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Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!

Die Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr heißt weder Unfallfreiheit bei Einhaltung noch automatischer Totalschaden bei Überschreitung. So ist auch das Zwei-Grad-Limit zu verstehen: Es ist ein politisches Ziel und keine scharfe Grenze. Es soll verhindern, dass bestimmte Veränderungen im Klimasystem eintreten, die nicht mehr handhabbar sind und die zu drastischen Verschlechterungen der Lebensbedingungen auf der Erde führen.

Teil 5 der Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Inge Paulini,
Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen".

Eine globale Einigung in der Klimapolitik und die Trendumkehr der globalen Kohlendioxid-Emissionen gelten als Voraussetzung dafür, dass die globale Mitteltemperatur die Zwei-Grad-Grenze nicht übersteigt. Aber weder schreitet der Klimaverhandlungsprozess mit großen Schritten einer Einigung entgegen, noch ist absehbar, dass der Trend der weiter zunehmenden Kohlendioxid-Emissionen binnen weniger Jahre gebrochen wird. Angesichts dieser entmutigenden Situation wird von verschiedenen Seiten vorgeschlagen, die Politik müsse vorausschauend das sogenannte "Zwei-Grad-Ziel" aufgeben, um angesichts unerfüllbarer Ziele nicht unglaubwürdig zu werden. Die globale Erderwärmung soll also nicht mehr auf zwei Grad Celsius im Jahr 2050 begrenzt werden.

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Welche Zielkategorie ist sinnvoller? Temperatur, atmosphärische Konzentration, 100 Prozent Erneuerbare. (Foto: BMU)

Als Alternativen diskutierten auf klimaretter.info Oliver Geden und Eicke Weber zwei andere Zielkategorien: die atmosphärische Konzentration verschiedener Treibhausgase sowie die Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Beide Vorschläge haben einen Haken. Die atmosphärische Konzentration, aggregiert über Kohlendioxid-Äquivalente, bemisst sich in parts per million (ppm). Das ist viel weniger eingängig als das geläufige Grad Celsius. Darüber hinaus ist es viel weiter weg vom Problem: Die Klimawirkungen hängen eng mit der globalen Temperaturerhöhung zusammen. Ein Wechsel des Klimaziels von Temperatur zu Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre scheint also wenig sinnvoll, da es weniger mit den eigentlichen Klimafolgen zu tun hätte.

Der Wechsel zu komplett anderen, "positiven" Zielsystemen wie 100 Prozent erneuerbare Energien scheint einleuchtend, weil griffig, würde aber nur einen Teil des Klimaproblems abdecken. Temperaturänderungen werden durch Treibhausgase verursacht, und die stammen nur zum Teil aus unserer Energieversorgung. Die "Dekarbonisierung" des Energiesystems ist ein notwendiger, allein aber nicht hinreichender Beitrag zu erfolgreichem Klimaschutz. Andere Sektoren, etwa die Landnutzung, blieben damit außen vor, und damit beispielsweise auch das unverzichtbare Ziel, die Entwaldung zu stoppen.

Die Prämisse ist falsch

Gute Politik muss selbstverständlich ihre Ziele reflektieren und gegebenenfalls nachjustieren. Aber muss man jetzt über ein neues Klimaschutzziel nachdenken, weil sich eventuell in wenigen Jahren erweisen wird, dass die Zwei-Grad-Grenze möglicherweise überschritten wird? Klare Antwort: Nein, denn die Prämisse, das "weil", ist falsch!

Auch nach weiteren zehn Jahren mit wachsenden Emissionen wird keineswegs schon feststehen, ob die Zwei-Grad-Grenze nicht mehr zu halten ist. Vielmehr wird es so sein, dass es bei vergleichbaren Emissionsminderungsraten eine geringere Wahrscheinlichkeit – beispielsweise statt 75 Prozent nur noch unter 50 Prozent – dafür gibt, die Grenze nicht zu durchbrechen.

Wenn aber auch in zehn Jahren nicht ausgemacht ist, dass wir die Zwei-Grad-Grenze nicht mehr schaffen, dann ist es weder erforderlich noch sinnvoll, sondern vielmehr kontraproduktiv, heute schon ein neues Ziel zu fordern. Denn die Weltgemeinschaft hat sich erst im Dezember vergangenen Jahres in Kopenhagen erstmals auf dieses Limit geeinigt. Jetzt eine Diskussion über eine Zieländerung zu führen, hieße, die Ergebnisse von Kopenhagen vollends zu entkräften und für die weiteren Verhandlungen ungenutzt über Bord zu werfen. In der – zugegebenermaßen mageren – Kopenhagen-Vereinbarung wurden viele wichtige und richtige Vereinbarungen getroffen, die von der Staatengemeinschaft unbedingt gesichert und ausgebaut werden sollten. Die Kopenhagen-Vereinbarung bleibt wertvoll, auch wenn ein verbindlicher Zeitplan, eine globale Koordinierung sowie ein belastbares Monitoring oder Sanktionsmöglichkeiten bislang fehlen und auch wenn die Summe der staatlichen Absichtserklärungen derzeit noch nicht ausreicht, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten.

