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Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik

Bei der Frage, mit welchem Ziel die internationale Klimapolitik in Zukunft jonglieren soll, muss es auch darum gehen, mit welchem Ziel sich am ehesten Menschen direkt ansprechen und bewegen lassen. Eine reine Zielwertdebatte, die außer Acht lässt, wie wir ein Ziel auch kommunizieren können, lässt sich nicht aus der eingefleischten Klima-Community hinaustragen.

Teil 6 unserer Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Diana Vogtel, Europa-Koordinatorin von 350.org

Zielwerte haben im politischen Geschäft die Aufgabe, komplexe Koordinationsprozesse zwischen verschiedenen Institutionen und Ländern in Richtung eines zu erreichendes Ziel zu steuern, sowie die geeigneten Instrumente zur Erreichung dieses Zieles auszuwählen und zu implementieren. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob es um ein "Gradziel", ein "Konzentrationsziel" oder ein "Reduktionsziel" handelt.

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Die internationale Umweltorganisation 350.org will nicht mehr als 350ppm - Kohlenstoffkonzentration in der Atmosphäre.

Zielwerte haben darüber hinaus noch eine zweite sehr wichtige Funktion: Sie dienen der Kommunikation mit allen am politischen Entscheidungsprozess beteiligten Akteuren. In Demokratien also auch mit den BürgerInnen. Anders gesagt richtet sich ein Zielwert, wie es Hermann Ott in seinem Beitrag zur Zwei-Grad-Debatte auf Klimaretter.info ausdrückt, auch und gerade an Oma Herta aus Wanne-Eickel, denn sie muss ja den tief greifenden Umwandlungsprozess weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energien, und die damit einhergehenden Änderungen in ihrem täglichen Leben mittragen.

Wie muss nun ein Zielwert aussehen, der zur politischen Teilhabe einlädt – und nichts anderes heißt es ja, wenn wir von einer globalen Klimabewegung sprechen, einer Bewegung, die aktiv am politischen Prozess teilnimmt und beeinflusst? Zunächst einmal sollte ein solcher Zielwert das Problem benennen und für die BürgerInnen (aber natürlich auch für andere politische Akteure) einen Handlungsbedarf formulieren. Rein positive Zielwerte wie beispielsweise 100 Prozent Erneuerbare – ein Vorschlag von Eicke Weber, Leiter des ISE Fraunhofer an dieser Stelle – können allein einen solchen Handlungsbedarf nicht kommunizieren.

100 Prozent Erneuerbare ist kein Zielwert, sondern ein Instrument

Als Sekundärziele sind positive Zielwerte sehr nützliche Kommunikationsinstrumente. Es erscheint durchaus sinnvoll, beispielsweise als Ziel zu formulieren, "100 Prozent Erneuerbare bis zum Jahr X", damit der globale Klimawandel und die damit einhergehenden Folgen ein noch "erträgliches" Maß (auf höchstens 1,5 Grad bzw. zurück auf ein Level von 350 ppm – parts per million) nicht überschreiten. Dennoch handelt es sich bei 100 Prozent Erneuerbaren nicht um einen Zielwert, sondern um ein Instrument, mit dem ein bestimmter Zielwert erreicht werden soll. Es stellt sich dann die Frage, warum Oma Herta sich für den raschen Ausbau erneuerbarer Energien einsetzen sollte, wenn ihr nicht klar ist, was dadurch genau erreicht oder verhindert werden soll.

Des Weiteren sollte ein Zielwert, der zur politischen Teilhabe einladen will, auch einen positiven Sollzustand kommunizieren. 2,5 Grad Erwärmung oder 500 ppm – Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre – scheinen vielleicht für viele klimapolitische Akteure realistische Zielwerte zu sein. Betrachtet man den Zustand der globalen Klimapolitik zum jetzigen Zeitpunkt, scheinen realistische Ziele eher zu erreichen als utopische Wunschziele. Sie regen jedoch nicht zur politischen Teilhabe an. "Lasst uns 80 Prozent der Sklaverei abschaffen" oder "Menschenrechte zunächst einmal für 60 Prozent der Menschen" – das hört sich nicht gerade nach erfolgreichen, bewegungsstiftenden Slogans an, und es ist wohl auch zu bezweifeln, ob damit Oma Herta von der Couch geholt würde.

