Anzeige

Grüner Bahnhof kontra "Ela"

Tagelang hat Orkan "Ela" den Bahnverkehr im Ruhrgebiet lahmgelegt: Die Schiene ist auf solche Extremwetterereignisse kaum vorbereitet, obwohl deren Zahl und Intensität zunehmen. NRW-Verkehrsminister Michael Groschek, dessen Haus kein Klimafolgen-Anpassungs-Konzept vorweisen kann, weiht unterdessen den ersten "klimaneutralen" Bahnhof Deutschlands ein.

Aus Bochum Marcus Meier

Über den ersten "grünen Bahnhof" kann sich Deutschland seit Freitag freuen. Und er liegt in Nordrhein-Westfalen. Die Haltestelle Kerpen-Horrem im Rheinischen Braunkohlerevier wird von Politik und Medien als "klimaneutraler", im Betrieb CO2-freier Bahnhof angepriesen. Denn die Deutsche Bahn AG setzt dort unter anderem zu 100 Prozent auf Erdwärme und Photovoltaik, also erneuerbare Energien plus Energiesparen.

Bild
Viel Grün gibt es auf Deutschlands erstem "grünen" Bahnhof Kerpen-Horrem nicht zu entdecken. (Foto: DB System)

Jedenfalls an diesem einen, regional bedeutsamen Bahnhof – während die Bahn in NRW große Teile des Stroms für ihre Lokomotiven immer noch aus der ganz und gar nicht klimaneutralen Kohlekraft bezieht. Wenige Kilometer vom "grünen" Bahnhof entfernt übrigens in Kerpen-Manheim will RWE selbst die legendäre Kart-Renn-Bahn "Erftlandring" der beiden Schumi-Brüder wegbaggern, um noch mehr Braunkohle fördern zu können.

Die eingebauten Versickerungsanlagen am Horremer Bahnhof deuten auch auf eine gewisse Sensibilität für Regenmassen und Überschwemmungen hin – Stichwort Klimawandel. Ausdrücklich betont die Bahn als Pluspunkt "neben der optischen und ökologischen Aufwertung", dass das Bahnhofsgebäude "auch eine öffentliche Toilette" beinhalte. Luxus? Aber der innovative Umbau wurde ja von Stadt, Land, Bund und EU gefördert.

Auch NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) nahm am Freitag an der Einweihungszeremonie teil, sprach von einem "gelungenen Projekt", über das sich die Kunden freuen würden. Hier hätten die Ingenieure "wirklich nichts ausgelassen, um ein modernes Gebäude zu schaffen, das alle Anforderungen der Energiewende erfüllt".

Die feierliche Eröffnung fand elf Tage nach dem "Ela" genannten Pfingstmontags-Sturm statt. Dieser hatte Nordrhein-Westfalen besonders stark getroffen. So werden die Schäden der Bahn allein an Rhein und Ruhr in Medienberichten auf 60 Millionen Euro beziffert.

Totalausfall des Bahnverkehrs und planloses Ministerium

Tagelang war der Bahnverkehr im Ruhrgebiet komplett ausgefallen. Minister Groscheks Pressesprecher Bernhard Meier übt sich auf Nachfrage dennoch in Lobreden: Angesichts des Ausmaßes der Schäden, betont er, sei schnell und konsequent gehandelt worden. Mancher Bahnkunde im Ruhrgebiet dürfte das ein wenig anders sehen. Noch am Donnerstag letzter Woche war beispielsweise auf der Abfahrtsanzeige des Bochumer Hauptbahnhofes ein lapidarer Satz zu lesen: "Aufgrund der Unwetterschäden ist der Zugverkehr z. Zt. komplett eingestellt." Radwanderkarten wurden zum Verkaufsschlager bei Bochumern, die unbedingt in die Nachbarstadt Dortmund mussten, und sei es, um zu arbeiten. Tags darauf fuhren immerhin wieder Regionalexpresse nach Hamm und Siegen. Seit Dienstag normalisiert sich der Fernverkehr.

