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Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!

Der weltweite Klimaschutz tritt auf der Stelle. Schon bald werden sich Wissenschaft und Politik eingestehen müssen, dass das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius nicht mehr zu erreichen ist. Die Europäische Union (EU), aber auch Umweltverbände und Wissenschaftler, sollten sich langsam Gedanken machen über eine neue klimapolitische Zielmarke.

Ein Beitrag zur Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Oliver Geden, Experte für EU-Energie- und Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

Das 2-Grad-Celsius-Ziel ist einer der zentralen Bezugspunkte in der internationalen Klimadebatte. Ein entsprechender Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gilt als Grenze, bei deren Überschreiten die Folgen des Klimawandels wahrscheinlich ein bedrohliches Ausmaß annehmen würden. Bemerkenswert ist dabei, dass Klimapolitiker stets darauf verweisen, es handele sich um ein von "der Wissenschaft" vorgegebenes Ziel – während Klimaforschern durchaus bewusst ist, dass das 2-Grad-Ziel genuin politischer Natur ist.

Zwar liefert die naturwissenschaftliche Klimaforschung durchaus Belege dafür, dass die Orientierung an einer Schranke von zwei Grad Celsius sinnvoll wäre. Aktiv treten dafür jedoch nur Teile der sogenannten Scientific Community ein – in Deutschland etwa der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Und – anders als häufig angenommen findet sich im 4. Sachstandsbericht des IPCC kein explizites Plädoyer für diese prominente Zielmarke.

2grad_timetoleadAnlässlich des Klimagipfels 2008 in Poznan starteten Umweltschützer eine Kampagne, um die EU zu mehr Engagement fürs Zwei-Grad-Ziel zu bewegen. Erfolglos (Foto: Friends of the Earth)

Nicht die Klimaforschung hat die "2 Grad" durchgesetzt, sondern in erster Linie die EU. Die europäischen Umweltminister treten schon seit 1996 für dieses Ziel ein. 2007 wurde es von den 27 Staats- und Regierungschefs gar in den Mittelpunkt der ersten EU-Energiestrategie gerückt, als „strategisches Ziel“, dessen konsequente Verfolgung langfristig nicht nur zu einer nachhaltigen, sondern auch sicheren und wettbewerbsfähigen Energieversorgung in Europa führen werde. In den Monaten vor dem Kopenhagener Klimagipfel im Dezember 2009 gelang es der EU, alle relevanten Verhandlungspartner auf das 2-Grad-Ziel einzuschwören, selbst die USA und China. In Kopenhagen fand die Formel schließlich erstmals Anerkennung auf UN-Ebene.

Das 2-Grad-Ziel ist keine wissenschaftlich felsenfeste Marke, sondern ein politisch formuliertes Ziel

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wissenschaftliche Konstrukte wie die "globale Durchschnittstemperatur" oder auch einfach zu kommunizierende Ziele wie die "2 Grad" sind im politischen Tagesgeschäft zweifellos nützlich. Doch wäre es nur redlich, die damit verbundenen Unsicherheiten auch offenzulegen. Denn mit den derzeitigen Klimamodellen lässt sich nur näherungsweise abschätzen, bei welcher atmosphärischen Konzentration von Treibhausgasen welches Maß von Erderwärmung zu erwarten ist.

Das 2-Grad-Ziel ist zunächst einmal nur ein Symbol für die Orientierung an einer relativ ambitionierten, aber immer noch realistischen globalen Klimaschutzagenda. In wissenschaftlicher Hinsicht ist das Ziel aber auch Fixpunkt für weitergehende Rechenoperationen, insbesondere zur Ermittlung des "Emissionsbudgets" von Treibhausgasen, das der Welt, oder besser gesagt den einzelnen Ländern künftig noch bleibe. Genau diese Doppelstruktur wird der prominenten Zielmarke jedoch zum Verhängnis werden und dürfte letztlich zu seiner Ablösung führen.

Wäre das 2-Grad-Ziel nur ein politisches Symbol wie andere auch, würden (Klima-)Politiker es noch jahrzehntelang als Forderung aufrecht erhalten können, ganz gleich, wie sich die globalen Emissionspfade weiter entwickeln. Das Ziel wäre aus Sicht der Befürworter nicht mehr als eine Deklaration der eigenen Ambitionen, vergleichbar mit dem 0,7-Prozent-Ziel in der Entwicklungshilfe. Dieses wurde schon 1970 erstmals auf UN-Ebene beschlossen und seither mehrfach bestätigt, aber von den Industriestaaten nie erreicht. Mit dem 2-Grad-Ziel aber wird – anders als in der Entwicklungshilfe – keine relative Zielmarke gesetzt, sondern eine absolute Obergrenze. Bei ihr können sich die großen Verschmutzerländer nicht der Illusion hingeben, sie sei irgendwann später und durch irgendeine gemeinsame Kraftanstrengung doch noch zu bewerkstelligen. Die Logik von aus dem 2-Grad-Ziel abgeleiteten Klimabudgets gebietet, dass der globale Emissionshöhepunkt zwischen 2015 und 2021 erreicht sein muss – und der Ausstoß von Klimagasen danach stark zu sinken hat. Ob dies jedoch realistisch ist, wird sich schon in wenigen Jahren abschätzen lassen.