Natürlich wissen wir, dass der ideale Sollzustand, eine Welt ohne Klimawandel, nicht zu erreichen ist. Aber genau deshalb ist es die Rolle von zivilgesellschaftlichen Organisationen, den bestmöglichen Zielwert zu kommunizieren und zu fordern, der noch zu erreichen ist. Und der liegt weiterhin bei 350 ppm oder 1,5 Grad.

Letztlich sollte ein Zielwert, der zur politischen Teilhabe einlädt, Menschen auch emotional erreichen. Lange Zeit sind KlimawissenschaftlerInnen und AktivistInnen, ob in den USA oder in Europa, davon ausgegangen, dass es ihre Aufgabe ist, der Bevölkerung das Problem Klimawandel zu erklären. Weiter wurde angenommen, dass wissenschaftliche Graphiken und Statistiken ausreichen, Menschen zu erreichen. Sobald die Menschen verstehen, dass das Problem des Klimawandels real und bedrohlich ist, werden sie auch handeln, so oftmals die Annahme. Aus den Erfahrungen der vergangenen zwanzig Jahre wissen wir jedoch, dass das so nicht stimmen kann. Die Menschen sind sich seit Jahren des Problems Klimawandel bewusst – gehandelt haben sie jedoch kaum, denn sie fühlten sich nicht direkt angesprochen.

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100 Prozent Erneuerbare sind kein Zielwert. (Fotos: 350.org)

In Bildern sprechen

Wir wissen aus Erfahrung, dass Menschen sich primär durch Bilder angesprochen fühlen. Nicht umsonst ist das Bild, welches die meisten Menschen mit dem Klimawandel verbinden, das des hilflosen Eisbären auf seiner schmelzenden Scholle. So nützlich dieses Bild zunächst war, um die Aufmerksamkeit der Menschen für das Problem Klimawandel zu erregen: es hat sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt, dass es uns heute schwer fällt, den Klimawandel aus der grünen Ecke zu holen. Deshalb ist es an der Zeit, Bilder zu kreieren, die die Menschen bewegen und direkt ansprechen, kreative Bilder, Kunst, Musik und Ähnliches. Wenn wir den Menschen neue Perspektiven eröffnen wollen, wie sich das Problem Klimawandel betrachten lässt, dann müssen wir die entsprechenden Bilder produzieren.

Die Debatte um Gradziele, Konzentrationsziele und positive Zielwerte geht an den Menschen völlig vorbei, denn sie können keine Bilder damit verbinden. So wichtig diese Diskussion auch in der Politik sein mag, die Menschen berührt diese Debatte überhaupt nicht und wird sie sicher nicht zum Handeln bewegen. Deshalb hat die Klimaschutzorganisation 350.org sowohl 2009 also auch 2010 für eine kreative Mitmachkampagne entschieden, um 350 als klimapolitischen Zielwert in das Bewusstsein der Menschen zu tragen, aber auch, um neue Bilder entstehen zu lassen, die die Menschen bewegen und zum Mitmachen bewegen. Wir wollen die verschiedenen Lösungswege aus der Klimakrise ins Rampenlicht stellen. Höhepunkt ist dabei der Aktionstag 'Packen wir's an' am 10.10.10 vor.

In den vergangenen Wochen haben wir bei 350.org immer wieder über Zielwerte debattiert. Doch haben wir nicht darüber geredet, ob wir bald unseren Zielwert von 350 ppm atmosphärischer Kohlendioxid-Konzentration anheben sollten, sondern um die Frage, wie wir auch nach Kopenhagen weiter dazu beitragen können, eine globale Klimabewegung aufzubauen. Denn der Aufbau einer globalen Klimabewegung, die die Politik dazu bringt, eine effektive und gerechte globale Klimapolitik umzusetzen, ist der Zweck der 350.org Kampagne. Die Zahl 350 und der dadurch symbolisierte Zielwert von 350 ppm sind die Mittel, die wir nutzen, um unseren Zweck zu erfüllen.

 

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Diana Vogtel ist seit eineinhalb Jahren Europa-Koordinatorin bei 350.org. 350.org ist eine internationale Kampagne, deren Ziel es ist, eine Bewegung aufzubauen, die die Welt durch Auswege aus der Klimakrise vereint.

 

 

 

Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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