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Keinen Druck vom Kessel nehmen!

Kaum hat sich die Welt in Kopenhagen quasi auf ein Klimaziel verständigt, nämlich die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu beschränken, werden Diskussionen losgetreten, das Ziel nach oben hin aufzuweichen. Doch neue Zieldebatten kosten wertvolle Zeit – sie sollte hingegen genutzt werden, um die dringlichste Frage zu beantworten: Wie kann die Weltgemeinschaft es schaffen, den Trend global steigender Emissionen bis zum Jahr 2015 umzudrehen?

Teil 7 unserer Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

Von Camilla Bausch, Ecologic Institut,
und Malte Meinshausen, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Zum Glück gibt es das Zwei-Grad-Ziel! Dass sich in internationalen Klima-Verhandlungen mittlerweile kein Staat mehr für eine akzeptable Höchstmarke der Erderwärmung von mehr als zwei Grad einsetzt, ist ein Erfolg von erheblicher politischer Tragweite. Das Zwei-Grad-Ziel als Obergrenze ohne dringenden Anlass infrage zu stellen, ist aus verschiedenen Gründen fragwürdig:

1) Das Zwei-Grad-Ziel kann noch erreicht werden

Eine globale Erwärmung von zwei Grad und möglicherweise sogar 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau kann noch verhindert werden. Natürlich, das geht nicht im Handumdrehen und auch nicht über Nacht. Doch rein technisch und ökonomisch können die Herausforderungen geschultert werden.

Detailfragen müssen noch ausdiskutiert werden, sicher ist aber: Je später wir den Sinkflug für Emissionen beginnen, desto risikoreicher und beschwerlicher wird die Landung. Daher sollte sich die Weltgemeinschaft auf Folgendes konzentrieren:

  • Die bislang global ansteigenden Emissionen müssen spätestens ab 2016 wieder fallen.

  • Momentan belaufen sich die globalen Treibhausgas-Emissionen auf rund 48 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalente pro Jahr. Bis 2020 müssen sie mindestens auf 44 Gigatonnen jährlich sinken.

  • Nach 2020 muss die Reise noch entschlossener vorangehen, und wir sollten heute schon die notwendigen Investitionen anstoßen, damit nach 2020 Reduktionsraten von drei Prozent pro Jahr erreicht werden können.

  • Mit diesen Schritten können wir es schaffen, bis 2050 die globalen Emissionen gegenüber 1990 mindestens zu halbieren.

 2) Eine Erwärmung über zwei Grad Celsius hätte unbeherrschbare Folgen

Der 4. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC warnt, dass ein unbegrenzter Klimawandel Folgen haben könnte, die die Anpassungsfähigkeit sozialer Systeme vielerorts übersteigen. Einen dringlicheren Aufruf zum Handeln kann es nicht geben.

Selbst bei einer Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad müssen wir uns auf drastische Veränderungen einstellen. Diese kommen zum Teil schleichend, wie der ansteigende Meeresspiegel – zum Teil aber auch plötzlich, wie eine Flutkatastrophe in Pakistan, eine Dürre in den russischen Kornkammern oder ein Waldbrand am Mittelmeer. Wetterextreme hat es zwar auch in der Vergangenheit gegeben, der Klimawandel aber kann sowohl deren Häufigkeit als auch Intensität erhöhen.

Machen wir uns also nichts vor: Bereits bei einer Zwei-Grad-Erwärmung verändern wir das Antlitz des Planeten.

3) Das Zwei-Grad-Ziel aufzuweichen hieße, die politische Leitlinie zu zerstören

Klimaziele als politische Leitplanken dienen der Orientierung. Sie sind die Grundlage, auf der sich Transformation und Entwicklung vollziehen können. Bei den internationalen Verhandlungen kann das Zwei-Grad-Ziel als Leitlinie dienen: Erst mit der Festsetzung einer Temperatur-Obergrenze kann überhaupt berechnet werden, wie hoch die Emissionsminderung sein muss, um das Ziel zu erreichen. Das ist politisch von unschätzbarem Wert. Seit 1996 Jahren setzt sich die EU für das Zwei-Grad-Ziel ein. Spätestens seit dem Gipfel in Kopenhagen hat es sich nun international als Obergrenze durchgesetzt.