Und Bochum ist kein Ausnahmefall. Während die Autowege relativ schnell wieder frei geräumt waren, plagten niedergemähte Bäume und 2.200 Kilometer beschädigte Oberleitungen die Bahn tagelang. Noch immer ist der Schienenverkehr zwischen Duisburg und Hamm stark beeinträchtigt, stärker jedenfalls als "normalerweise" durch marode Schienennetze, überaltetete Stellwerke und verringertes Bahn-Personal.

Verkehrsministerium verharmlost die Situation

Die Linie S 6 beispielsweise wird vermutlich erst nach den Sommerferien wieder zwischen Düsseldorf und Essen verkehren. Und zwei Thyssen-Krupp-Werke produzieren derzeit nicht – Lieferengpässe wegen der Probleme des Güterverkehrs. Den Status quo des Schienenverkehrs in NRW vermag Ministeriums-Sprecher Bernhard Meier nicht zu skizzieren. "Von hier aus können wir nicht einschätzen, wie viel Prozent des Nah- und des Fernverkehrs wieder im üblichen Rahmen fahren", sagt er. Und erklärt das Verkehrsministerium für schlicht nicht zuständig.

Und befragt, was das Ministerium konkret unternehme, um künftig mehrtägige Ausfälle des gesamten Zugverkehrs in ganzen Regionen des Landes zu verhindern, antwortet Meier reichlich abstrakt. Das Ministerium sei mit allen Verkehrsträgern im Gespräch, um die Mobilitätsangebote in NRW krisenfest zu halten und die Kunden umfassend und zielgenau über Beeinträchtigungen zu informieren. Dass Nordrhein-Westfalen nicht wirklich gut auf Extremwetterereignisse vorbereitet sei, bestreitet der Pressesprecher folgerichtig. "Wir teilen diese Prämisse nicht."

Parallelen zu Orkan "Kirill" vor sieben Jahren

Für Klimaforschung und Versicherungswirtschaft nehmen Zahl und Intensität von Extremwetterereignissen zu. Der legendäre Orkan "Kyrill" erzeugte 2007 Verwüstungen von 2,4 Milliarden Euro. Schon heute sei absehbar, dass die Schäden, die "Ela" anrichtete, umfangreicher seien als bei "Kyrill", spekulierte der ehemalige NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU). Noch weiß man in der Tat nichts Genaues. Aber offenbar sind auch die Schäden der Bahn diesmal größer als 2007. "Es war das schlimmste Unwetter, was wir jemals in der Geschichte der Deutschen Bahn erlebt haben", lässt Bahnchef Rüdiger Grube sich zitieren.

Seit 2010 leistet NRW sich ein grün geführtes Klima-Ministerium – das erste seiner Art in Deutschland, allerdings zugleich zuständig für Umwelt, Naturschutz und Landwirtschaft sowie unter ständigem Druck der Wirtschaft und dem Regierungspartner SPD mit einem großen Herzen für alles, was Dreck, Lärm und Schadstoffe erzeugt und Arbeitsplätze zu schaffen behauptet.

Bild
Noch bis vor Kurzem teilte die Bochumer Bahnhofstafel lediglich mit: Zugverkehr wegen Unwetterschäden komplett eingestellt. (Foto: Marcus Meier)

Sieht man im Klima-Ministerium einen Zusammenhang zwischen dem Unwetter "Ela" und dem voranschreitenden Klimawandel? Grundsätzlich sei es schwierig, Einzelereignisse eindeutig mit dem Klimawandel zu korrelieren, referiert die Pressestelle. "Fest steht aber, dass das Intergovernmental Panel on Climate Change" – der Weltklimarat der UNO – "in Zukunft in Mitteleuropa mit stärkeren Stürmen und einer größeren Anzahl von Extremwettern rechnet." Ein vom Ministerium aufgelegter Klimaschutzplan wolle den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und stärken. Das Ziel: "Noch mehr Personen zum Umstieg vom Pkw auf den ÖPNV bewegen und so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten."

Doch die fachliche Zuständigkeit für die Klimafolgenanpassung im Bahnverkehr läge dann in einem anderen Haus. Beim Verkehrsministerium.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen