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Emissionen senken? Öde!

Die Klimaverhandlungen scheitern immer wieder aus dem gleichen Grund - sie haben das falsche Ziel. Nicht das negative Ziel einer Emissionsreduzierung und einer Beschränkung der globalen Erwärmung um höchstens zwei Grad muss im Fokus stehen, sondern ein positives Ziel: mehr erneuerbare Energien, mehr Energieeffizienz.  

 Teil 3 der Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg

Gut vier Monate sind es noch bis zum nächsten UN-Klimagipfel im Dezember im mexikanischen Cancún. Vier Monate, um den nächsten Fehlschlag zu vermeiden. Fieberhaft suchen Klimadiplomaten nach Wegen, ein weltweites Klimaschutzabkommen mit verbindlichen Reduktionszielen für Treibhausgase zu erreichen. Mit solch einem im Prinzip negativen Ziel verbinden die Menschen in der Regel auch eine Verringerung der Lebensqualität - deshalb braucht es einen Alternativen Weg, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen.

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Warum nicht mal ein positives Ziel? Eicke Weber fordert 100 Prozent Erneuerbare. (Foto: ISE Fraunhofer)

Politisch überzeugender sollte es sein, ein positives Ziel zu setzen - die kontinuierliche Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien am Verbrauch, bis zur vollständigen Deckung unseres Bedarfs aus diesen Quellen. Bei einer hundertprozentigen Versorgung aus erneuerbaren Quellen verursacht der Energiesektor auch keine Kohlendioxid-Emissionen mehr. Damit wäre gleichzeitig das Klimaproblem und das Energieversorungsproblem gelöst.

Das Ziel einer hundertprozentigen Versorgung aus erneuerbarer Energie wird durch eine Erhöhung der Energieeffizienz – und der damit verbundenen Reduktion des Verbrauchs – leichter erreichbar gemacht. Jedes Land sollte sich sein eigenes Hundert-Prozent-Ziel setzen: Einzelne Dörfer und Städte in Deutschland können dies bereits in wenigen Jahren erreichen, es gibt bereits lokale Projekte dazu. Bis 2020 könnten zunächst kleinere, dann größere Hundert-Prozent-"Inseln" hinzukommen. Europa sollte dieses Ziel bis 2040 schaffen, der Rest der Welt bis 2070, besser wäre 2050.

Beim Ausbau erneuerbarer Energien haben Regierungen direkten Einfluss - bei der Senkung der CO2-Emissionen nicht

Die Kohlendioxid-Emissionen eines Landes lassen sich oft nur indirekt durch Regierungen beeinflussen. Sie hängen von Bevölkerungs- wie Wirtschaftswachstum ab: Die große Krise des vergangenen Jahres brachte eine unerwartete Minderung des globalen Ausstoßes von Kohlendioxid. Der Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix sowie auch ein deutlich effizienterer Umgang mit Energie – zum Beispiel durch Gebäude mit besserer Wärmedämmung – können dagegen direkt durch staatliche Förderung beeinflusst werden.

Noch einen Vorteil hätte der Strategiewechsel - einzelne Staaten könnten leichter vorangehen: Weltweite Emissionssenkungen oder auch das geplante globale Handelssystem mit Kohlendioxid-Zertifikaten dagegen lassen sich kaum durchsetzen bzw. organisieren, wenn wichtige Länder nicht daran teilnehmen. Länder, die nicht mitmachen, haben einen Vorteil - Waren ohne Kohlendioxid-Aufschläge aus dem Emissionshandel beispielsweise sind billiger als Waren mit diesem Aufschlag. Hingegen würde Beschleunigung bei der Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Wasser, Geothermie, Wellen und organischen Abfällen Arbeitsplätze schaffen und damit den  jeweiligen Volkswirtschaften nützen.

Einige dieser Energiearten, wie die Solarenergie, sind zurzeit noch teurer als der jetzige Energiemix. Aber die rasche Entwicklung bei der Solarenergie, besonders der Photovoltaik, wird zu fallenden Preisen bei größeren Produktionsmengen führen, während die Preise fossiler Energien steigen werden. In den nächsten zehn bis 20 Jahren wird Energie aus Kohle, Öl und Gas daher teurer sein als die aus erneuerbaren Quellen. Weitere Fortschritte sind absehbar, Energiespeichersysteme werden verstärkt eingesetzt - und die Länder, die sich besonders früh in diesen Techniken engagieren, gewinnen einen wichtigen Vorsprung.

Wir brauchen ein Klimaziel, das in allen Ländern der Erde Anklang findet - der Ausbau von Ökoenerigen wäre eines

Die Messe Intersolar, die vom 9. bis 11. Juni in München stattfand, ist die weltgrößte Messe der solaren Technologien und bereits etwa halb so groß wie die Frühjahrsmesse Hannover. Das zeigt, wie wichtig diese Technologien für Innovationen und Jobs bereits geworden sind. Vor kurzem fand in Berlin eine Konferenz des Auswärtigen Amtes und des Entwicklungshilfeministeriums mit Vertretern der lateinamerikanischen Länder statt. Es zeigte sich, dass Länder wie Ecuador, Peru, aber der Inselstaat St. Lucia, sehr begierig sind, bei erneuerbaren Energien, sowie der Erhöhung der Effizienz zu lernen.

Auch der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen hat sein neues Gutachten unter das Thema gestellt: Hundert Prozent emeuerbare Stromversorgung bis 2050 – klimaverträglich, sicher, bezahlbar. Er führt die wirtschaftlichen Konsequenzen verstärkter Forschungsförderung im Detail aus und macht deutlich, dass Deutschland langfristig erhebliche Vorteile dadurch haben wird.

Daher sollten wir uns bald zur Neujustierung unserer Klimaziele entschließen. Nicht der Abbau von Emissionen sollte das primäre Ziel der Politik sein, sondern die Umstellung unseres Energiesystems: den Anteil erneuerbarer Enerqien rasch zu erhöhen, bis hin zu hundert Prozent, Land für Land. Jahrelang haben sich die Regierungen verkämpft in Verhandlungen über den Abbau von Emissionen. Nun sollte es ein Ziel sein, dass in allen Ländern der Erde Anklang findet. Es ist selbst dann attraktiv, wenn ein Land die Details der Ergebnisse der Klimaforschung immer noch in Frage stellen sollte. Es löst das große globale Problem der Energieversorgung, und dieses Problem hat bisher noch niemand bestritten.

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Eicke R. Weber, 60, ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Es ist das größte Solarforschungsinstitut Europas

 

 

Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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