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"Zwei Grad" für Oma Herta

Der weltweite Klimaschutz tritt auf der Stelle, die Emissionen steigen und steigen. Ist es überhaupt noch möglich, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen? Oder sollten Politik und Wissenschaft eingestehen, dass dieses "Zwei-Grad-Ziel" überholt ist? Und ein neues Ziel formulieren?

Ein Beitrag zur Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Hermann E. Ott, energiepolitischer Sprecher der Bündnisgrünen

Wenn mit Sicherheit feststeht, dass ein Fluss bei den nächsten großen Regenfällen einen bestimmten Pegelstand erreichen wird - dann wird jede verantwortlich handelnde Regierung dafür sorgen, dass die Dämme auf mindestens diese Höhe aufgestockt werden. Oder? Und sollte die Gefahr bestehen, dass der Damm nicht rechtzeitig fertig ist - man wird es dennoch versuchen. Oder?

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Die politische Ebene des Klimawandels lebt von Bildern, von schmelzenden Eisbergen, dürren Wüsten - und von einer verständlichen Zielmarke, dem Zwei-Grad-Ziel. (Foto: nps.gov)

Alles andere wäre unverantwortlich. Genauso unverantwortlich wäre es, beim Kampf gegen den Klimawandel vom Ziel abzurücken, die weltweiten Emissionen so weit zu senken, dass die durchschnittliche Erderwärmung bei höchstens zwei Grad Celsius liegt. Zumal, anders als im Dammbeispiel, den vom künftigen Klimawandel betroffenen Menschen im Schadensfall nicht die Umsiedlung auf höherliegende Gebiete empfohlen werden kann – denn wir haben nur diesen einen Planeten.

Wenn es also stimmt, wie Oliver Geden in kürzlich hier auf Klimaretter.info geschrieben hat, dass eine weltweite Trendumkehr der Emissionen bis 2020 erforderlich ist, um den globalen Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius zu halten – dann wird in wenigen Jahren deutlich werden, dass dieses Ziel nicht mehr erreicht werden kann. Mit diesem Problem müssen sich dann in der Tat alle jene in naher Zukunft beschäftigen, die den Klimaschutz voranbringen wollen.

Wem das Klima am Herzen liegt, der muss vielleicht tatsächlich bald nach einer Alternative zum Zwei-Grad-Ziel suchen

Aber was dann? Wie wollen Wissenschaft, Regierung und Zivilgesellschaft eine effektive Klimapolitik begründen? Muss dann nicht ein neues Ziel her – mit allen Schwierigkeiten bei der Begründung und der Gefahr, politisch und gesellschaftlich ins Abseits zu geraten? Diese Fragen müssen beantwortet werden. So berechtigt die Frage ist – in der Sache widerspreche ich Oliver Geden. Und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens ist das Zwei-Grad-Ziel keine beliebige Marke, sondern ein hart erkämpfter Kompromiss zwischen dem klimapolitisch Notwendigen und dem ökonomisch Machbaren – also ein "politisches" Ziel. Ökologisch sinnvoller wäre ja ein 1,5-Grad-Ziel, weil es eine höhere Sicherheit bieten würde, das "Kippen" des Klimasystems zu vermeiden. Aber es würde eben auch sehr viel teurer werden – deshalb der vor vielen Jahren schon geschlossene Kompromiss zwischen Klimawissenschaft und Ökonomie.

Es wäre jedoch ein Fehler, anzunehmen, dass das Zwei-Grad-Ziel einfach so aufgegeben werden könnte, wenn es – nach unserer Kenntnis – nicht mehr erreicht werden kann. Und zwar deshalb, weil es eben nicht nur ein politisches Ziel ist (wie das 0,7%-Ziel der Entwicklungshilfe), sondern auch ein kritischer Wert, der nicht überschritten werden darf, wenn bestimmte Folgen vermieden werden sollen. Dass der IPCC das Zwei-Grad-Ziel in seinem Vierten Sachstandsbericht nicht erwähnt, ist richtig - aber nur die halbe Wahrheit. Denn es entspricht nicht dem Auftrag des IPCC, direkte Handlungsempfehlungen zu geben. Stattdessen hat der Bericht durch verschiedene Szenarien deutlich gemacht, was eine Nichterreichung verschiedener Zielmarken bedeuten würde – und es der Politik richtigerweise überlassen, sich für eine der denkbaren Zukünfte zu entscheiden und daraus Maßnahmen abzuleiten.

Apotheker ändern ja auch nicht die Dosierungsvorschrift von Medikamenten, wenn ein Patient zu viel eingenommen hat

Wenn diese Entscheidung aber getroffen worden ist – und dieser Konsens ist mit dem Copenhagen Accord tatsächlich größer geworden –, dann kann sie auch nicht beliebig angepasst werden. Das wäre so ungefähr wie die Anpassung der Dosierungsanleitung für ein Medikament, wenn von einem Patienten versehentlich zu viel eingenommen wurde. Die allgemeine Grenze der Dosierung bleibt natürlich weiterhin gültig. Aber es werden Gegenmaßnahmen ergriffen, um den Zustand des Patienten zu stabilisieren.

