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"Der Mythos Billigflieger ist enttarnt"

Bei Reisen ins europäische Ausland ist die Bahn dem Flugverkehr vorzuziehen – nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus finanzieller Sicht. Jedenfalls, wenn man vergleichbare Strecken gegenüberstellt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Verkehrsclubs Deutschland.

Aus Berlin Lea Meister

Trotz steuerlicher Benachteiligung sind die Preise für innereuropäische Bahnreisen günstiger als für Flüge. Das zeigt eine aktuelle Studie des Verkehrsclubs Deutschland VCD. Der Verkehrsverband hat die Preise für elf innereuropäische Routen in den Monaten Mai und Juni untersucht. Das überraschende Ergebnis: In 93 Prozent aller Fälle war das Bahnfahren günstiger als das Fliegen. Im Durchschnitt ist der Flugpreis sogar doppelt so hoch wie der Bahnpreis, errechnete Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, der die Daten für den VCD erhob. "Wir waren von der Deutlichkeit der Ergebnisse überrascht", sagt der VCD-Bundesvorsitzende Michael Ziesak: "Der Mythos Billigflieger ist enttarnt."

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Die Treibhausgas-Emissionen aus dem Flugverkehr haben sich seit 1990 verdoppelt – und noch immer gibt es keine Steuer auf Kerosin. (Foto: Matthias Rietschel)

Berücksichtigt wurden verschiedene Buchungszeitpunkte – zwölf und vier Wochen sowie eine Woche und ein Tag im Voraus – und verschiedene Reisearten: Eine einzelne Person auf Geschäftsreise, zwei Personen auf Wochenendreise und eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern auf 14-tägiger Urlaubsreise.

Am deutlichsten zeigte sich die Preisersparnis der Bahn verglichen mit dem Flugzeug bei der Urlaubsreise. Nur bei einer Wochenendreise kann das Flugzeug mit der Bahn konkurrieren, doch auch hier waren 80 Prozent der untersuchten Verbindungen mit der Bahn günstiger als beim Fliegen. Die Preise wurden über die Online-Portale bahn.de und billigflieger.de ermittelt. Insgesamt wurden je 374 Bahn- und Flugreisen verglichen. In nur 28 Fällen war die Bahn teurer als das Flugzeug.

Luftverkehrsteuer ist eine Frage der Gerechtigkeit

Die Studie stellt jedoch keinen Gesamtüberblick zu innereuropäischen Reisen dar, weil sie sich nur auf elf Strecken bezieht. Sauter-Servaes wählte sie nach dem Kriterium der vergleichbaren Reisezeit aus. So wurde zum Beispiel die Strecke Köln-Amsterdam untersucht, bei der die Bahnreisezeit zwei Stunden und 40 Minuten und die Flugzeit eine Stunde beträgt. Der Mobilitätsforscher rechnete bei Flugzeiten zwei Stunden Pufferzeit für zusätzlichen Aufwand wie das Ein- und Auschecken und die An- und Abreise an die Flughäfen ein. Strecken wie Zürich-Berlin, bei der die Flugdauer die Bahnreisezeit um ein Vielfaches schlägt, wurden nicht in die Studie einbezogen. "Solche Strecken zu betrachten macht keinen Sinn, weil es da überhaupt keinen Wettbewerb gibt", sagt Servaes: "Da nehmen nur noch sehr Überzeugte die Bahn."

Der VCD fordert, dass die Ungleichheiten bei der Besteuerung der beiden Verkehrsmittel beseitigt werden: "Jeder normale Autofahrer und jeder Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln muss mehr Steuern bezahlen als ein Flugzeugpassagier", sagt VCD-Chef Ziesak im Gespräch mit klimaretter.info. Die Luftverkehrssteuer auszubauen sei eine Frage der Gerechtigkeit. Diese Steuer gibt es seit 2011; bei einem Ticket für einen innereuropäischen Flug fallen 7,50 Euro an. Der VDC ist erleichtert, dass dies im Koalitionsvertrag nicht wie zuvor geplant abgeschafft wurde, und fordert, die steuerliche Bevorteilung des Flugverkehrs gegenüber der Bahn aufzuheben.

Zurzeit fällt für den Flugverkehr weder eine Öko- noch eine Kerosinsteuer an, während der Bahnverkehr energiesteuerpflichtig ist. Bei Flügen ins Ausland wird außerdem keine Mehrwertsteuer fällig, während bei grenzüberschreitenden Bahnfahrten für den Teil der Fahrt in Deutschland die volle Mehrwertsteuer von 19 Prozent erhoben wird. Deutschland erhebt damit einen der höchsten Mehrwertsteuersätze auf Fernbahnfahrten in Europa – nur Kroatien hat mit 25 Prozent einen noch höheren Satz.

Viele fliegen noch aus reiner Gewohnheit

Flugreisen sind für etwa fünf Prozent des menschengemachten Treibhauseffekts verantwortlich. Seit 1990 haben sich in Deutschland die CO2-Emissionen des Flugverkehrs verdoppelt. "Flugreisen sind viermal so klimaschädlich wie Bahnreisen", sagt Heidi Tischmann, Expertin für Verkehrspolitik beim VCD. Bei Kurzstrecken ist der Energieverbrauch im Verhältnis zu Langstreckenflügen sogar noch höher, weil vor allem der Start eines Flugzeugs sehr viel Energie verbraucht, was bei kurzen Strecken stärker ins Gewicht fällt.

Die Gründe für den immer noch stark anwachsenden Flugverkehr trotz der schlechten Ökobilanz sieht der VCD vor allem in der Gewohnheit. "Geschäftsreisende, die nicht selbst für ihre Flüge zahlen, machen auch keinen Preisvergleich mehr", sagt Ziesak. "Fliegen steht immer noch für Status und eröffnet vor allem auf langen Strecken ganz neue Freiheiten."

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Die Bahn ist laut der neuen VCD-Studie nicht nur das klimafreundlichste, sondern oft auch das günstigste Verkehrsmittel. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der Verband setzt sich dafür ein, die Bahn als umweltfreundliches Verkehrsmittel attraktiver zu machen. Um das Reisen mit der Bahn zu vereinfachen, sollten nicht nur steuerliche Ungleichheiten und Subventionen für das Fliegen beseitigt, sondern auch ein einheitlicher europäischer Markt geschaffen werden. Dazu müssten gemeinsame Technik- und Sicherheitsstandards und europaweit einheitliche Preissysteme eingeführt werden. Die Verbraucher möchte der Verband anregen, die Möglichkeiten des einfachen Preisvergleichs auf Internetportalen zu nutzen und sich selbst davon zu überzeugen, dass das Reisen mit der Bahn nicht nur klimaschonender, sondern auch kostengünstiger ist.

Im vergangenen Jahr verglich der VCD die Preise von Bahn und Flugverkehr für innerdeutsche Strecken. Auch hier schnitt die Bahn sehr viel besser ab als das Flugzeug: In 91,5 Prozent der untersuchten Fälle war der Bahnpreis günstiger.

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