Die Einsicht in das Scheitern der bisherigen Klimadiplomatie wird eine neue Zielmarke notwendig machen

Schon bald wird die Wissenschaft wohl konstatieren müssen, dass die 2-Grad-Grenze nicht mehr eingehalten werden kann – und dies wird zu einem Perspektivenwechsel in der Klimapolitik führen. Denn im Feld der professionalisierten Politik ist es undenkbar, offensichtlich unerreichbare Ziele anzustreben. Andererseits wird es unmöglich sein, das Klima wieder von der politischen Agenda zu nehmen. Sobald die Wissenschaft feststellt, dass das 2-Grad-Ziel außer Reichweite ist, wird also ein neues Ziel formuliert werden müssen. Diese Aussicht mag der Klimawissenschaft und auch umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen nicht gefallen – sie müssen sich trotzdem frühzeitig mit solch einem Szenario auseinandersetzen.

Zugegeben, derzeit ist eine Abkehr vom 2-Grad-Ziel für die EU undenkbar. Denn Klimapolitik dient aus ihrer Sicht nicht ausschließlich der Problemlösung, sondern auch der Selbstaufwertung. Das Ziel ist nicht nur eine Orientierungsmarke für klimapolitische Instrumente, sondern auch ein Symbol, mit dem die EU zeigen will, dass sie für eine progressive und verantwortungsvolle Politik steht.

Ihre Reputation als globale Klima-Vorreiterin wird die EU sicherlich bewahren wollen. Sie muss deshalb einen klaren Bruch mit ihrer bisherigen klimapolitischen Linie vermeiden. Sie wird wohl nicht aktiv auf eine Ablösung des 2-Grad-Ziels drängen, sondern sich erst dann auf eine Neuformulierung einlassen, wenn der wissenschaftliche Konsens über die Nicht-Erreichbarkeit der 2-Grad-Marke stabil ist – und die Verantwortung für das Scheitern anderen Industrie- und Schwellenländern angelastet werden kann.

Das neue Klimaziel darf nicht einfach "2,5 Grad" heißen, es braucht eine neue Kategorie

Klar ist: Die neue Zielmarke darf nicht wesentlich weniger ambitioniert ausfallen als die aufgegebene – nicht nur wegen der prognostizierten Klimawandelfolgen, sondern auch aus politisch-kommunikativen Gründen. Sollte die EU versuchen, das 2-Grad-Ziel lediglich in ein 2,5-Grad-Ziel zu transformieren, sähe sie sich wohl dem breiten Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt. Kommunikationsstrategisch näher läge es daher für die EU, in einem ersten Schritt die Zielkategorie selbst zu wechseln, bevor im zweiten Schritt der Zielwert de facto angehoben wird. Möglich wäre etwa die Rückkehr zur Zielkategorie der atmosphärischen Konzentration verschiedener Treibhausgase, aggregiert über Kohlendioxid-Äquivalente (CO2). Zwar wäre eine Erhöhung des klimapolitisch angestrebten Limits von zwei Grad (entspricht nach heutigem Stand der Forschung ca. 450 ppm CO2-Äquivalenten) auf 500 ppm CO2-Äquivalenten (entspricht ca. 2,5 Grad) für die Fachwelt immer noch als Erhöhung des Zielwerts um etwa 0,5 Grad dekodierbar. Einer breiteren Öffentlichkeit jedoch würde sich dies nicht so unmittelbar erschließen.

Doch auch beim Wechsel auf eine andere Zielkategorie wäre ein Plädoyer für (oder das Einlassen auf) eine faktische Abschwächung des globalen Klimaziels für die EU nur dann ohne Reputationsverlust möglich, wenn das Erreichen des 2-Grad-Ziels nicht offensichtlich an ihr selbst gescheitert ist. Glaubwürdig kann die Union dies nur behaupten, wenn sie die Abkehr vom 2-Grad-Ziel nicht dazu nutzt, Abstriche an ihren bisherigen unilateralen Selbstverpflichtungen vorzunehmen. Zwar ist bislang nur eine 20-prozentige Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2020 (gegenüber 1990) verbindlich festgeschrieben. Doch die europäischen Umweltminister haben bereits mehrfach deutlich gemacht, dass die EU die Industrieländer in internationalen Klimaverhandlungen darauf verpflichten will, ihre Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken. Diesen Korridor wird die EU nicht verlassen können, wenn sie ihre Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik aufrecht erhalten will.

Es lässt sich nicht im Detail vorhersagen, in welche Richtung sich die Debatte um ein neues Globalziel bewegen könnte. Als einer der wichtigsten und glaubwürdigsten Akteure in der internationalen Klimapolitik hat die EU jedoch die Möglichkeit, die Ausgestaltung eines Post-2-Grad-Ziels entscheidend zu beeinflussen. Je früher man sich in Europa mit dieser Option befasst, desto größer ist die Chance, dass ein neuer internationaler Zielkonsens nicht nur den kurzfristigen politischen Interessen der EU gerecht wird, sondern auch der Herausforderung einer angemessenen Risikovorsorge gegenüber den prognostizierten Klimawandelfolgen.

geden_sw_kleinOliver Geden, 39, ist Experte für die EU-Energie- und Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die Bundestag und -regierung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen berät. Der Text basiert auf dem SWP-Arbeitspapier „Abkehr vom 2-Grad-Ziel. Skizze einer klimapolitischen Akzentverschiebung“

 

Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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