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"Es gibt keinen, der das besser macht"

Ein Projekt zum Jahrhundertthema Klima? Sympathisch, aber eigentlich zum Scheitern verurteilt – sollte man meinen. Stimmt aber nicht.  Das Online-Magazin klimaretter.info ist ein journalistisches Vorzeigemodell, bei dem der Zeitgeist an die Tür klopft.

Eine Laudatio von Manfred Kriener

BildEs ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, dass das Internetportal klimaretter.info gegründet wurde. 2007 war das. Es war ein guter Jahrgang fürs Klima. Der Weltklimarat IPCC hatte einen neuen Report vorgelegt. Kanzlerin Merkel erklärte die Klimaveränderung zur größten Herausforderung der Menschheit. Und der Winter war so mild, dass man in den Wäldern um Berlin im Januar schöne Rotfußröhrlinge einsammeln konnte.

Das war das Gründungsjahr. 2007. Dennoch: In der Umwelt- und Klimaszene glaubte kaum jemand, dass dieses neue Internetportal mehr sein würde als einer der unzähligen, zwar sympathischen, aber letztlich doch zum Scheitern verurteilten Versuche, ein neues Projekt zum Jahrhundertthema Klima auf die Beine zu stellen. Geschätzte Halbwertszeit: ein bis zwei Jahre, maximal. Aber: Wir haben uns alle getäuscht.

Klimaretter.info gibt es immer noch. Klimaretter.info hängt auch nicht am Tropf, wie viele andere Umweltprojekte. Im Gegenteil: Das Onlinemagazin ist quicklebendig. Kontinuität statt Koma! Professionalität und Qualitätsjournalismus für Multiplikatoren statt Brummkreiseln im grünen Ghetto. Und: Die Klimaretter haben sich immer weiterentwickelt. Das Gründerduo Nick Reimer und Toralf Staud hat an eine neue, inzwischen auf zehn Köpfe angewachsene Redaktion übergeben. Die Klickzahlen wachsen, der Einfluss wächst.

  • 100.000 Seitenaufrufe im Monat
  • 50.000 Visits – also Besucher, die nicht nur klicken und gucken, sondern auch lesen
  • 30.000 Dauernutzer

Mit dem Erfolg wächst auch die Motivation. Bei meinem Besuch in den Redaktionsräumen in der Berliner Friedrichstraße spürte ich vor allem eines: Zuversicht. Und auch ein wenig Stolz. "Wir machen unser Ding, wir sind auf gutem Weg." Der schönste Satz, den ich bei meinem Besuch gehört habe, hieß: "Der Zeitgeist kommt zu uns!" Das habe ich lange nicht gehört bei Umwelt- und Klimaprojekten: Der Zeitgeist ist auf dem Weg zu uns, er steckt die Nase immer öfter bei uns zur Türe rein. Er ist neugierig auf uns. Er ist ein guter Kumpel.

Und das Beste daran: Da ist weit und breit kein Verlag mit dickem Geldbeutel, der das Ganze finanziert und der bei Nichtgefallen das Projekt auch schnell mal wieder einstampfen könnte. Klimaretter.info, das ist aber auch kein Crowdfunding-Journalismus mit der modernen Form der Online-Bettelei. Und selbst von den Stiftungen gibt es keinen regelmäßigen warmen Geldsegen, sondern nur nie und da eine bescheidene kleine Unterstützung.

Nein, das Projekt trägt sich weitgehend selbst und finanziert sich selbst. Die Löhne sind zwar höchst überschaubar, aber die Finanzierung steht. Wo kommt dann das Geld her? Die Klimaretter bieten ihre Expertise anderen Medien und Projekten an, sie zapfen Töpfe an, sie sind gut vernetzt mit zahlreichen Kooperationspartnern, sie haben ambitionierte Herausgeber, die sie unterstützen. Und: Ihre eigenen Werbeeinnahmen steigen.

Noch ein Wort zu den Herausgebern. Letzten Montag habe ich einen von ihnen bei einer Tagung in Potsdam getroffen: Professor Hartmut Graßl, den bekannten Klimawissenschaftler. In der Kaffeepause habe ich ihn natürlich gefragt, was er denn so von seinen Klimarettern halte. Die Antwort kam ganz schnell. Die hätten viel geleistet, hat er gesagt. Aber ihre größte Leistung sei es natürlich gewesen, dass sie einen Mann in seinem Alter noch zum Blogger gemacht hätten. Die Klimaretter können also auch ältere, analog gepolte Wissenschaftler digitalisieren und modernisieren.

Jetzt tagt wieder der große Klimagipfel. Diesmal in Bonn. Da werden dann alle Redaktionsmitglieder ausschwärmen, um auch diese Konferenz von ihrer Klimaretter-WG aus bis zum vermutlich bitteren Ende zu begleiten. Es gibt niemanden, der das besser macht. Ohne Alarmismus und Katastrophengeschrei. Ohne ständig auf die Klickzahlen zu schielen.

