verkehrsexperte sieht "gigantisches Potenzial"

Auch in einem Hamburger Ikea-Markt können Lastenräder für den Möbeltransport kostenlos ausgeliehen werden. Vor allem aber Berlin wimmelt von Anbietern, die Lastenräder verleihen oder verkaufen – vom Fahrradladen Mehringhof über "urban e rental" und das Berliner Lastenrad-Netzwerk bis hin zu dem Startup Velogista, einer Genossenschaft, die Pakete von Firma zu Firma transportiert und stundenweise Lastenräder verleiht. Selbst auf der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) für Nutzfahrzeuge wurde manches "Fahrrad mit Kofferraum" präsentiert. Die Webseite velogistics.net vermittelt kostenlos Kontakte zwischen Leihern und Verleihern von Lastenrädern.

Für die Zukunft sieht der Verkehrsclub Deutschland (VCD) ein "gigantisches" Potenzial, vor allem in der Kurier- und Postbranche, bei Lieferdiensten und mobilen Verkaufs- und Werbeständen, bei Dienstleistungen und im Handwerk und schließlich im innerstädtischen Verkehr zwischen Firmenstandorten. "Die Hälfte der innerstädtischen Transporte mit dem Kfz könnte auf Lastenräder verlagert werden", sagt Wasilis von Rauch vom VCD unter Berufung auf eine Studie der EU.

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Nicht nur kompakte Kisten lassen sich per Fahrrad durch die City kutschieren. (Foto:
Frilius/Pedalpower/Wikimedia Commons)

Wie gut diese Potenziale genutzt werden könnten, hängt Rauch zufolge allerdings von mehreren Faktoren ab. "Das ist vor allem eine Frage der Verkehrspolitik." Nicht nur E-Autos, sondern auch Elektro-Lastenräder sollten aus staatlichen Töpfen gefördert werden, vor allem auch ihre technische Weiterentwicklung. Zudem sollte es Anreize für den Umstieg geben. Und natürlich sei es wichtig, die externen Kosten des Pkw- und Lkw-Verkehrs endlich den Verursachern statt der Allgemeinheit aufzubürden.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version des Artikels bezeichnete Helmut Diegel als ehemaligen Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer "Nördliches Ruhrgebiet" statt der IHK "Mittleres Ruhrgebiet".

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