Die "Grüne Zone" gehört ins Zentrum

Die Rituale der Weltklimagipfel wie zuletzt in Marrakesch sollten gründlich verändert werden. In den Mittelpunkt gehören die Menschen und Initiativen, die sich seit Jahren gegen den Klimawandel stemmen, und nicht länger die Verhandler. Denn jetzt geht es vor allem darum, das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.

Ein Standpunkt von Saleemul Huq

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Nachdem ich an jeder der bislang 22 Klimakonferenzen teilgenommen habe, denke ich, dass die Zeit gekommen ist, die Aufgabe und das Format dieses Klima-"Jahrmarkts" radikal zu überdenken. Das gilt vor allem nach dem Inkrafttreten des historischen Paris-Abkommens. Denn jetzt diskutieren wir über die Erfüllung des Abkommens und verhandeln nicht mehr über einen neuen Klimavertrag.

Seit mehreren Jahren betonen die Gastgeber der Klimakonferenzen wie in Peru 2014 und in Frankreich 2015, wie wichtig es ist, dass nicht nur Regierungsvertreter an den Konferenzen teilnehmen, sondern auch viele Protagonisten für den Klimaschutz: Unternehmen, Bürgermeister, Wissenschaftler, Parlamentarier, Vertreter der Zivilgesellschaft.

Diese Gruppen haben bisher Nebenveranstaltungen am Rande der Klimakonferenzen bestritten oder vor der Tür demonstriert. Doch längst sind sie Teil des Narrativs der jährlichen Klimakonferenzen. Diese Realität wird anerkannt, indem auf den Klimagipfeln eine "Grüne Zone" für solche Gruppen zur Verfügung gestellt wird – neben der "Blauen Zone" für die Verhandler.

Mein Vorschlag lautet daher: Wir sollten uns überlegen, ob wir nicht die eigentlichen Klimaschützer in die Mitte rücken – und die Klimadiplomaten an den Rand.

Im Format einer Bürgerversammlung

Das bedeutet: Nach der Vollversammlung zu Beginn der Konferenz stehen die großen Auditorien den Praktikern zur Verfügung, die dort ihre Klimaschutzmaßnahmen vorstellen können. (Wer in den Genuss dieses Privilegs kommt, könnte durch ein Antragsverfahren ermittelt werden.) Währenddessen werden die Verhandler in die Räumlichkeiten für die Nebenveranstaltungen verbannt.

Wenn in der zweiten Woche des Klimagipfels traditionell die Minister kommen, könnten diese auf dem Podium sitzen und Fragen der Menschen beantworten, statt Reden zu halten. Das Ganze könnte im "Town Hall"-Format stattfinden.

Und schließlich: Statt hinterher zu berichten, worauf man sich geeinigt hat – oder häufiger, worauf man sich nicht geeinigt hat –, sollten die Medien erzählen, was rund um die Welt im Kampf gegen den Klimawandel getan wird.

Das globale Ausmaß des Klimaproblems, das längst Realität geworden ist, während wir 22 Jahre lang verhandelt haben, erfordert ein radikales Überdenken der Aufgabe und des Formats für das jährliche Treffen Zehntausender Menschen aus allen Ländern der Welt. Die sollten ihr Hauptaugenmerk auf den Klimaschutz selbst richten statt auf die Verhandlungen darüber.

BildDie große Politik sieht aktive Klimaschützer oft nur als Beiwerk: Kurzbesuch des Staatspräsidenten in der "Grünen Zone" beim Klimagipfel COP 21 vor einem Jahr in Paris. (Foto: Benjamin Géminel/​COP 21/​Flickr)

Saleemul Huq ist Direktor des Internationalen Zentrums für Klimawandel und Entwicklung an der Unabhängigen Universität von Bangladesch.

Der hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlichte Text erschien zuerst auf Englisch im britischen Online-Magazin Climate Home. Übersetzung für klimaretter.info: Christian Mihatsch

 

Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko
finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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