So ähnlich wird es auch beim Patienten Erde geschehen müssen. Das bedeutet im Klartext, dass die Menschheit vielleicht schneller als gedacht auf Null-Emission verringern und sogar in die "Negativ-Emission" gehen muss – also mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre holen muss als hineingelangen. Letztlich mag sich das Klimasystem als robuster erweisen, als wir nach gegenwärtigem Stand annehmen können, und eine Stabilisierung gelingen. Das wird jedoch alle Anstrengung erfordern, die nur mit einem ambitionierten Ziel mobilisiert werden kann.

Zweitens nützt es nichts, wie Geden anregt, das Temperaturziel durch ein Konzentrationsziel zu ersetzen. Denn was sollte der Gewinn sein? Natürlich ist ein Konzentrationsziel exakter - das wäre ein Vorteil. Aber wenn man das Zwei-Grad-Ziel 1:1 übersetzten wollte, also eine höchstzulässige Konzentration von 450ppm anstreben würde, so wäre hinsichtlich der Möglichkeit einer Zielerreichung nichts gewonnen. Und über eine Festlegung auf 500ppm quasi durch die Hintertür eine Erhöhung der Zielmarke auf 2,5 Grad herbeizuführen, wäre erstens der Bedrohungslage nicht angemessen – und würde aber auch mit Sicherheit von der Bevölkerung nicht unbemerkt bleiben, wie Oliver Geden argumentiert.

Bei aller legitimer Überprüfung bisheriger Klimaschutz-Strategien darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten!

Drittens ist es natürlich sinnvoll, Strategien zur Abwehr von Gefahren regelmäßig zu prüfen – schon gar wenn es um den Bestand unserer Zivilisation geht, so wie wir sie kennen. Und das gilt umso mehr bei Rückschlägen der bisher verfolgten Strategie, also nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen und der nicht unwahrscheinlichen Ergebnislosigkeit des Gipfels in Cancun (Mexiko) gegen Ende dieses Jahres.

Aber man muss bei aller legitimen Prüfung auch zusehen, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet. Es ist doch kein Zufall, dass eine Einigung auf das Zwei-Grad-Ziel so schwer zu erreichen war, selbst in der EU. Denn wenn man auf die Rationalität von Politik setzt, dann weisen Zielmarken den Weg für konkrete Politikmaßnahmen - und dann muss und wird staatliches Handeln sich auch daran ausrichten. Denn eine der Barrieren für erfolgreiche Klimapolitik ist doch, dass sie ein Handeln auf vielen Ebenen und durch viele Ministerien oder (im Falle der EU) Generaldirektionen erfordert: Wirtschaft, Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Bauen, um nur die wichtigsten zu nennen.

Diese Gemengelage an Institutionen und Interessen ist nur durch ein übergeordnetes Ziel auf eine Linie zu bringen. Das wissen sowohl PolitikerInnen die eine effektive Klimapolitik anstreben als auch diejenigen die genau das verhindern wollen. Deshalb ist die Verankerung einer Zielmarke so wichtig für die Zukunft der Klimapolitik. Wollte man das Zwei-Grad-Ziel durch ein anderes ersetzen würde man riskieren, überhaupt kein Ziel zu erhalten.

Der Kampf gegen den Klimawandel braucht anschauliche Marken - wie eben das Zwei-Grad-Ziel

Denn viertens hat das Zwei-Grad-Ziel aufgrund seiner Anschaulichkeit erhebliche Vorteile gegenüber einer Konzentrationsmarke im "ppm". Denn zwar wäre, wie erwähnt, ein Konzentrationsziel exakter. Praktische Politik aber lässt sich mit solch abstrakten Begriffen nicht machen. Das ist mir als Wissenschaftler, der in die Politik gewechselt ist, noch stärker deutlich geworden.

Die politische Ebene des Klimawandels lebt von Bildern, von schmelzenden Eisbergen, dürren Wüsten - und von einer verständlichen Zielmarke, dem Zwei-Grad-Ziel. Bisher kenne ich keine politische Zielmarke, die deutlicher die Verbindung herstellt zwischen Erwärmung (Grad) und Ziel (maximal 2). Mit "Grad" kann auch Oma Herta aus Wanne-Eickel etwas anfangen - mit "ppm" oder ähnlichen Zielmarken hingegen nicht.

Und schließlich: Sollte es in ein paar Jahren wirklich so sein, dass wir das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr erreichen können, dann benötigt man möglicherweise gar keine andere Marke mehr als schlicht das Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 auf annähernd "Null" zu senken. Denn wenn das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar ist, dann werden die Folgen des Klimawandel bereits so deutlich sichtbar sein, daß man die "Zwei Grad" auch in der politischen Debatte nicht mehr benötigt.

"Zwei Grad" für Oma Herta - Hermann E. Ott antwortet auf den Debattenbeitrag von Oliver Geden: Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!

 

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Dr. Hermann E. Ott war Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und ist jetzt Bundestagsabgeordneter der Bündnisgrünen.

Auf klimaretter.info schreibt er
die Kolumne Ott Macht Politik

Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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