Anzeige

Ökostrom braucht keinen Kostendeckel

Die EEG-Umlage und die tatsächlichen Kosten bei neuen EEG-Anlagen entwickeln sich komplett entgegengesetzt. Wer die Kosteneffizienz des Ökostrom-Ausbaus beurteilen will, darf deshalb die EEG-Umlage nicht zurate ziehen.

Ein Standpunkt von Uwe Nestle

BildIn den letzten vier Jahren hat die Bundesregierung zwei Grundpfeiler der bisherigen Ökostrompolitik ausgetauscht: Sie hat die Mindestausbauziele durch einen Ausbaudeckel ersetzt, und die erfolgreiche Einspeiseregelung, bei der die Höhe der Vergütung von Ökostrom durch den Bundestag festgelegt wurde, musste einem Ausschreibungssystem weichen. Die offizielle Begründung dafür war die Senkung der Kosten. Nach vier Jahren kann eine erste Bilanz gezogen werden: Wurde das Ziel erreicht? War der drastische Politikwechsel notwendig?

Geht es um die Kosten der Energiewende, wird in der Regel auf die EEG-Umlage verwiesen. Diese gibt allerdings keinerlei Hinweise auf die Kosten des aktuellen Ökostromausbaus und die Veränderungen gegenüber den Vorjahren. Dazu wird die EEG-Umlage zu stark von zahlreichen Faktoren beeinflusst, die mit dem aktuellen Ausbau nichts zu tun haben.

Sinnvoll ist es vielmehr, die durchschnittlichen Vergütungen und Kosten ausschließlich neuer Ökostromanlagen auszuwerten. Dies ist mit den EEG-Jahrgangsvergütungen und den EEG-Jahrgangsumlagen möglich. Erstere geben die durchschnittlichen Vergütungen aller Ökostromanlagen eines EEG-Jahrgangs an, also aller EEG-Anlagen, die in einem Kalenderjahr ans Netz gegangen sind.

Die EEG-Jahrgangsumlagen wiederum spiegeln die Beiträge eines EEG-Jahrgangs zur EEG-Umlage wieder. Sind die Indikatoren niedrig, ist das EEG kosteneffizient. Fallen sie, hat die Politik einen guten Job gemacht.

Bis 2010 ist die EEG-Jahrgangsvergütung stark gestiegen und lag 2010 mit mehr als 25 Cent je Kilowattstunde extrem hoch. Zum Vergleich: Neue fossile Kraftwerke erzeugen Strom für sieben bis zwölf Cent je Kilowattstunde.

Novelle des EEG wäre 2014 nicht notwendig gewesen

Allerdings fielen die Vergütungen neuer EEG-Anlagen bis 2013 bereits um über die Hälfte – auf gut zwölf Cent je Kilowattstunde. Im Jahr 2014 setzte sich die Bundesregierung dann das Ziel, diesen Wert auf maximal zwölf Cent zu senken – das heißt: Im selben Jahr, und damit bevor die damalige EEG-Novelle wirken konnte, wurde der Wert bereits unterschritten.

BildDie schwarze Kurve zeigt die reale durchschnittliche Vergütung für neu ans Netz gegangene EEG-Anlagen (EEG-Jahrgangsvergütung) von 2001 bis 2016 mit einer Schätzung bis 2018. Die rote Kurve ist die errechnete Kostenentwicklung, wenn die EEG-Politik so umgesetzt worden wäre wie eigentlich geplant. (Grafik: EnKliP)

Da aber dieser Sachverhalt weithin unbekannt blieb, wurden wegen der hohen EEG-Umlage die Deckelung des Ausbaus und die Umstellung auf ein Ausschreibungssystem beschlossen. Dabei war im alten EEG-System bereits die Kosteneffizienz des EEG verdoppelt worden. Zum Erreichen des offiziellen Kostenziels wäre eine Novelle des EEG somit nicht notwendig gewesen.

Hat nun die Deckelung des Ökostromausbaus die bereits hohe Kosteneffizienz des EEG weiter steigern können? Bei der Begrenzung der noch relativ teuren Offshore-Windenergie kann dies bejaht werden. Das wurde unabhängig von der Umstellung auf ein Ausschreibungssystem umgesetzt und zeigt bereits Wirkung.