Staaten erkennen Zwei-Grad-Ziel an

Zu den positiven Kopenhagener Ergebnissen gehört insbesondere auch, dass sich mehr als 120 Staaten, die zusammen mehr als vier Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen verursachen, mit der Kopenhagen-Vereinbarung einverstanden erklärt haben. Teilweise geschah dies erst mehrere Monate nach Ende der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009. Damit bekräftigen diese Staaten das Zwei-Grad-Limit ausdrücklich und erkennen die drastischen Emissionsminderungen an, die zur Einhaltung dieser Grenze erbracht werden müssen. Gleichzeitig unterstützen sie das Gleichheitsprinzip und betonen die Notwendigkeit für soziale und wirtschaftliche Entwicklung sowie für Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern.

Es gibt aber noch ein Argument für die Beibehaltung des Zwei-Grad-Ziels. Momentan ist noch unklar, in welchem Ausmaß Treibhausgasemissionen genau reduziert werden müssen. Denn die Politik hat sich bislang weder ausdrücklich auf die Wahrscheinlichkeit verständigt, welche sie zur Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze zugrunde legen will, noch auf den Zeitraum, den sie als Bezugspunkt für die globale Erwärmung um maximal zwei Grad Celsius wählt. Eine höhere Wahrscheinlichkeit würde geringere zulässige Emissionen nach sich ziehen.

Als Bezugszeitraum schlägt die wissenschaftliche Politikberatung seit vielen Jahren die vorindustrielle Zeit vor (und es ist wahrscheinlich, dass auch die Politik dies meint, auch wenn sie es noch nicht festgeschrieben hat). Sowohl eine Änderung der Wahrscheinlichkeit als auch des Bezugszeitraums kann das Budget für die noch erlaubten Emissionen sehr stark verändern. Solange diese Parameter in den Klimaverhandlungen noch nicht diskutiert werden, ist das Anstoßen einer Debatte zur Nichteinhaltbarkeit der Zwei-Grad-Grenze verfehlt.

Die vorgeschlagene Änderung der Zielkategorie (von Grad Celsius zu ppm) würde der Aufweichung der Zwei-Grad-Grenze dienen. Die Politik macht sich aber selbst sehr unglaubwürdig, wenn sie eine Zielkategorie ändert, weil sie das eigentliche Ziel für nicht einhaltbar hält. Wenn sie dies leise, still und heimlich tut und auf die Ignoranz der Öffentlichkeit baut, macht es die Sache nur schlimmer.

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Ein Tempolimit heißt noch lange nicht Unfallfreiheit bei Einhaltung - auch das Zwei-Grad-Ziel ist keine Garantie, dass es keine Kollateralschäden gibt. (Foto: Straßen NRW)

Zwei Grad Celsius sind ein politisches Ziel

Die zwei Grad Celsius sind ein politisches Ziel und keine scharfe Grenze. Sie lässt sich mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung vergleichen. Ein Tempolimit heißt aber weder Unfallfreiheit bei Einhaltung noch automatischer Totalschaden bei Überschreitung. Die Zwei-Grad-Grenze soll verhindern, dass bestimmte Veränderungen im Klimasystem eintreten, die nicht mehr handhabbar sind und die zu – wenn auch regional sehr unterschiedlichen – drastischen Verschlechterungen der Lebensbedingungen auf der Erde führen.

Dieses Ziel schließt erhebliche Klimafolgen bei Einhaltung keineswegs aus, sein Überschreiten zieht aber nicht automatisch schlagartig einsetzende katastrophale Klimaänderungen nach sich. Daher beruhte die wissenschaftlich basierte Empfehlung an die Politik, die Zunahme der globalen Mitteltemperatur unter zwei Grad Celsius zu halten, von Anfang an auf einer Abwägung zwischen Notwendigkeit und Machbarkeit. So und nicht anders sollte die Qualität des Zwei-Grad-Limits kommuniziert werden.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die in den IPCC-Berichten beschriebenen Veränderungen eher schneller und drastischer eintreten als erwartet. Auch dies ist ein wichtiges Argument gegen die Aufweichung des Klimaschutzziels. Denn die Stabilisierung des Klimasystems ist erforderlich, um auch für die nächsten Jahrhunderte noch lebenswerte Verhältnisse zu erhalten. Die Zwei-Grad-Grenze ist die Richtschnur der Politik auf diesem Weg und muss es auch in Zukunft bleiben.

 

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Dr. Inge Paulini ist Generalsekretärin des WBGU, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Der WBGU schlug erstmals 1995 die Zwei-Grad-Leitplanke vor und veröffentlichte im September 2009 das Sondergutachten "Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz" sowie im April 2010 das Politikpapier "Klimapolitik nach Kopenhagen: Auf drei Ebenen zum Erfolg".


Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!
[Erklärung]  
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