Aber auch ohne krampfhafte Versuche, auf die Positivismus-Welle der Medien zu hüpfen und in diesem nervtötenden Konferenzmarathon das Gute zu suchen. Die Leser vor unbequemen Wahrheiten schützen – das gehört nicht zum Kerngeschäft dieses Online-Magazins. "Wir wollen einfach seriösen Qualitätsjournalismus machen", sagen sie. Und das machen sie dann auch.

Klimaretter.info ist dabei nie langweilig. Dafür sorgen die vielen verschiedenen Themen. Das Sujet ist mindestens so breit wie das Nildelta. Ernährung, Verkehr, Energie, Landwirtschaft, Katastrophen, Trump, Klimaflüchtlinge, Kohleausstieg, Entwaldung, Fracking, Emissionshandel, Biodiversität, Wachstum, Wohlstand. Unser aller wahnwitziger Klimaalltag. Es gibt reichlich zu tun.

Auf der Klimaretter-Seite stehen jeden Tag vier bis fünf neue Geschichten, übriges auch am Wochenende. Dazu werden Twitter und Facebook bespielt. Die neuen sozialen Medien ziehen mit den Links die Leserinnen und Leser auf die Homepage. Dort ist die Berichterstattung frei zugänglich. Keine Bezahlschranken. Auch nicht für die längeren Hintergrund-Stücke und Dossiers.

Klimaretter.info ist aber mehr als nur ein Klimaprojekt. Es ist auch ein journalistisches Vorzeige-Modell. Wie ist heute außerhalb der Konkursmasse der untergehenden alten Medien unabhängiger Journalismus überhaupt noch möglich? Wie könnte er aussehen? Das Internet-Portal ist ein spannendes Experiment für neue Formen des Journalismus.

Natürlich stand das Projekt schon einige Mal auf der Kippe. Es gab Krisen. Wie könnte es anders sein? Aber: Es gab und gibt vor allem eine bewundernswerte Kontinuität und Beharrlichkeit. Mit dieser Kontinuität sind die Expertise und die Themensicherheit gewachsen. Bei vielen Themen gibt es keine Alternative zur Berichterstattung der Klimaretter. Warum? Weil sie schlicht die einzigen sind, die berichten.

Ich habe bei meinem Besuch eine ziemlich dumme Frage gestellt. Eine Frage, die Journalisten gern stellen: Was war euer größter Coup? Und gleich noch mal: Mit welchem Thema habt ihr die Medienlandschaft mal so richtig aufgemischt? Da haben sie mich fragend angesehen. Sie sind nicht auf den großen Coup aus, nicht auf spektakuläre Enthüllungen.

Zum Beispiel: Die Kanzlerin beheizt ihre mecklenburgische Datsche mit Braunkohle-Briketts. Oder: Klimapapst Schellnhuber fährt heimlich einen roten Maserati!

Nein, ihr Ding sind nicht die Skandale, weil sie sich um den einen großen Dauerskandal kümmern müssen: Wie wir unsere kleine blaue Murmel in den Schwitzkasten nehmen und sie jeden Tag ein bisschen mehr zugrunde richten. Eine neue Studie zum Methanausstoß, der Klimaschutz in den "Jamaika"-Verhandlungen, die weitere Befreiung des Luftverkehrs vom Emissionshandel, das Protest-Camp gegen Braunkohle, das die Polizei verhindern will – das alles waren Meldungen der Klimaretter aus den letzten Tagen. Nicht spektakulär, aber vieles davon exklusiv.

Der eigentliche Coup von klimaretter.info, das ist die Beharrlichkeit auf professionellem Niveau.

Ich möchte nun mit einem Zitat aus der Begründung der Jury schließen. Dort heißt es: "Klimaretter.info beleuchtet das Milleniumsthema 'Klima- und Energiewende' nun schon seit fast zehn Jahren. Die Bandbreite der Themen reicht von politischen Hintergrundberichten über Aktuelles aus der Forschung bis hin zu praktischen Energiespartipps oder meinungsfreudigen Kolumnen und Kommentaren. Fachleute und Normalleser gleichermaßen schätzen die gut recherchierten Beiträge dieses übersichtlich gestalteten Online-Magazins. In Zeiten von Fake News und Lügenpresse-Vorwürfen sind Journalisten, Redakteure und Herausgeber wie die von klimaretter.info noch unverzichtbarer geworden." Zitat Ende!

Ich füge hinzu: Macht weiter. Ihr seid großartig. Und wir sind stolz auf euch.

BildLaudator Manfred Kriener (2. v. r.) mit den Redakteuren Joachim Wille, Verena Kern und Benjamin von Brackel. (Foto: Hubert Bösl/​Neumarkter Lammsbräu, Porträt Manfred Kriener: privat)

Manfred Kriener schreibt seit 1975 als Journalist vor allem über Umwelt, Klima und Natur. Er ist Mitbegründer und langjähriger Umweltredakteur der Tageszeitung taz und war Chefredakteur der Umweltzeitschrift Zeo2 und des Slow Food-Magazins.

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