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Der blinde Fleck der Versicherungen

Die großen Versicherer warnen vor den immensen Schäden, die zunehmende Extremwetter infolge der Erderwärmung verursachen. Nach wie vor finanziert die Versicherungsbranche Kohleprojekte mit Anleihen. Zwar haben erste Versicherungsgesellschaften begonnen ihre klimaschädlichen Investitionen abzustoßen, doch noch immer versichern sie fossile Unternehmen.

Ein Standpunkt von Peter Bosshard

BildDie Münchener Rück warnte bereits um 1973 zum ersten Mal vor den Auswirkungen des Klimawandels. Als professionelle Risikomanager zählen Versicherungen seit vielen Jahrzehnten zu den führenden Stimmen in der internationalen Klimadebatte. Schlecht zu dieser Rolle passt, dass die gleichen Unternehmen bis heute klimazerstörende Kohlebergbau- und -kraftwerksprojekte versichern und finanzieren.

Schutz vor katastrophalen Risiken ist der Wesenszweck der Versicherungsbranche, und der Klimawandel konfrontiert uns weltweit mit den existenziellsten Gefahren. Versicherer haben ein Eigeninteresse an der Eindämmung des Klimawandels. Zunehmende Unwetter, Waldbrände und Überschwemmungen schlagen bereits heute negativ auf ihre Bilanz. Sollten die Durchschnittstemperaturen um mehr als zwei Grad ansteigen, würden Klimaschwankungen so chaotisch, dass große Teile des heutigen Marktes unversicherbar würden.

Mit ihren Klimarecherchen und mit vergünstigten Prämien für klimafreundliche Projekte engagieren sich Versicherungen bereits heute für den Klimaschutz. Doch ihr blinder Fleck bleibt die anhaltende Versicherung von Kohleprojekten.

Mit 43 Prozent aller CO2-Emissionen ist die Verbrennung von Kohle die wichtigste Ursache des Klimawandels. Dem internationalen Forschungsinstitut Climate Analytics zufolge können weltweit keine weiteren Kohlekraftwerke gebaut und müssen bestehende Werke frühzeitig stillgelegt werden, wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen.

Kein modernes Leben ohne Versicherungen

Die Versicherungsbranche spielt eine zentrale Rolle bei der Organisation unserer modernen Gesellschaft. Ohne Versicherungsschutz können wir kein Haus kaufen, kein Fahrzeug auf die Straße bringen. Versicherungen spielen aber auch beim Bau von Kohleprojekten eine Schlüsselrolle. Ohne die umfassende Deckung der natürlichen, technischen und rechtlichen Risiken könnten Kraftwerksfirmen solche Milliardenvorhaben nicht finanzieren.

Gemäß der Forschungsfirma Profundo sind elf von 15 führenden europäischen Versicherungen stark in der Risikodeckung von fossilen Brennstofffirmen engagiert. Dazu zählen auch die deutschen Unternehmen Allianz, Münchener Rück und Hannover Rück. Diese Rolle steht im Widerspruch zu den klimapolitischen Bekenntnissen dieser Firmen.

Ende April beschloss Axa, die größte Versicherung der Welt, keine Policen mehr an Kohlefirmen auszustellen. Axa begründete die Entscheidung mit der klimapolitischen Kohärenz, also dem Bestreben, das Unternehmenshandeln in Übereinstimmung mit den UN-Klimazielen zu bringen. Andere Großversicherer wie Allianz, Generali und Zurich haben den gleichen Schritt gegenüber Umweltorganisationen bisher abgelehnt. Ergo, eine Tochtergesellschaft der Münchener Rück, erklärt, keine Ölbohrungen in der Arktis zu versichern, schließt aber Kohlevorhaben bislang nicht aus.

Versicherungen decken nicht nur Risiken ab; sie zählen weltweit auch zu den wichtigsten institutionellen Anlegern. Laut Forschungsberichten von Profundo und Ceres haben 55 führende europäische und nordamerikanische Versicherer mindestens 590 Milliarden Dollar im fossilen Brennstoffbereich angelegt. US-Versicherer sind sogar stärker im fossilen Bereich engagiert als Index-Fonds.

Münchener und Hannover Rück sollen nachziehen

In einer rasch wachsenden Bewegung haben bisher mehr als 700 institutionelle Anleger ihr Kapital aus dem fossilen Brennstoffbereich abgezogen. Bislang haben acht Versicherungen – darunter die Großunternehmen Axa, Allianz, Aviva und Swiss Re – zumindest ihre Beteiligungen an Kohlefirmen abgestoßen.

Der Beschluss der Allianz, Beteiligungen und Anleihen an Kohlefirmen abzustoßen, ist erfreulich. Dass die Versicherung Firmen, in die sie nicht mehr investiert, weiterhin versichert, ist allerdings kein Ruhmesblatt der klimapolitischen Kohärenz und bedarf der Korrektur.

Die Münchener und die Hannover Rück haben bisher weder beim Anlagen- noch beim aktiven Versicherungsgeschäft Abstand vom Kohlesektor genommen. Das kratzt an der klimapolitischen Glaubwürdigkeit der beiden Firmen. Gegenüber der europäischen Konkurrenz haben sie Aufholbedarf.

Ein internationales Bündnis von Umweltorganisationen – darunter Urgewald in Deutschland – hat die weltweit führenden Versicherungen aufgerufen, keine Kohleprojekte mehr zu versichern, ihre Anlagen aus dem Kohlesektor abzuziehen und stattdessen stärker in saubere Energiequellen zu investieren. Im Herbst wollen die Organisationen für Kunden, Angestellte und Anleger eine Rangliste der klimapolitischen Glaubwürdigkeit in der Versicherungsbranche publizieren.

Nach dem Rückzug der US-Regierung vom Paris-Abkommen wird es umso wichtiger, dass private Unternehmen den Klimaschutz vorantreiben. Mit dem Ausstieg aus der Kohlewirtschaft können Versicherungen nicht nur ihr klimapolitisches Image pflegen. Sie kommen damit auch ihrem ureigenen Auftrag nach: uns vor den Risiken katastrophaler Ereignisse zu schützen.

BildDie Hybris der Versicherungsbranche: Einerseits Schutz vor den Schäden des Klimawandels anbieten, andererseits in Kohleprojekte investieren. (Foto: SPBer/​Wikimedia Commons; Porträtfoto Peter Bosshard: Christine Bärlocher)

Peter Bosshard leitet das Finanzprogramm von Sunrise Project, einer internationalen Umweltorganisation mit Sitz in Australien.

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