Grenzwertiger Angriff auf Grenzwerte

Wer wie AfD und FDP die Grenzwerte für Stickoxide infrage stellt, greift nicht nur betrügerischen Autokonzernen unter die Arme, sondern opfert diesen auch die Interessen der Schwachen in unserer Gesellschaft. Die Menschen haben ein Recht auf saubere Luft.

Ein Standpunkt von Katrin Göring-Eckardt

BildAfD und FDP zweifeln die Berechtigung der Grenzwerte für Stickoxide für unsere Städte an und behaupten, dass am Arbeitsplatz viel höhere Grenzwerte gelten. Ihre Forderung nach einer Aufweichung der Grenzwerte macht mich fassungslos. Sind wir wirklich so weit, dass wir den Schutz der Schwachen in unserer Gesellschaft, den Schutz unserer Kinder, von Schwangeren und Kranken dem betrügerischen Profitstreben der Autobosse opfern?

Ich bin entsetzt über FDP-Chef Christian Lindner, der wie die Westerwelle-FDP schamlos auf das Recht des Stärkeren setzt und seit letzter Woche die bestehenden Grenzwerte anzweifelt, nur um den betrügerischen Autokonzernen unter die Arme zu greifen.

Dieser Rückfall macht eins immer deutlicher: Auch unter Lindner bleibt die Mövenpick-FDP die Klientelpartei von Unternehmen, die nur das Bankkonto der Manager im Blick hat, aber nicht das Wohl der Gesellschaft und der Mitarbeiter in der Autoindustrie.

Wir reden immerhin über das Reizgas NO2, das in die Lunge gelangt und zur Säurebildung beiträgt. Entsprechend seiner Konzentration kann es zu Atemnot, Husten, Bronchitis, zu steigender Anfälligkeit für Atemwegsinfekte bis hin zu einer Minderung der Lungenfunktion führen. In der Umwelt vorkommende Stickstoffdioxid-Konzentrationen sind auch für die drei bis zehn Millionen Asthmatiker in Deutschland ein Problem, da sich eine Bronchienverengung einstellen kann.

Blickt man auf die Tatsachen, ist der Vorstoß von AfD und FDP schnell entlarvt. Der höhere Grenzwert, der ständig gemessen werden muss und nur maximal zweimal pro Schicht kurzfristig am Arbeitsplatz überschritten werden darf, bezieht sich gerade nicht auf Büros, wie von Christian Lindner und Alice Weidel behauptet wird, sondern auf besondere Industriearbeitsplätze wie an Hochöfen.

Schlimm genug, dass Herr Lindner dies als Landespolitiker aus dem Industrieland Nordrhein-Westfalen nicht weiß. Aber zumindest der Unterschied zwischen einem Jahresmittelwert – dem also über das Mittel von 24 Stunden an 365 Tagen – und einem Wert für die maximal zulässige Konzentration in einer Arbeitsschicht an maximal fünf Tagen die Woche sollte ihm auch ohne Fachwissen auffallen.

Kinder reagieren viel empfindlicher auf Schadstoffe

FDP und AfD riskieren mit ihren Nebelkerzen für die Autolobby besonders die Gesundheit der Schwächsten unserer Gesellschaft – unserer Kinder. Sie sind in ihrer Entwicklung gegenüber Schadstoffen besonders gefährdet. Die Folge: Die Lungenfunktion kann sich nicht richtig entwickeln, sie bleibt eingeschränkt. Jeder Vater, jede Mutter weiß, dass bei Kindern zum Beispiel die Medikamentengabe deutlich unter der von Erwachsenen liegt, weil Kinder wesentlich empfindlicher reagieren als diese.

Eins ist klar: Gerade an belasteten Straßen leben Familien mit Kindern – den ganzen Tag. Es gibt Schulen und Kindergärten. Stickoxide machen nicht vor den Fenstern halt. Das scheint Herrn Lindner und Frau Weidel allerdings egal zu sein. Bei ihnen heißt es: PS und Autolobby vor das Wohl unserer Kinder und die Gesundheit.

Dabei ist Abgasreinigung kein Zauberwerk. Sie wird seit 2004 serienmäßig bei Lkw verwendet und ist eine relativ einfache, ausgereifte Technik. Nur wurde der benötigte Zusatztank bei Pkw unterdimensioniert eingebaut, um Kosten und Platz zu sparen. Deshalb wird die Technik schlicht und einfach ausgeschaltet.

All dies sollten wir uns vor Augen führen. Der Skandal ist, dass die Maximierung der Profite über die Gesundheit der Menschen gestellt wird. Ein Trauerspiel von FDP und AfD, deren Fake-News-Argumentation nur noch unterirdisch ist – aber auch von der Großen Koalition, die jahrelang die Interessen der Bürgerinnen und Bürger vergessen hat und deren Rechte nicht durchsetzt. Die Menschen haben ein Recht auf saubere Luft – sie brauchen keine gesundheitsgefährdende Dreckschleuder-Politik.

BildWer Grenzwerte für Luftschadstoffe infrage stellt, muss sich fragen lassen, für wen er Politik macht – und gegen wen. (Foto: Brigitte Hiss/​BMU; Porträtfoto Katrin Göring-Eckardt: Stephan Röhl/​HBS/​Wikimedia Commons)

Katrin Göring-Eckardt ist seit 2013 Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Die Thüringerin startete ihre politische Arbeit 1989 beim Demokratischen Aufbruch und war 1990 Gründungsmitglied von Demokratie Jetzt und Bündnis 90. 1998 wurde sie erstmals in den Bundestag gewählt. Seit 2007 ist Göring-Eckardt auch im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen