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Die Lebenslüge der deutschen Politik

UN-Generalsekretär Guterres hat zum Jahreswechsel Klartext geredet und "Alarmstufe Rot für unsere Welt" ausgerufen. Deutsche Spitzenpolitiker hingegen verdrängen nach wie vor die großen globalen Probleme.

Ein Standpunkt von Franz Alt

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An diesem Wochenende beginnen die Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD für eine neue große Koalition. Die jüngsten Äußerungen von Spitzenpolitikern beider Parteien lassen wenig Gutes erwarten. Nach wie vor werden die großen globalen Probleme verdrängt, als gelte es, die Wähler einzulullen.

Das gilt für die die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin ebenso wie für die die Behauptung von Sigmar Gabriel, wonach sich die SPD in der Vergangenheit zu sehr um Umweltschutz statt um Arbeitsplätze gekümmert habe. Dabei ist die Arbeitslosenstatistik besser als je zuvor seit 1990, aber der Umwelt geht es schlechter als je zuvor.

In dieser Situation redet wenigstens noch der UN-Chef Antonio Guterres Klartext. Wörtlich sagte er: "Ich rufe Alarmstufe Rot für unsere Welt aus."

Nach den peinlichen Beruhigungspillen von Merkel und Gabriel stellt sich die Frage: "Wie kann es Deutschland gut gehen, wenn es dem Planeten so schlecht geht?"

Guterres erinnert an die "Rückkehr zur Angst vor einem Atomkrieg", an den Klimawandel, an die "wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich", an "zunehmenden Nationalismus" und an "Fremdenfeindlichkeit".

Der UN-Chef ist weit näher an den Problemen unserer Zeit als die verantwortungslosen deutschen Verniedlicher und Harmonisierer. Das Artensterben nimmt in Deutschland wie auch global dramatische Ausmaße an, an den Polen schmilzt das Eis dreimal schneller, als es Gletscherforscher noch vor zehn Jahren für möglich hielten, die Permafrostböden tauen auf, Stürme werden stärker, die Klimaerhitzung immer dramatischer und die Weltbevölkerung wird bis zum Ende unseres Jahrhunderts wahrscheinlich von heute 7,6 Milliarden Menschen auf zehn Milliarden wachsen.

Der Club of Rome konstatiert, dass alle wichtigen Trends noch immer in die falsche Richtung laufen. Alle wesenlichen Entwicklungen bestätigen den Befund "Alarmstufe Rot" des UN-Chefs und widersprechen den Märchen der deutschen Schlafmützen-Politiker.

70 Prozent der hiesigen Bevölkerung wollen weniger Plastikmüll, 95 Prozent mehr erneuerbare Energie, drei Viertel bessere Kennzeichnung der Lebensmittel und weniger Gift wie Glyphosat auf dem Acker.

Aber was macht die Politik in all diesen Fragen? Sie verpennt jeden Fortschritt, obwohl ihn ihre Wählerinnen und Wähler wollen.

Wieso wundern wir uns dann noch über Politik- und Parteien-Verdrossenheit, wenn sich im Schatten von großen Koalitionen der große Schlaf ausbreitet?

Wer will sich schon von Feiglingen und Schlafmützen regieren lassen? Den Wählern darf man nichts zumuten, man muss sie einschläfern? Das ist die große Lebenslüge der deutschen Politik am Beginn des neuen Jahres.

BildVerzerrt sieht das Kanzleramt auf dieser Aufnahme aus. Mit dem Blick deutscher Spitzenpolitiker auf die großen globalen Probleme ist es ähnlich, kritisiert Franz Alt. (Foto: Andreas Neufahrt/​Flickr)

Franz Alt ist Buchautor und Fernsehmoderator

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