Ausbauziele der Regierung verteuerten Ökostrom-Umlage

Dagegen wurden bei anderen Erneuerbaren-Technologien die durch den "Deckel" vorgegebenen Ausbauziele verfehlt. Den praktisch zum Erliegen gekommenen Zubau der ebenfalls teuren Biomasse und den sehr langsamen Ausbau der inzwischen günstigen Photovoltaik will die Bundesregierung inzwischen etwas beschleunigen. Doch der Ausbau des Billigmachers Windenergie an Land liegt seit 2014 weit über den Zielen der Bundesregierung. Der Ausbaudeckel wird hier erst nach Abschluss der Umstellung auf ein Ausschreibungssystem wirken, also ab 2019.

Der schnelle Ausbau wurde regelmäßig insbesondere von der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kritisiert – mit Hinweis auf die vermeintlich zu hohen Kosten. Dabei bedeutet ein schneller Ausbau der günstigen Windenergie an Land und ein langsamerer der teuren Biogasanlagen nichts anderes als – mehr Kosteneffizienz.

Der tatsächliche Ausbau beim Ökostrom war damit spürbar kosteneffizienter als der Ausbau, den die Bundesregierung eigentlich anpeilte. Und nur durch diese Zielverfehlung beim Ausbau wurde das Kostenziel bei der durchschnittlichen Vergütung von unter zwölf Cent je Kilowattstunde erreicht – trotz der EEG-Novellen.

Denn werden die ursprünglichen Ausbaudeckel künftig tatsächlich erreicht, was nach der Umstellung auf ein Ausschreibungssystem als gesichert gelten kann, wird die Kosteneffizienz wieder etwas schlechter. Das ist allerdings unbedenklich, weil sie im Vergleich zu den Jahren um 2010 in jedem Fall sehr gut bleibt.

Deckel bremsen Klimaschutz

Der vermeintlich zu schnelle Ökostromausbau der letzten Jahre kostet die Verbraucher dabei praktisch nichts. Tendenziell steigt zwar die EEG-Umlage schneller, wenn mehr neue Ökostromanlagen hinzukommen. Die im Vergleich zu den Plänen der Bundesregierung höhere Kosteneffizienz gleicht dies aber fast vollständig aus. Insgesamt wird die EEG-Umlage im Jahr 2018 aufgrund des angeblich "zu schnellen Ausbaus" um nur 0,15 Cent je Kilowattstunde höher liegen, als wenn die geringeren Ausbauziele der Bundesregierung seit 2014 wirklich erreicht worden wären.

Allein die "zu viel" gebauten Ökostromanlagen erzeugen aber gut zwei Prozent zusätzlichen Ökostrom und sparen dadurch rund ein Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen ein. Fängt der Ausbaudeckel beim Ökostrom also in den kommenden Jahren an zu wirken, wird es nicht billiger. Aber es gibt weniger Ökostrom und weniger Klimaschutz.

Fazit: Bereits zwischen 2010 und 2013 hat sich die Kosteneffizienz des EEG massiv verbessert. Aus dieser Sicht wäre keine Deckelung des Ausbaus notwendig gewesen. Dass in der zu Ende gehenden Legislaturperiode deutlich mehr Ökostromanlagen hinzugebaut wurden als von der Regierung beschlossen, führte zu mehr Kosteneffizienz und hat nur marginale Auswirkungen auf die Zahlungen der Verbraucher.

Diese "Zielverfehlung" bei der Begrenzung des Ökostromausbaus hat die Klimabilanz Deutschlands allerdings spürbar verbessert. Die zunehmende Erdüberhitzung und die internationalen Verpflichtungen Deutschlands zum Klimaschutz machen dabei die Aufhebung der Deckelung des Ökostromausbaus notwendig. Zumindest bei den kostengünstigen Technologien – Wind an Land und Photovoltaik – sprechen Kostengründe nicht dagegen.

BildDer starke Offshore-Ausbau gerade im Jahr 2015 hat die Energiewende zeitweise verteuert. (Foto: EnBW)

Der Umweltingenieur Uwe Nestle gründete und leitet die Politikberatung für Energie- und Klimapolitik Enklip in Kiel. Zwischen 2001 und 2010 war er im Bundesumweltministerium für energiepolitische Fragen zuständig

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen