Bahnkarten ab heute komplett öko

Von heute an fahren alle Inhaber von Bahncards zu 100 Prozent mit Ökostrom. Mit dieser "Vergrünung des Fernverkehrs" will sich die Deutsche Bahn gegen die gewachsene Konkurrenz durch das Verkehrsmittel Fernbus behaupten, das in seiner Klimabilanz immer noch besser abschneidet als das Verkehrsmittel Zug und seit dem Wegfall des Bahnmonopols auf Fernreisen zum Jahresbeginn mächtig im Aufwind ist.

Von Verena Kern

Die Deutsche Bahn positioniert sich als "klima- und umweltfreundliches Verkehrsmittel" mit "grünen Angeboten". Ab dem heutigen 1. April stellt der Konzern seine Bahncards auf "öko" um. Die rund fünf Millionen Inhaber solcher Karten reisen dann mit 100 Prozent Ökostrom, teilt die Bahn mit. Die Kosten dafür trage die DB allein. So soll ein "aktiver Beitrag zum Klimaschutz und zum weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien" geleistet werden. 


So präsentiert die Bahn ihre "Vergrünungs"-Initiative: Bahnchef Rüdiger Grube vor grüner Steckdose. (Foto: DB)

Vor allen Dingen will sich die Bahn mit ihrer grünen Initiative gegen die Konkurrenz durch das Verkehrsmittel Fernbus behaupten. Seit Jahresbeginn gilt das Monopol der Bahn für Fernreisen nicht mehr, nach dem Busverbindungen nur zugelassen waren, wenn parallel keine Zugverbindung existierte. Seitdem expandiert der Fernbusmarkt. Große Player wie die Deutsche Post und der ADAC planen die Gründung einer Fernbusgesellschaft und wollen der Bahn ab Anfang 2014 deutschlandweit mit "komfortablen" und "günstigen" Reiseangeboten "scharfe Konkurrenz" machen. Die Deutsche Bahn braucht also dringend Argumente.

Das Argument der Umweltfreundlichkeit, mit dem die Bahn zu punkten versucht, hat aber bislang eine große Schwäche: In der Klimabilanz schneiden die Fernbusse etwas besser ab als die Bahn, pro Fahrgast fallen bei Busreisen weniger Treibhausgasemissionen als bei Zugreisen an. Das soll sich jetzt ändern. "Mit unseren grünen Angeboten im Fernverkehr setzen wir uns bei den Emissionswerten pro Fahrgast im Fernverkehr klar an die Spitze vor Flugzeug, Auto und Fernbus", freut sich denn auch Bahn-Vorstand Ulrich Homburg. "Im Vergleich mit dem Fernbus sind DB-Kunden mit dem neuen Angebot dann deutlich umweltfreundlicher unterwegs."

Auch Datteln spielt eine Rolle

Eine Rolle dürfte auch das Kohlekraftwerk Datteln gespielt haben. Nach langen juristischen Streitereien (klimaretter.info berichtete) steht mittlerweile fest, dass die Eon-Blöcke im ersten Quartal 2014 vom Netz gehen sollen. Die Blöcke Datteln 1–3 produzieren fast drei Viertel des Bahnstroms für Nordrhein-Westfalen. Viel Bahnstrom lieferte auch das Atomkraftwerk Neckarwestheim, das im Zuge der Energiewende stillgelegt wurde. 

Mit ihrer "Vergrünung des Fernverkehrs" will die Bahn ihr Ziel, den Anteil an erneuerbaren Energien in ihrem Strommix bis 2020 auf 35 Prozent zu erhöhen, schon fünf Jahre früher erreichen. Derzeit sind es rund 22 Prozent.

Den Ökostrom bezieht die Bahn vor allem aus Wasserkraftwerken. Im November 2012 – kaum war der Weiterbetrieb von Datteln gesichert – fädelte der Konzern zusammen mit Eon einen öffentlichkeitswirksamen Deal über jährlich 600.000 Megawattstunden Grünstrom aus Wasserkraft ab 2015 ein. Der Bahn-Eon-Vertrag hat zunächst eine Laufzeit von sechs Jahren, kann aber verlängert werden.

Auch aus Österreich soll Strom aus Wasserkraft bezogen werden. Zudem sind vor kurzem zwei neue Windparks in Ostfriesland für die Bahn ans Netz gegangen. Alles in allem will die Bahn ihr "Engagement zur Förderung ökologischer Neuanlagen verdreifachen", so DB-Vorstand Manuel Rehkopf.


Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Züge grün gestrichen werden ... (Foto: Schulze von Glaßer)

Wer kein Stammkunde, also nicht Inhaber einer Bahncard oder Zeitkarte ist, muss einen Aufpreis von einem Euro pro Person und Fahrtrichtung zahlen, um 100 Prozent öko zu reisen. Ein Teil des Aufpreises, tröstet die Bahn, fließt aber "über den Neuanlagen-Bonus in die Förderung von Projekten zum Ausbau erneuerbarer Energien". Für Stammkunden mit einer grünen Bahncard ändert sich nichts.

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