Die Diskussion um eine mögliche Verschärfung des Klimaziels auf 1,5 Grad ist unter dem "Copenhagen Accord" für 2014/2015 vorgesehen. Die Notwendigkeit, in den nächsten Jahren die Kehrtwende einzuleiten und die Emissionen drastisch zu verringern, ist dabei erstmal die gleiche. Nur könnten wir uns dann in etwa zwei Jahrzehnten entscheiden, ob wir das Tempo etwas verlangsamen oder verschärfen – bis dahin aber müssen Gruppen und Staaten, die maximal zwei oder 1,5 Grad Erwärmung anstreben, an einem Strang ziehen.

4) Das Aufweichen des Zwei-Grad-Ziels verringert notwendigen Handlungsdruck

Würde das Zwei-Grad-Ziel zugunsten eines weniger ambitionierten Zieles oder gar ohne neues Ziel aufgegeben, würde der Druck zu weitreichenden Emissionsminderungen schnell nachlassen. Doch angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, können wir es uns nicht leisten, Druck vom Kessel zu nehmen. Die bisherigen globalen Anstrengungen reichen noch nicht, um eine Klimaerwärmung von mehr als zwei Grad zu verhindern – selbst 3,5 Grad und mehr sind nicht auszuschließen.

Wir sind in der Situation eines Bergsteigers, der vorhat, einen Dreitausender zu überwinden. Um vor Einbruch der Dunkelheit in der sicheren Hütte auf der anderen Seite anzukommen, ist der Bergsteiger gut beraten, den Wecker früh zu stellen. Doch wirkt es international gegenwärtig eher so, als würden viele im Halbschlaf unablässig den Schlummer-Knopf drücken.

Der große Unterschied zwischen Wanderer und Weltgemeinschaft ist, dass die Folgen eines "Verschlafens" unterschiedlicher Natur sind. Der Bergsteiger kann es ja am nächsten Tag wieder versuchen. Die Menschheit hingegen zerstört womöglich mit ihrem Verhalten viele Ökosysteme – und damit vielerorts die eigene Lebensgrundlage. Je später wir aufbrechen, desto mehr Menschenleben riskieren wir, desto mehr Korallenriffe verbleichen, und desto mehr Küstenstriche werden steigenden Fluten zum Opfer fallen.

Meilensteine für die Trendwende

Die bisher international vorgebrachten Zusagen und Versprechungen für Emissionsminderungen reichen nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Doch grundsätzlich haben wir alle Techniken zur Realisierung des Ziels bereits in unseren Händen – und einige Maßnahmen generieren sogar Netto-Gewinne, wie selbst einschlägige Unternehmensberater immer wieder vorrechnen. Auch von anderer Seite kommen positive Beispiele und Prognosen: Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) etwa hält 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2050 für machbar. Große Visionen wie die Wüstenstrom-Initiative Desertec werden auf einmal in Wirtschaft und Ministerien ernsthaft diskutiert. Staaten wie Costa Rica und die Malediven haben angekündigt, bis 2020 klimaneutral werden zu wollen.

Klar ist jedoch, dass der Weg, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, kein politischer oder gesellschaftlicher Spaziergang wird. Doch sich deswegen jetzt schon auf das Scheitern einzustellen, ist verfehlt. Ist es nicht gerade die Forderung der Wähler an die Politik, dass sie alle Kräfte aufbringt, Koalitionen bildet und Ideen entwickelt, um das Gewollte auf den Weg zu bringen – selbst wenn es schwierig ist?

Es ist bei Themen wie dem Klimawandel unverantwortlich, existenzielle Ziele angesichts der Schwierigkeiten, es zu erreichen, einfach aufzugeben. Wir verlangen ja auch, dass die Menschenrechte weiter verteidigt werden, obwohl wir uns bewusst sind, dass dies ein Kampf mit vielen Rückschlägen ist.

 

 

Camilla Bausch leitet den Bereich Klima- und Energiepolitik im Ecologic Institut. Malte Meinshausen ist Klimaforscher am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

 

 

 

 

 

 

 

Bisher erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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