1 Milliarde Autos überrollen den Klimaschutz
Bald fahren eine Milliarde Fahrzeuge auf der Welt. Damit überollt der Autoverkehr alle globalen Klimaschutzbemühungen. Aber wer glaubt, daran seien nur die autobesessenen Chinesen schuld, liegt falsch. Auch in Deutschland wächst der Fahrzeugbestand immer noch weiter. Und in den westlichen Industrieländern fehlen klare Mobilitätskonzepte, um unsere Fahrt in den Klima-GAU wenigstens zu bremsen.
Aus Berlin Karin Deckenbach
Der weltweite Auto-Boom übertrumpft alle Klimaschutzbemühungen. Laut einer Studie des Worldwatch Institute in Washington werden bald eine Milliarde Autos und Lkw auf der Erde fahren. Damit ist der Verkehr derzeit der am schnellsten wachsende Sektor beim weltweiten Ausstoß des Klimakillers CO2. Klar ist: Ohne drastische Verbesserungen der Fahrzeugtechnik und einen deutlichen Ausbau umweltfreundlicher Verkehrsarten ist es vollkommen unmöglich, die globalen Klimaschutzziele zu erreichen.

Nutzen statt besitzen: 220.000 tun es schon. (Foto: Bundesverband CarSharing)
Doch stattdessen beschleunigt sich der Auto-Boom mit atemberaubender Geschwindigkeit. 1950 gab es weltweit erst 70 Millionen Autos und Lkw. Bis Ende dieses Jahres werden es mehr als eine Milliarde sein. Die PS-Orgie findet laut Studie vor allem in den Schwellenländern statt – insbesondere in China. Gleichwohl besitzen dort immer noch deutlich weniger Menschen ein Auto als in den Industriestaaten. So gibt es in Deutschland pro 1.000 Einwohner rund 480 Autos – in China nur 54.
Auch die Produktion von Pkw, Lieferwagen und Kleinlastern rast von Rekord zu Rekord. 2011 wurden 76,8 Millionen Vehikel produziert. In diesem Jahr werden es wohl mehr als 80 Millionen sein.
Damit wächst auch die Welt-Autoflotte, zuletzt um 30 Millionen Fahrzeuge pro Jahr. Ende 2012 wird die Schallgrenze von einer Milliarde Autos überschritten, prognostiziert die Worldwatch-Studie. Damit käme im globalen Durchschnitt ein Fahrzeug auf sieben Menschen.
So gerät der Klimaschutz unter die Räder des Autoverkehrs. "Es ist ein großes Problem, dass durch diese Enwicklung alle Effizienz- und Klimaschutzbemühungen Makulatur werden und die Schadstoffemissionen durch den Autoverkehr statt zu sinken immer weiter steigen", kommentiert Gregor Kolbe, Experte des alternativen Verkehrsclubs VCD.
Nervfaktoren Stau und Parken
Allerdings ist es pure Augenwischerei zu sagen: China ist schuld. Denn bis heute steigt auch in Deutschland der Fahrzeugbestand immer noch weiter. So gibt es rund fünf Millionen Autos mehr auf deutschen Straßen als 1990. Gleichzeitig hat sich im Nachbarland Polen der Fahrzeugbestand in diesem Zeitraum mehr als verdreifacht. Bislang wurde dieser Trend auch nicht durch die Tatsache gestoppt, dass insbesondere unter westeuropäischen Städtern der eigene Wagen an Status und Wert verloren hat. So hatten 2011 in Berlin von 1.000 Einwohnern nur noch 325 ein Fahrzeug. "Dieser Effekt hängt entscheidend von einem attraktiven öffentlichen Nahverkehr und einem guten Radwegenetz ab sowie von der Verteuerung des Autobesitzens und Fahrens und nicht zuletzt dem Nervfaktor Stau und Parken", resümiert VCD-Experte Kolbe. Dazu müsse das Motto "Nutzen statt besitzen" weiter verankert werden. Tatsächlich ist vor allem in Städten eine deutliche Zunahme erkennbar. Anfang dieses Jahres hatten sich 220.000 Fahrberechtigte registriert, zeigt eine Analyse des Bundesverbandes CarSharing.
Realistisch betrachtet, wird das eigene Auto im ländlichen Raum weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Dort müssten mehr vernetzte Angebote von Carsharing und öffentlichem Nahverkehr entwickelt werden, fordert der VCD. Erste Erfolge gibt es mit dem Kombiticket in Düsseldorf und Hannover.

Die Fahrt in den Klima-GAU ist ungebremst. (Foto: Sindre-Wimberger)
Zugleich sind alle Hoffnungen auf die Elektromobilität bislang völlig illusorisch. Global ist die Produktion der E-Mobile verschwindend gering. Und selbst im Autotechnikwunderland Deutschland sind gerade einmal 6.000 echte Elektroautos zugelassen. Zwar wächst der Verkauf von Hybrid-Pkw, die mit Verbrennungs- plus Elektromotor ausgestattet sind, aber ihr Marktanteil liegt weltweit immer noch unter zwei Prozent.
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